Der Wind war kein Wind, er war ein Tier.Er kroch über das Quidditchfeld wie ein lebendiger, heulender Körper, riss an Umhängen, zerrte an Besenstielen, schlug peitschend gegen die Tribünen. Der Regen fiel nicht, er wurde geschossen, schräg, hart, kalt wie kleine Steine. Das war kein Wetter für eine Teamauswahl. Das war eine Prüfung.Khepri stand am Spielfeldrand, die Hände verkrampft um den Griff ihres Besens, und versuchte, ruhig zu atmen. Ein letzter Versuch. Ein kleines, dummes Flämmchen Hoffnung. Mehr war es nicht, aber es war da.Marcus stand in der Mitte des Feldes, wie ein unbeweglicher Punkt im Chaos. Selbst im Sturm wirkte er kontrolliert, die nassen Haare an die Stirn gedrückt, Augen schmal gegen den Regen. Nur manchmal - ganz selten - glitten seine Blicke zu ihr hinüber. Schnell. Unfreiwillig. Sie tat so, als merkte sie es nicht.„Alle, die sich bewerben, bleiben in der Nähe“, rief er gegen den Wind. Seine Stimme schnitt durch die Böen wie eine feste Kante. „Wir beginnen gleich.“Khepri wischte sich Regen aus den Wimpern und beobachtete die ersten Bewerber. Einige versuchten einfache Manöver und scheiterten kläglich, sobald eine Windbö sie erwischte. Einer wurde fast in den Boden gedrückt, bevor Marcus ihm wortlos bedeutete, zu landen. Selbst die Fortgeschrittenen hatten Mühe. Khepri spürte: Heute zeigt niemand sein wahres Können. Nicht bei diesem Wetter. Und trotzdem war sie da. Trotzdem wollte sie es versuchen. Marcus hatte immer gesagt „Quidditch ist kein Wetterspiel. Es ist ein Willensspiel.“Sie hatte Willen. Viel. Vielleicht zu viel.Ein Bewerber taumelte beim Abstieg fast in sie hinein. Khepri wich aus, ihr Herz schlug höher. Sie sollte Angst haben. Aber sie hatte nur dieses nervöse, wilde Vibrieren in der Brust. „Khairy!“ Marcus’ Stimme. Kurz, scharf. Sie fuhr herum. „Du bist als Nächste dran.“Ihr Mund wurde trocken. Der Wind riss an ihrem Umhang. Der Regen peitschte ihr wie kalte Finger ins Gesicht. „Alles klar“, brachte sie hervor. Ihre Stimme klang fester, als sie sich fühlte. Sie stieg auf den Besen.Sobald ihre Füße den Boden verließen, setzte etwas in ihr ein. Ein altes Gefühl - uralt und vertraut. Sie verschmolz mit dem Griff, spürte das Holz, spürte die Schwingung der Magie, die jede Bewegung verstärkte. Ich kann das.Sie stieß sich ab - und der Wind packte sie sofort, heftig, tückisch. Sie ließ ihn zu, beugte sich herunter, verlagerte ihr Gewicht, schnitt durch eine Bö wie durch ein wildes Tier. Die Luft brüllte um sie herum.„Schnell“, hörte sie Marcus’ Stimme von unten. „Aber kontrolliert.“ Sie flog einen engen Bogen, nutzte den Wind statt gegen ihn anzukämpfen, ließ sich treiben, dann wieder tragen, dann wieder drücken. Zwei Bewerber hatten sich fast die Rippen gebrochen, weil sie versucht hatten, den Wind zu besiegen. Khepri ritt ihn.Sie fühlte sich leicht. Lebendig. Richtig.Als sie den ersten Quaffel zugeworfen bekam, fing sie ihn trotz Regen ohne Zögern, drehte sich im Flug und warf präzise, schnell, wunderschön. Der Quaffel rauschte durch den Ring. Ein Tor! Ein echtes, sauberes Tor im Sturm.Khepri konnte nicht anders, ein kleines, aufbrechendes Lachen entwich ihr. Unten hörte sie die Jungen murmeln. Sogar Marcus sah kurz überrascht aus.Dann kam die Bö. Eine unberechenbare, hinterhältige Windpeitsche, die aus dem Nichts auftauchte und sie seitlich traf, so schnell, dass sie nicht einmal Zeit hatte, zu fluchen. Ihr Besen kippte scharf nach rechts. Sie riss dagegen an, die Muskeln brannten, ihre Finger verkrampften sich. Sie fing sich fast.Fast. Für eine halbe Sekunde war sie nicht ganz im Gleichgewicht - und genau diese halbe Sekunde brauchte der Klatscher.Sie sah ihn im nächsten Augenblick - ein schwarzer Ball, schnell wie Hass. Khepri wollte ausweichen, aber ihre Orientierung war noch nicht zurück. Der Klatscher traf sie am Unterkiefer mit einem dumpfen, schneidenden Schmerz. Sterne explodierten vor ihren Augen. Die Welt kippte. Der Besen rutschte ihr unter den Händen weg.Dann war da Luft. Nur Luft. Sie fiel.Ein Schrei löste sich aus ihrer Kehle - nicht laut, eher ein ersticktes Geräusch - und sie wusste, dass sie in einer halben Sekunde den Boden treffen würde. Doch der Boden kam nicht. Stattdessen: Arme. Stark, fest, unfassbar warm trotz des Regens.Marcus hatte sie abgefangen. Er war wie ein grüner Blitz übers Feld geschossen, hatte sie direkt über dem Boden eingefangen und glitt nun mit ihr in einer kontrollierten Kurve zum Rasen. Als ihre Füße den Boden berührten, hielt er sie immer noch.Sein Atem war unregelmäßig. Sein Blick war scharf, fast zornig - aber nicht auf sie. Auf den Klatscher. Auf das Wetter. Auf die Welt. „Bist du verrückt?“ presste er heraus. „Ich-“ „Du hättest dir das Genick brechen können.“ Er checkte ihren Blick, ihren Kiefer, ihre Hände. Zu lange. Zu vorsichtig.Khepri zog sich ruckartig aus seinem Griff. Der Schmerz in ihrem Kiefer brannte, aber schlimmer war das andere Gefühl: Scham. „Ich hätte es geschafft“, sagte sie heiser. „Ich hätte nur-“ „Nein.“ Marcus schüttelte den Kopf, regte sich einen Moment so sehr auf, dass seine Stimme fast brach. „Du hättest dich verletzt. Mehr als das.“ Sie ballte die Hände. „Sag’s einfach, Marcus.“ Er atmete hart. Dann sagte er es: „Nicht dieses Jahr.“Stille lag in Khepris Herzen. Nur das Geräusch, wie es in sich zusammensank und das rauschende Blut in ihren Ohren.„Du weißt, dass du Talent hast“, sagte Marcus leiser. „Mehr als die meisten hier. Aber ich brauche Spieler, die heute überleben würden. Nicht nur morgen.“Khepri biss die Zähne zusammen, bereute es sofort wegen des Schmerzes und drehte sich weg. „Mach einfach weiter“, sagte sie. „Ich bin okay.“ Marcus sah sie noch einen Moment an, dann nahm er wieder Haltung an. „Nächster!“Er war wieder Kapitän. Professionell. Unantastbar.Khepri setzte sich an den Spielfeldrand, den Besen neben sich, den Kopf in den Händen. Ihr Kiefer pochte. Ihre Augen brannten, aber nicht wegen des Regens. Sie fühlte sich leer. Wütend. Verloren. Und verletzter, als sie zugeben wollte. Als Marcus kurz zu ihr blickte, tat er es so schnell weg, dass niemand es sah, niemand außer ihr jedenfalls. Sie sah es, und spürte, wie etwas in ihr vibrierte - etwas zwischen Hoffnung und Schmerz, wie eine Saite, die zu fest gespannt war.Wind und Regen heulten erneut als stürmische Einheit über das Feld. Die Auswahl ging weiter. Ohne sie.
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