Ein paar Hexen mit Reisekoffern und ein Zauberer mit zerlesener Tageszeitung füllten den Topfenden Kessel am siebten Tag nach Khepris Ankunft. Tom der Wirt stand hinter der Theke und polierte Gläser, als wäre es sein Ritual. Khepri saß am kleinen Tisch nahe dem Fenster, wo das Licht schräg über das Holz fiel. Vor ihr lag ein aufgeschlagenes Pergament, daneben eine zweite Rolle, noch ungeöffnet, mit einem Siegel, das nicht englisch war. Sie stand seit Monaten in Korrespondenz. Ihre erste Anfrage war im Frühjahr hinausgegangen, nachdem ihr Professor Babbling das alte Buch aus Alexandria vermittelt hatte – vorsichtig formuliert, sachlich, beinahe distanziert. Fragen nach Archivbeständen. Nach Forschungsgruppen zu vergessenen Runensequenzen. Nach der Rekonstruktion verlorener Hekau-Praktiken.
Die Antworten waren erst knapp, wurden dann ausführlicher. Dann ernsthaft interessiert. Und nun lag das Ergebnis vor ihr. Die Akademie von Alexandria bot ihr ein einjähriges Praktikum an. Beginn zum ersten September. Zugang zu den Archiven. Mitarbeit in einem kleinen Forschungsteam zur Rekonstruktion prä-dynastischer Schutzformeln. Unterkunft auf dem Campus möglich.
Khepri strich mit dem Finger über das Siegel, bevor sie es brach. Sie las den Brief nicht hastig, saugte stattdessen jede Zeile, jedes Wort in sich auf. Ihre Augen waren klar, ihr Atem ruhig. Ein Jahr. Weiter weg konnte man kaum gehen, ohne ganz zu verschwinden.
Ein Gedanke an Téta huschte durch sie. An ihre Geschichten von Sonne, Salzluft und der Schwere einer Rückkehr, die keine freiwillige gewesen war. Ägypten hatte in der Familie nie als Sehnsuchtsort gegolten. Eher als Wunde. Als Kapitel, das man nicht laut las.
Sie faltete den Brief sorgfältig zusammen. Ich gehe freiwillig, dachte sie. Das ist der Unterschied.
„Ich habe dich gesucht.“ Percys Stimme war nicht laut, aber sie durchschnitt die Stille wie eine korrekt formulierte Fußnote. Khepri hob den Blick. Er stand in der Tür, die Robe ordentlich, die Haltung aufrecht wie immer. Nur seine Stirn war nicht ganz so glatt wie sonst. „Mich zu finden dürfte nicht schwer gewesen sein“, sagte sie ruhig. „Ich habe kein Geheimnis aus meinem Aufenthaltsort gemacht.“ Er trat näher, zog den Stuhl ihr gegenüber zurück und setzte sich, ohne gefragt zu werden. Das tat er nur, wenn es wichtig war. In seiner Hand hielt er einen Brief – zerknittert an den Rändern, als wäre er öfter gelesen worden, als es dem Papier guttat. „Deine Mutter hat mir geschrieben“, sagte er. Khepri nickte einmal. „Das dachte ich mir.“ Percy legte den Brief auf den Tisch. „Sie klingt…“ Er suchte nach einem Wort, das nicht dramatisch war. „Aufgelöst.“ „Das ist sie vermutlich.“ Sein Blick wurde schärfer. „Khepri.“ In der Nennung ihres Namens steckte eine dringende Aufforderung. Sie sah ihn an, lange genug, dass er verstand, dass sie nicht ausweichen würde. Nicht diesmal. „Papa ist nicht mein Vater“, sagte sie ruhig. „Zumindest nicht biologisch.“ Percy blinzelte. Einmal. Zweimal. Sein Verstand sortierte schneller, als sein Gesicht reagieren konnte. Dann nickte er, immerhin stand das ja seit Monaten als Möglichkeit im Raum. „Und wer…?“ „Rabastan Lestrange.“ Der Name lag zwischen ihnen wie ein Gegenstand, den man nicht versehentlich berührt. Percys Finger spannten sich leicht um die Tischkante. Er sagte nicht sofort etwas. Er war nicht der Typ, der impulsiv reagierte. Er prüfte. Ordnete. Reihte ein.„Bist du sicher?“ „Ja.“ „Weiß dein Vater-“ „Seit letzter Woche, falls Mama es ihm erzählt hat.“ Stille.
Tom stellte irgendwo ein Glas ab. Eine Eule flatterte kurz auf. Das Leben ging weiter. „Und du bist gegangen“, sagte Percy schließlich. „Ja.“ Er musterte sie lange. „Warum? Weil du es nicht ausgehalten hast?“ „Weil ich es nicht weiter ertragen wollte, so zu tun, als wäre nichts passiert.“ Ihre Stimme war ruhig. „Ich wollte wissen, wer ich bin. Und jetzt weiß ich es.“ Percy lehnte sich zurück. „Und was ändert das?“ „Nichts“, sagte sie sofort. Dann, leiser: „Und alles.“ Sein Blick fiel auf den Brief aus Alexandria. „Und das?“ „Das war schon vorher geplant.“ „Vorher?“ Er hob eine Augenbraue. „Wie lange?“ „Seit Monaten.“ Percy atmete langsam aus. „Du wechselst also nicht impulsiv den Kontinent.“ Khepri lächelte sanft. „Nein.“ Ein kaum merkliches Nicken. Er respektierte Planung. „Du gehst nach Ägypten.“ „Ja.“ „Wegen der Forschung.“ „Ja.“ Er sah sie noch einmal an. „Und nicht, um zu fliehen?“ Khepri hielt seinem Blick stand. „Wenn ich fliehen wollte, würde ich nicht mit dir hier sitzen.“ Das brachte ein kurzes, fast unsichtbares Lächeln auf sein Gesicht. „Was willst du jetzt?“, fragte er schließlich. Sie sah zum Fenster hinaus, wo die Winkelgasse im Morgenlicht lag.
„Ich möchte ihn sehen.“ Percys Ausdruck veränderte sich kaum. Nur die Pupillen weiteten sich minimal. „Lestrange?“ „Ja.“ „Warum?“ Sie überlegte nicht lange. „Weil ich ihn nicht als Akte oder als Randnotiz oder als Erinnerung aus der Vergangenheit meiner Mutter begreifen will.“ Das verstand er. „Du willst wissen, ob er ein Mensch ist.“ „Er ist einer“, sagte sie ruhig. „Die Frage ist nur, was für einer.“
Percy faltete die Hände ineinander. „Askaban ist kein Ort für spontane Besuche.“ „Deshalb rede ich mit dir.“ Er nickte langsam. „Du bist volljährig.“ Khepri bestätigte mit einem Nicken.
„Und wenn du es sachlich begründest… als Recherchezweck. Als Klärung familiärer Hintergründe. Mit Bezug auf eine mögliche Neubewertung damaliger Aussagen deiner Mutter…“ „… dann ist es zumindest nicht ausgeschlossen“, beendete sie seinen Gedanken. Er sah sie lange an. „Du bist dir bewusst, dass das kein harmloser Besuch ist?“ „Ja.“ „Und dass ich das nicht vertuschen kann, falls-“ „Ich verlange nichts Illegales von dir, Percy.“
Ein kurzer Moment schien sie zu wissen, dass er an den Scripta Memoria Diebstahl bei Snape zurückdachte. Dann nickte er. „Gut.“
Er griff nach dem zerknitterten Brief ihrer Mutter, schob ihn beiseite. „Dann machen wir es richtig.“ Khepri sah wieder auf das Pergament aus Alexandria. Ein Jahr in der Sonne.
Aber zuerst: Askaban.
Am nächsten Tag kam Percy zu Besuch, um ihr dabei zu helfen, eine wasserdichte Argumentation für einen Antrag auf Besuchsrecht in Askaban zu erstellen. Percy ließ den Brief von Alexandria zwischen seinen Fingern kreisen, als wäre er ein weiteres Dokument, das man in einen sauberen Ordner einsortieren konnte. „Wir brauchen eine Grundlage“, sagte er schließlich. „Rein emotionales Interesse wird nicht ausreichen.“ „Ich weiß.“
Khepri saß aufrecht, die Hände ruhig auf dem Tisch. Sie wirkte nicht wie jemand, der impulsiv in ein Gefängnis wollte. Eher wie jemand, der eine Akte öffnen wollte. „Du bist volljährig“, beharrte Percy erneut. „Das hilft. Und als direkte Verwandte-“ „Das bin ich offiziell nicht“, unterbrach sie ihn leise. Er hielt inne. „Rechtlich nicht. Biologisch schon.“ „Und das kann ich nicht nachweisen.“ Percy nickte langsam. „Nicht ohne offizielle Anerkennung. Und die wirst du kaum aus einem dementorbewachten Hochsicherheitsgefängnis heraus initiieren.“
Ein kurzer Schatten huschte über ihr Gesicht, aber sie blieb ruhig. „Ich will nichts anerkennen. Ich will ihn sehen.“ Percy stützte die Ellbogen auf den Tisch. „Dann argumentieren wir anders.“ Sein Ton wechselte – weg vom Freund, hin zum angehenden Ministeriumsbeamten. „Deine Mutter war damals Hinweisgeberin in einem sehr wichtigen Durchbruch gegen die Radikalen. Ihre Aussage war relevant für die Verurteilung mehrerer Todesser. Wenn du darlegen kannst, dass du familiäre Zusammenhänge aufarbeiten willst, um mögliche Unklarheiten in den damaligen Umständen zu verstehen-“ „-dann bin ich nicht die Tochter eines Gefangenen“, ergänzte Khepri seinen Gedankengang, „sondern eine Zeugin mit potenziell neuen Perspektiven.“
Percy sah sie anerkennend an. „Du denkst schnell.“ „Ich hatte eine Woche.“ Er verzog kaum merklich den Mund. „Du weißt, dass du damit alte Akten wieder berührst.“ „Ja.“ „Und dass das für deine Mutter Konsequenzen haben könnte.“ Khepri hielt seinem Blick stand. „Ich werde nichts erfinden. Ich werde nichts provozieren. Ich will nur sprechen.“
Percy musterte sie lange. „Und wenn er dich manipulieren will?“ „Dann werde ich es merken.“ Hoffentlich. „Du kannst nicht sicher sein.“ Das stimmt. „Ich bin sicher genug.“
Ein paar Sekunden vergingen. Tom rief einem Kunden etwas zu. Eine Eule ließ Federn auf den Boden rieseln. Die Welt war banal, während sie über Askaban sprachen. „Was genau willst du ihn fragen?“, fragte Percy schließlich. Khepri dachte nicht lange nach. „Wie es damals wirklich war. Zwischen ihm und meiner Mutter.“ Percy nickte knapp.
„Ob er wusste, dass sie ihn verraten würde.“ Ein kaum sichtbares Zucken in Percys Gesicht. „Und die Longbottoms?“ Ihre Stimme zitterte nicht. „Ja.“ Er lehnte sich zurück. „Das ist kein neutrales Thema.“ Khepri zuckte leicht mit den Schultern. „Nichts an ihm ist neutral.“ „Und was, wenn er seine Ideologie nicht bereut?“, fragte Percy leise. Khepri sah ihn an. „Ich gehe nicht hin, um ihn zu retten.“ „Sondern?“ „Um ihn zu sehen.“ Percy ließ diese Antwort wirken. Dann zuckte sein Mundwinkel merklich nach unten. „Du willst wissen, ob du ihm ähnlich bist.“ Sie zögerte nicht. „Ja.“ Percy atmete langsam aus. „Na gut.“
Er griff in seine Tasche und zog ein kleines Notizbuch hervor. Er begann, Stichpunkte zu notieren. „Du reichst eine Anfrage ein. Offiziell. Über die Abteilung für magische Strafverfolgung. Du betonst deinen Forschungsansatz und den historischen Kontext. Keine emotionalen Formulierungen. Keine persönlichen Wertungen.“ „Natürlich nicht.“
„Ich kann nichts beschleunigen,“, fügte er hinzu. „Aber ich kann versuchen sicherzustellen, dass es korrekt geprüft wird.“ Khepri nickte. „Mehr kann ich nicht erwarten.“ Percy hielt inne, sah sie noch einmal direkt an. „Du bist dir bewusst, dass du ihn nicht als das sehen darfst, was du brauchst.“ „Ich weiß.“ „Und wenn du ihn siehst und nichts fühlst?“ „Dann weiß ich auch das.“ Er klappte sein Notizbuch mit einem lauten Klatschen zusammen. „Gut.“
Ein letzter Moment der Stille legte sich zwischen sie. „Wann beginnt dein Praktikum?“, fragte Percy. „Erster September.“
Er rechnete kurz im Kopf. „Wir sind Ende Juli. Wenn die Anfrage schnell durchgeht, bekommst du einen Termin innerhalb der nächsten Wochen.“ „Eine Woche wäre ideal.“
Er hob eine Augenbraue. „Du hast es aber eilig.”
Khepri stand eine Woche später einen Moment unter dem gewölbten Atrium, bevor sie sich in Bewegung setzte. Der goldene Brunnen in der Mitte plätscherte unbeeindruckt, als hätte er nie von Krieg gehört, nie von Prozessen, nie von Namen wie Lestrange. Hexen und Zauberer eilten an ihr vorbei, Roben in gedämpften Farben, Aktentaschen unter dem Arm, Gespräche in halblautem Tonfall. Sie war nicht hier, um zu staunen.
Percy ging einen halben Schritt vor ihr, nicht führend, eher bahnbrechend. Seine Schultern waren aufrechter als sonst. Er gehörte hierher, das sah sie sofort. Offenbar hatte er seine Berufung gefunden und kaum ein Monat Ministeriumszugehörigkeit schien ihm mehr zu gefallen als Hogwarts es je getan hatte. Kein Wunder, dass er sich ohne Pause in seine neue Arbeit gestürzt hatte. „Bleib bei der Formulierung“, murmelte er leise, ohne sie anzusehen. „Sachlich. Kein persönlicher Einschub.“ „Natürlich.“
Sie erreichten die Abteilung für magische Strafverfolgung. Eine schwere Tür, ein diskretes Schild, keine überflüssige Verzierung. Percy klopfte, trat ein, sprach kurz mit einer Sekretärin, deren Blick prüfend über Khepri glitt. „Miss Khairy hat eine formelle Anfrage eingereicht“, erklärte Percy ruhig. „Es geht um einen Besuch in Askaban im Rahmen einer möglichen historischen Kontextualisierung damaliger Zeugenaussagen.“
Die Sekretärin zog eine Augenbraue hoch. „Lestrange?“ „Rabastan Lestrange“, bestätigte Khepri selbst. Der Name wurde notiert, als wäre er eine Nummer. Kein Flüstern, kein Schock. Nur Bürokratie.
Man ließ sie warten. Ein Raum mit zwei Stühlen, ein Fenster ohne Ausblick, eine Uhr, deren Ticken überdeutlich war. Khepri saß gerade, die Hände im Schoß, ihr Antrag ordentlich gefaltet auf dem Tisch vor ihr. Percy schwieg. Er wusste, dass jetzt nichts mehr von ihm abhing. Nach einer Weile öffnete sich die Tür. „Miss Khairy?“
Die Stimme war erdend, tief, getragen von einer Autorität, die nicht laut werden musste. Kingsley Shacklebolt trat ein, groß, aufrecht, sein Blick wachsam, aber nicht feindselig. Er musterte Khepri mit einer Art professioneller Neugier. „Sie möchten Rabastan Lestrange besuchen.“ „Ja, Sir.“ „Aus welchem Grund?“ Khepri antwortete ohne Zögern. „Zur Klärung persönlicher und historischer Zusammenhänge im Kontext seiner Verurteilung. Meine Mutter war damals als Hinweisgeberin beteiligt.“
Kingsleys Blick veränderte sich kaum. „Und Sie glauben, dass ein Gespräch mit dem Gefangenen neue Erkenntnisse bringt?“ „Nicht zwingend neue“, sagte sie ruhig. „Aber direkte.“ Stille.
„Sie sind sich bewusst, dass Askaban kein Ort für… emotionale Experimente ist?“ „Ja.“ „Und dass die Lestranges nicht als kooperativ bekannt sind?“ „Das ist mir bewusst.“ Kingsley musterte sie länger. „Sie wirken vorbereitet.“ „Ich bin es.“ Ein kaum sichtbares Nicken.
„Haben Sie persönliche Verbindungen zu dem Gefangenen?“ Die Frage hing schwerer als alle vorherigen, aber Khepri hatte damit gerechnet, dass man sie ihr stellen würde. „Ja“, sagte sie leise. Percy bewegte sich nicht. Kein Muskel. „In welcher Form?“ „Biologisch.“
Keine Ausschmückung. Keine Dramatik. Kingsleys Blick wurde schärfer. „Ist das offiziell dokumentiert?“ „Nein.“ „Sie beabsichtigen also, eine private Angelegenheit mit staatlichen Ressourcen zu verbinden.“ „Ich beabsichtige, ein Gespräch zu führen, Sir. Unter Aufsicht. Im Rahmen der geltenden Regeln.“ Kingsley ging schweigend ein paar Schritte im Raum. Seine Haltung war nicht ablehnend – nur prüfend. „Sie wissen, dass wir jeden Besuch dokumentieren.“ „Das ist natürlich in Ordnung.“ „Und dass ein Auror anwesend sein wird.“ „Selbstverständlich.“ Er blieb stehen. „Warum jetzt?“ Khepri antwortete nicht sofort. „Weil ich vorhabe, England zu verlassen“, sagte sie schließlich. „Und ich keine offenen Fragen mitnehmen möchte.“ Kingsley betrachtete sie noch einen Moment, als wäge er nicht nur ihre Worte, sondern ihre Haltung. Ihre Ruhe. Ihre Klarheit. „Ich begleite Sie“, sagte er schließlich.
Percys Kopf hob sich minimal.
„In neun Tagen“, fuhr Kingsley fort. „Der nächste reguläre Transport ist am kommenden Mittwoch. Es bleibt bei einem zeitlich begrenzten Gespräch. Keine körperliche Nähe. Keine Gegenstände. Keine Schriftstücke.“ „Verstanden.“ „Und Miss Khairy-“ Sie hob den Blick.
„Wenn Sie das Gefühl haben, dass dieses Gespräch nicht das ist, was Sie erwartet haben, beenden wir es. Sofort.“ „Danke, Sir.“ Kingsley nickte einmal. „Dann sehen wir uns Mittwoch.“
Als sie das Büro verließen, war das Atrium noch immer so hell wie zuvor. Nichts hatte sich sichtbar verändert. Percy blieb neben ihr stehen. „Du bekommst also deinen Termin“, sagte er leise. „Ja.“ „Und du bist ruhig.“ Khepri versuchte sich an einem schiefen Lächeln und scheiterte. „Noch.“ Er sah sie an. „Neun Tage.“ „Genug Zeit.“ „Wofür?“
Khepri blickte zum goldenen Brunnen, dessen Wasser unbeirrt fiel. „Um zu entscheiden, was ich wirklich wissen will.“
Askaban war nicht mehr Theorie. Es hatte jetzt ein Datum.
Die Überfahrt nach Askaban war wortlos, das Meer grau. Nicht dramatisch, nicht stürmisch – einfach farblos. Das Boot schnitt durch das Wasser, ohne Wellen zu schlagen. Kingsley saß gegenüber von Khepri, die Hände locker auf den Knien, der Blick geradeaus gerichtet.
Er sprach nicht. Sie auch nicht.
Die Luft wurde kälter, je weiter sie sich vom Festland entfernten. Nicht nur kühl – leer. Als würde Wärme hier nicht lange überleben. Askaban tauchte nicht plötzlich auf. Es war erst ein Schatten. Dann eine Form. Dann Stein. Es war kein direkt sichtbarer Schrecken an ihm - nur Masse an Trostlosigkeit.
Das Boot legte an, Holz auf Stein. Es gab ein unschönes, dumpfes Geräusch. Zwei Auroren warteten bereits am Eingang. Sie verloren kein Wort der Begrüßung, nur ein Nicken zu Kingsley. „Bleiben Sie nah bei mir“, sagte er ruhig. Khepri nickte gehorsam.
Die Türen öffneten sich mit einem schweren, widerwilligen Laut. Der Geruch war abgestanden, als wäre nicht genug Luft für alle übrig.
Und dann spürte sie es. Ein leiser, innerer Zug an Erinnerungen, die nicht ihre waren. Kingsleys Präsenz war stabil neben ihr – wie ein Anker. Sie richtete sich minimal auf. „Nicht reagieren“, sagte er leise. Sie tat es nicht.
Die Gänge waren schmal. Schritte hallten dumpf wider. Türen. Gitter. Schatten, die keine Gesichter hatten. Niemand rief. Niemand schrie. Askaban war kein Ort für Dramatik. Er war ein Ort für Stillstand. „Hier“, sagte Kingsley schließlich.
Die Zelle war kaum größer als ein kleines Zimmer. Ein schmales Bett. Ein Tisch. Stein.
Und ein Mann. Er stand nicht aufrecht. Er saß. Der Kopf leicht gesenkt, die Hände lose ineinander verschränkt. Seine Haare waren länger, dunkler als in den alten Bildern, die Khepri gesehen hatte. Sein Gesicht schmaler. Die Wangen eingefallen, aber nicht gebrochen.
Als die Tür sich öffnete, hob er den Kopf. Für einen Sekundenbruchteil lag etwas in seinem Blick – Erwartung? Gewohnheit? Vielleicht eine Erinnerung. Sein Ausdruck veränderte sich.
Er musterte sie. Die Haltung. Die Augen. Das Gesicht. Sein Blick wurde schärfer.
„Shijia“, sagte er leise. Es war kein Vorwurf. Kein Gruß. Nur ein Name, den er seit Jahren nicht mehr ausgesprochen hatte. Khepri trat einen Schritt näher. Nicht zu nah.
„Nein“, sagte sie ruhig. Er blinzelte. „Mein Name ist Khepri Khairy.“ Stille.
Seine Stirn legte sich in Falten. Dann rechnete er. Sein Blick fiel auf ihr Gesicht, er musterte ihre Augen. Dann schätzte er ihr Alter. Er verstand, ohne dass sie es aussprechen musste.
Es war kein dramatischer Moment. Kein Aufspringen. Kein Griff an die Gitterstäbe. „Achtzehn?“ fragte er leise. Khepri nickte einmal. Kingsley blieb im Hintergrund, wachsam, aber still. Rabastan erhob sich langsam. Nicht taumelnd. Nicht schwach. Nur vorsichtig.
Er kam nicht näher als erlaubt. Sein Blick war nicht weich, aber auch nicht hart. Er war… suchend. „Was willst du?“, fragte er schließlich. Khepri hielt seinem Blick stand. „Wissen.“
Er sah sie lange an. „Das ist ein teures Wort“, sagte er ruhig. „Ich kann es mir leisten.“
Ein kaum sichtbarer Zug um seinen Mund, ihre Hybris hielt es für Anerkennung. Askaban schwieg um sie herum.
Und zum ersten Mal standen sich Vater und Tochter gegenüber - als zwei Menschen, die sich nicht kannten.
Rabastan blieb stehen, die Hände locker an den Seiten, als würde er entscheiden, wie viel von sich er preisgeben wollte. „Dann frag“, sagte er.
Khepri hatte sich auf diesen Moment vorbereitet. Nicht mit Gefühlen, sondern mit Struktur. Ihre Hände waren ruhig, ihr Blick klar. „Wie lange kannten Sie meine Mutter?“ Sie verzichtete auf eine Anrede wie „Vater“. Rabastans Blick veränderte sich kaum. „Seit Hogwarts.“ „Welches Haus?“ „Slytherin.“ Ein kaum merklicher Zug um seinen Mund. „Sie war besser als die meisten von uns.“ „Inwiefern?“ „Sie hat gedacht.“ Er lehnte sich leicht gegen die Wand, als wäre sie sein einziger Verbündeter. „Nicht nur reagiert.“ Khepri nickte einmal. Das passte zu ihrer Mutter. „Wann begann Ihre… Beziehung?“ Er musterte sie kurz. „Du formulierst vorsichtig.“ „Ich bevorzuge Genauigkeit.“
„Wir waren in Hogwarts für eine Weile zusammen. Dann verloren wir uns aus den Augen. Im Frühjahr fünfundsiebzig sah ich sie wieder.“, sagte er schließlich. „Kurz vor meiner endgültigen Bindung an die Sache. Wie ich später herausfand, hatte sie zu dem Zeitpunkt bereits einen Mann und ein kleines Kind.“ Khepri beschloss, die letzte Information vorerst auf Eis zu legen und sich stattdessen auf andere Fakten zu konzentrieren. „An die Sache? Sie meinen an den Dunklen.“ Er hob eine Augenbraue. „Du sprichst wie eine von uns.“ „Sagen Sie das nicht.“ Ein kurzes Schweigen. „War es ideologisch?“, fragte sie. „Oder persönlich?“ „Was?“ „Ihre Beziehung.“
Er ließ sich Zeit mit der Antwort. „Persönlich“, sagte er schließlich. „Nicht strategisch.“ Sie hielt seinem Blick stand. „Haben Sie sie geliebt?“ Das war die erste Frage, die nicht rein historisch war. Rabastan sah sie forschend an. „Das Wort ist unpräzise“, sagte er ruhig. „Aber ich habe sie gewollt.“ Khepri registrierte diese sachliche Antwort als das, was sie war: ehrlich und frei von jeder Romantik.. „Wussten Sie, dass sie Sie verraten würde?“ Seine Augen verengten sich minimal. „Nein.“ „Hätten Sie es erwartet?“ „Nein.“
„Haben Sie es ihr verziehen?“ Ein fast unsichtbares Zucken zog durch sein Gesicht. „Verzeihen impliziert moralische Überlegenheit“, sagte er leise, beinahe flüsternd. „Ich war nicht unschuldig.“ Sie nickte leicht. „Sie wussten genau, was Sie taten. Und welche Konsequenzen daraus zu ziehen würden“ „Ja.“ „Auch bei den Longbottoms?“ Das war der Punkt, an dem die Luft im Raum kälter wurde. Kingsley bewegte sich nicht, aber seine Aufmerksamkeit schärfte sich. Rabastan sah sie lange an. „Du stellst Fragen, als würdest du eine Chronik schreiben.“ „Ich will keine Gerüchte.“ Er sah sie eine Weile schweigend an „Wir waren dort“, sagte er schließlich ganz ohne Ausschmückung oder Detail. „Warum?“ „Befehl.“
„Sie haben also nur Befehle ausgeführt?“ Rabastan holte tief Atem. „Ja.“ Es war eine Tatsache, in der weder Stolz noch Reue zu finden waren. Khepri sah ihn an. Suchte in seinem Gesicht nach etwas – Riss, Zweifel, etwas, das sie einordnen konnte.
„Haben Sie es geglaubt?“, fragte sie leise. „Was man Ihnen sagte? Über Macht. Über Reinheit. Über Notwendigkeit?“ Er trat einen halben Schritt näher an die Gitter. Er sah ehrlich interessiert aus. „Du willst wissen, ob ich verblendet war.“ „Ja.“ „Nein“, sagte er ruhig. „Ich war überzeugt.“ Khepri merkte, tief in ihrem Inneren, dass sie es ihm hoch anrechnete, dass er sie nicht anlog.
„Und heute?“, fragte sie leise. „Heute bin ich in Askaban.“ Das war keine Antwort – und doch war es eine.
Sie musterte ihn lange. Sein Gesicht war schmaler als auf den alten Fotos, die sie gesehen hatte. Aber seine Augen waren klar. Er wirkte weder leer noch wahnsinnig.
Ein Mensch. Ein Täter. Beides.
„Warum sind Sie nicht gebrochen?“, fragte sie. Er hob minimal das Kinn. „Weil ich weiß, wer ich bin.“ Das traf Khepri und beeindruckte sie tief. Sie senkte kurz den Blick, nur um ihn wieder zu heben.
„Ich wollte wissen, ob ich dir ähnlich bin.“ Er musterte sie, als sie unbewusst ihre Anrede ihm gegenüber veränderte. „In welchem Sinn?“
„In Irgendwas.“ Ein Hauch von etwas Unbestimmtem glitt über sein Gesicht. „Du bist gekommen“, sagte er ruhig. „Das allein beantwortet die Frage.“
Kingsleys Stimme war ruhig, aber präsent. „Miss Khairy.“ Eine leise Erinnerung an Zeit und Grenzen. Khepri nickte kaum merklich. Aber sie war noch nicht fertig. Noch nicht.
Kingsleys Stimme verhallte, ohne dass er sie konkret unterbrach. Es war kein Ende – nur eine Mahnung, dass Zeit in Askaban nicht unendlich war. Khepri wandte den Blick nicht von Rabastan ab. „Ich habe noch Fragen“, sagte sie ruhig. „Das sehe ich“, erwiderte er.
Ein Moment Stille verhallte, in dem sie sich neu sortierte. Sie versuchte, ihre Rolle in diesem Gespräch neu zu verhandeln - von einer Anklägerin zur Tochter. „Wusstest du von der Schwangerschaft?“ Er schüttelte entschieden den Kopf. „Nein.“ „Meine Mutter hat es Ihnen nicht gesagt?“ „Nein.“ „Nicht einmal… angedeutet? Kein einziges Mal?“ „Nein.“
Er hielt ihrem Blick stand. „Ich erfuhr von ihrer Aussage. Von der Verhaftung. Von den Prozessen. Nicht von dir.“
Oder von Shukran. „Ich habe einen Zwillingsbruder“, sagte sie schließlich. Zum ersten Mal veränderte sich sein Gesicht deutlich, von ernster Überraschung über ein Kind zu Schock über ein plötzliches zweites. „Zwillingsbruder“, wiederholte er leise. Zwei Kinder. Achtzehn Jahre. Ohne sein Wissen.
„Name?“, fragte er. „Shukran.“ Er murmelte den Namen ein paar Mal vor sich hin, als würde er sich den Klang merken. „Ist er-“ Er brach ab, als müsste er entscheiden, ob er das Recht hatte, weiterzufragen. „Er weiß es nicht“, sagte sie ruhig.
Rabastan sah sie lange an. „Und du bist hier.“ „Ja.“ „Warum?“ „Weil ich nicht wollte, dass du nur ein Akteneintrag bleibst.“ Weitere Momente vergingen, in denen sie sich einfach anstarren. „Und jetzt?“, fragte er leise. „Jetzt weiß ich, dass du ein Mensch bist."
Er musterte sie, als würde er prüfen, ob das Urteil genügte. „Was machst du?“, fragte er dann. Die Frage war schlicht. Fast beiläufig. „Ich forsche.“ „Woran?“ „Hekau. Vergessene und verlorene Magie. Ursprünge. Schutzformen.“ Ein leises Interesse trat in seinen Blick. „Alt und interessant.“ „Ja.“ „Du suchst nach Dingen, die überdauern.“ „Ja.“
Ein weiterer Moment, in dem sie sich einfach nur ansahen – nicht als Gegner, sondern als zwei Menschen, die Struktur schätzten. Eine Gemeinsamkeit.
„Und dein Bruder?“, fragte er. „Er ist glücklicher als ich.“ Fast ein Hauch von Wärme lag in dieser Antwort. „Gut“, sagte Rabastan leise, beinahe erleichtert.
„Er glaubt an Dinge“, fuhr Khepri fort. „An Menschen. An Zukunft.“ „Und du?“ „Ich glaube an Klarheit.“ Khepri bemerkte einen kaum merklichen Zug an seinem Mund. Er lächelte sie an.
„Du bist nicht hier, um mich zu retten“, stellte er fest. „Nein.“ „Und nicht, um mich zu verurteilen.“ „Nein.“ „Also was dann?“ Sie überlegte einen Moment. „Um mich nicht selbst zu belügen. Um zu wissen, wo ich herkomme. Um dem Namen ein Gesicht zu geben.“ Rabastan betrachtete sie, als sähe er etwas, das nicht vorgesehen war.
„Wenn du jemals die Chance bekommen solltest, Askaban lebend zu verlassen“, fragte sie schließlich, „würden sich deine Ansichten ändern?“ Kingsley hob minimal den Kopf. Das war die erste wirklich gefährliche Frage. Rabastan antwortete nicht sofort, aber sein Blick hielt ihren fest. Er dachte über sie nach. Dann sagte er nichts. In seinem tiefen, unbegekt klaren Blick, lag weder Ablehnung noch Zustimmung. In diesem Blick lag die Antwort.
Khepri nickte kaum merklich. „Ich gehe nach Ägypten“, sagte sie ruhig. „Warum?“ „Weil ich kann.“
Ein leises Ausatmen von ihm. Fast ein Schatten von etwas, das Stolz hätte sein können – oder Bedauern. Kingsleys Stimme war diesmal deutlicher. „Miss Khairy. Es ist Zeit.“
Khepri hielt Rabastans Blick noch einen Moment. „Auf Wiedersehen“, sagte sie dann sanft. Sie streckte ihre Finger durch die Gitter, obwohl Kingsleys scharfes Einatmen sie beinahe davon abgehalten hätte. Er ging nur nicht dazwischen, weil es ihre Eigene Verantwortung war, ob sie einen Teil ihrer Hand verlor.
Rabastan Lestrange schien ihr nicht gefährlich. Er berührte ihre ausgestreckten Finger kurz mit seinen eigenen, fühlte die Wärme in ihrer Hand und zog sich dann wieder zurück.
Er sagte nichts. Aber als sie sich umdrehte und die Tür sich hinter ihr schloss, blieb er stehen. Seine Hand hatte sich unbewusst um die Gitterstäbe gelegt.
Er blickte ihr nach, bis sie nicht mehr zu sehen war.
Dann ließ er los. Und Askaban war wieder still.
Khepri war einige Stunden später zurück im Tropfenden Kessel. Sie hatte im Ministerium im Beisein von Kingsley ihre Aussage gemacht und war dann wieder in ihr Leben entlassen worden. Nun hörte sie aus dem kleinen Dachzimmer bei offener Tür dem Trubel im Gastraum zu. Unten wurde gelacht. Irgendwo klirrte Glas. Eine Eule schimpfte beleidigt, weil jemand ihre Ruhe störte. Khepri saß auf dem schmalen Bett ihres Zimmers, den Rücken an die Wand gelehnt, die Beine angewinkelt. Die Kerze auf dem Tisch war fast heruntergebrannt.
Sie roch die Einsamkeit Askabans noch in ihren Kleidern. Natürlich hatte Einsamkeit keinen Geruch. Trotzdem fühlte sie sich eingehüllt von der Erinnerung. Sie spürte noch die Schwere in der Brust, als hätte die Luft dort nicht ganz zurückgefunden.
Sie ließ die Szene noch einmal durchlaufen. Sein Gesicht. Seine Augen. Die Art, wie er die Fragen nicht umging. Wie er nichts beschönigte. Wie er nichts widerrief. Überzeugt, hatte er gesagt. Nicht verblendet. Überzeugt.
Das hätte sie wütend machen können. Tat es nicht.
Sie legte den Kopf gegen die Wand und schloss die Augen. Er war kein Monster. Er war auch kein Missverständnis. Er war ein Mensch, der schlechte Entscheidungen getroffen hatte – und dafür saß er nun in Stein. Und sie? Sie war aus einer dieser Entscheidungen entstanden. Khepri zog die Beine enger an sich. „Ich hasse dich nicht“, murmelte sie in den leeren Raum, als könnte er sie hören. Die Worte fühlten sich nicht falsch an. Sie bedauerte, dass sie es ihm nicht gesagt hatte. Sie war so auf Autopilot gewesen dass sie nicht darüber nachgedacht hatte, wie die Bombe, die sie platzen gelassen hatte wohl auf ihn wirkte.
Sie hasste die Ideologie. Die Gewalt. Die Überzeugung, die andere Leben zerbrach. Aber ihn?
Er hatte sie angesehen wie ein Rätsel. Nicht wie Besitz. Nicht wie Erlösung. Sie dachte an seinen Blick, als sie von Shukran gesprochen hatte. An dieses kurze Innehalten. An die plötzliche Schwere von „zwei“.
Er hatte etwas bekommen und im selben Moment verloren. Vielleicht mehr, als er begriff.
Sie öffnete die Augen und starrte an die Zimmerdecke. War sie ihm ähnlich? Du bist gekommen, hatte er gesagt. Ja. Das war sie. Sie war gegangen, als sie es nicht mehr aushielt. Sie war gekommen, als sie Antworten wollte. Sie hatte Fragen gestellt, die unbequem waren. Und sie war nicht zurückgewichen.
Sie dachte an ihre Mutter. An den Sturm im Schlafzimmer. An das Wort „Fehler“.
Fehler waren Entscheidungen, die man bereute. Er bereute nichts. Und sie?
Sie würde ihre Entscheidungen nicht bereuen. Langsam setzte sie sich aufrechter hin.
Sie sah Parallelen in der Klarheit, in der Konsequenz, in der Art, nicht halb zu handeln.
Aber sie sah auch den Bruch. Er war überzeugt gewesen von einer Weltordnung, die Menschen in Kategorien teilte. Sie war überzeugt von Wissen, von Struktur, von Rekonstruktion. Er hatte Macht gesucht. Sie suchte Verständnis. Das war nicht dasselbe.
Sie rutschte vom Bett und ging zum kleinen Tisch. Das Kompendium aus Alexandria lag dort, daneben der Brief mit dem Siegel der Akademie.
Ein Jahr. Sonne. Archive. Staub, der nach Geschichte roch statt nach Verfall. Sie strich über das Pergament, dann löschte sie die Kerze. Im Dunkeln war ihr Atem ruhig.
Morgen würde sie packen. Und dann würde sie gehen.
Die Winkelgasse war noch nicht ganz wach, aber auch nicht mehr still. Ein paar Ladenbesitzer hoben Rollläden, eine Hexe balancierte Kisten vor ihrem Geschäft, von irgendwo roch es ganz wunderbar nach frischem Brot. Vor dem Tropfenden Kessel stand ein kleiner, unspektakulärer Koffer. Und vier Menschen, die so taten, als wäre das hier ein ganz normaler Abschied. Liliana war die Erste, die sie umarmte. Nicht überstürzt, nicht dramatisch – fest. Ihre Stirn lehnte sich für einen Moment gegen Khepris Schulter, als müsse sie prüfen, ob das hier real war. „Du gehst wirklich“, murmelte sie. Liliana trat einen Schritt zurück, musterte sie. „Nach Alexandria. Zu alten Runen und staubigen Archiven.“ „Das ist ziemlich genau der Plan.“
Ein Hauch von Lächeln huschte über Lilianas Gesicht. „Ich beginne auch ein Praktikum“, sagte sie dann, fast beiläufig. „Im Herbst.“ Khepri hob eine Augenbraue. „Was machst du?“
Liliana zögerte einen Sekundenbruchteil. „Magische Restaurierung. Artefaktpflege.“ Das passte nicht zu den glänzenden Empfängen, den polierten Esszimmern und den vorgefertigten Lebensläufen der Bletchleys. Khepri war begeistert. „Das klingt nach dir“, sagte sie strahlend. Liliana zuckte minimal mit den Schultern. „Es klingt nicht nach meiner Familie.“ „Vielleicht ist das der Punkt.“, murmelte Khepri ihr verschwörerisch zu.
Noch immer lächelnd wechselten sie einen vielsagenden Blick. Das Thema Evan blieb zwischen ihnen – unausgesprochen, aber nicht vergessen. Lilianas Augen hatten dieses Funkeln noch immer. Ob trotzig oder hoffnungsvoll, ließ sich nicht klar sagen. „Ich schreibe dir“, sagte Liliana. „Ich freu mich schon.“
Percy stand etwas abseits, wie immer korrekt gekleidet, obwohl es noch früh war. Er hatte tatsächlich keine Sommerferien gemacht – war direkt nach dem Abschluss ins Ministerium gegangen, als wollte er beweisen, dass er bereit war. „Die Akademie hat einen guten Ruf“, sagte er sachlich. „Und die Abteilung für internationale Forschung ist… beeindruckt.“ „Von meinen Anträgen?“ „Von deiner Formulierung.“ Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über sein Gesicht, immerhin hatte er die Hälfte ihrer professionellen Formulierungen selbst fabriziert. „Du weißt, dass ich erreichbar bin“, fügte er hinzu. „Falls du offizielle Korrespondenz brauchst. Oder… unoffizielle.“ „Ich werde wie immer nichts Illegales von dir verlangen.“ „Das weiß ich doch.“
Er trat näher und umarmte sie kurz – nicht ausufernd, aber ehrlich. Seine Hand lag einen Moment länger auf ihrem Rücken, als es seiner sonstigen Zurückhaltung entsprach. „Du bist sicher?“, fragte er leise. „Ja.“ „Gut.“ Mehr brauchte er nicht.
Marcus hatte bis dahin geschwiegen. Er stand neben ihrem Koffer, eine Hand locker im Nacken, als würde er überlegen, ob er etwas sagen sollte – oder ob das Überflüssig wäre.
„Also“, begann er schließlich, „Sonne. Sand. Alte Magie.“ Khepri lächelte ihr schönstes Lächeln. “Ein Traum, oder?”
Liliana umarmte Khepri ein letztes Mal, Percy nickte ihr zu, und dann ließen sie die beiden allein.
Die Winkelgasse wachte langsam auf.
Marcus hob den Koffer, ohne zu fragen, und ging neben ihr her bis zum vereinbarten Treffpunkt – eine unscheinbare alte Amphore, die auf einem leeren Platz zwischen zwei Gebäuden stand. Der Portschlüssel.
„Ich kann noch nicht fassen, dass du wirklich gleich weg bist“, murmelte er. „Ich bin immer erreichbar.“, versicherte sie ihm und drückte seine Hand „Das ist gut.“ Sie blieben stehen.
Es war kein dramatischer Moment. Kein Zittern in der Luft. Nur dieser kleine Zwischenraum, in dem zwei Menschen wussten, dass sich etwas verschiebt.
Ein kurzer Windstoß wehte durch die Gasse. Ihre Haare bewegten sich leicht, und für einen Moment sah sie jünger aus – und zugleich älter. Er trat einen Schritt näher und küsste sie. Es war der letzte Moment, den sie so für eine ganze Weile haben sollten, und der Teufel sollte verdammt sein, wenn er ihn nicht nutzen würde. Khepri schmiegte sich an ihn und er hielt sie fest in seinen Armen. Als sie sich lösten lag kein Drama zwischen ihnen. Nur Wärme. „Schreib mir“, sagte er. „Immer.“, versprach sie.
Er legte ihre Hand auf die Amphore. Dann trat er einen Schritt zurück.
Khepri atmete einmal tief ein. Askaban war hinter ihr. Khairy Manor war hinter ihr. Die Wahrheit war hinter ihr – und in ihr.
Vor ihr lag Alexandria. Sie warf einen letzten liebevollen Blick zu Marcus, dann sah sie auf ihre Armbanduhr. Es war Zeit.
Der Portschlüssel aktivierte sich mit einem Ruck, der ihr kurz den Atem nahm. Die Welt verzog sich, drehte sich, zog. Und dann war sie fort.
Marcus blieb stehen, bis die Luft sich wieder beruhigt hatte.
Und irgendwo, weit entfernt, begann für Khepri Khairy ein neues Kapitel.
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