Kapitel 17 - Große Schritte, kleine Schritte
Der erste Schnee des Jahres hatte Hogwarts erreicht, die Kälte hing bereits in den Gängen wie ein unausgesprochenes Versprechen. Khepri zog den Kragen ihres Pullovers höher, als sie den schmalen Korridor zur Runenkunde hinunterging. Es war einer dieser Vormittage, an denen das Schloss leiser wirkte als sonst, so als würde es zuhören.Die Wände in Professor Babblings Büro waren dicht behängt mit Abschriften, Abreibungen und Zeichnungen von Runen in allen erdenklichen Variationen, manche sauber beschriftet, andere nur mit Fragezeichen versehen. Auf dem Schreibtisch lag ein aufgeschlagenes Buch, daneben ein Stapel Pergamente und - ungewöhnlich ordentlich - ein einzelner Brief.Die Professorin blickte auf, als Khepri eintrat. Ihr Lächeln war freundlich, aber gespannt. „Ah, Miss Khairy. Gut, dass Sie kommen konnten. Setzen Sie sich doch.“Khepri nahm Platz, die Hände ineinander verschränkt, als müsste sie verhindern, dass sie unruhig wurden. Sie hatte seit Tagen auf dieses Gespräch gewartet - und gleichzeitig gehofft, es würde sich verzögern.Babbling schob den Brief über den Tisch. „Ich habe Rückmeldung erhalten. Von einem Kollegen an der magischen Akademie von Alexandria.“ Khepris Atem stockte für einen Moment. Alexandria. Der Name hallte in ihr nach wie ein fernes Echo. „Von dort… wo auch meine Urgroßmutter gelernt hat“, sagte sie leise. Babbling nickte. „Ja. Khepri Khairy war ihm ein Begriff. Nicht persönlich, natürlich, aber ihr Name taucht in einigen älteren Verzeichnissen auf.“ Sie hielt kurz inne, musterte Khepri aufmerksam. „Sie scheinen nicht überrascht.“ „Nein“, antwortete Khepri ehrlich. „Nein, das wundert mich nicht.“ Babbling lächelte schmal und fuhr fort. „Ich habe ihm eine Abschrift der Rune geschickt, die Sie mir gezeigt haben. Saḥ.“ Sie sprach den Laut vorsichtig aus, fast tastend. „Er kannte sie.“Khepris Herz zog sich zusammen. „Er weiß, was sie bedeutet?“ „Nein.“ Babbling hob beschwichtigend die Hand. „Nicht im eigentlichen Sinne. Aber er kennt den Begriff, in dessen Zusammenhang sie auftaucht.“ Sie tippte mit dem Finger auf den Brief. „Er hat unabhängig von Ihnen dasselbe Wort verwendet wie Sie: Hekau.“Das Wort lag plötzlich schwer im Raum. Khepri hatte es inzwischen dutzende Male gedacht, geflüstert, auf Pergament geschrieben - und doch fühlte es sich jedes Mal fremd an, wie ein Name, den man eigentlich nicht aussprechen dürfte. „Er schreibt“, fuhr Babbling fort, „dass Hekau offenbar keine einzelne Disziplin war. Kein Zauber, kein Ritual, kein geschlossenes System. Eher…“ Sie suchte nach dem richtigen Wort. „…eine Art Praxis. Ein Verständnis von Magie, das nicht in unseren heutigen Kategorien funktioniert.“„Aber er weiß nicht, was es war“, sagte Khepri. Es war keine Frage. „Nein.“ Babbling seufzte leise. „Und das ist der beunruhigende Teil. Selbst dort - an einem Ort, der so viel bewahrt hat - ist Hekau nur noch ein Randbegriff. Erwähnt, aber nicht erklärt. Zitiert, aber nie vollständig beschrieben.“Sie griff nach dem Buch auf ihrem Schreibtisch und schob es Khepri hinüber. Es war alt, der Einband rissig, die Seiten vergilbt. „Das hat er mir mitgeschickt. Darin finden sich einige der Runen, die auch auf Ihrem Amulett vorkommen. Aber die Deutungen sind…“ Babbling verzog leicht den Mund. „Unvollständig. Vereinfachend. Teilweise scheinen sie schlicht falsch.“ Khepri blätterte vorsichtig. Linien, Formen, Anmerkungen am Rand. Worte, die vertraut wirkten, ohne es zu sein. „Es fühlt sich an, als hätte jemand versucht, etwas Lebendiges in ein starres System zu pressen“, murmelte sie.Babblings Augen leuchteten. „Genau das. Als hätte man Magie katalogisiert, um sie beherrschbar zu machen - und dabei das verloren, was sie ursprünglich ausgemacht hat.“ Einen Moment lang schwiegen sie beide. Dann fragte Babbling leise: „Miss Khairy… was bedeutet ihnen dieses Wort?“Khepri schloss das Buch langsam. Sie dachte an das Amulett. An die Feder. An Schuld, die nicht ihr gehörte. „Ich weiß es nicht“, sagte sie ehrlich. „Aber es fühlt sich an, als hätte es mich gekannt, bevor ich es kannte.“ Babbling nickte langsam, fast ehrfürchtig. „Dann fürchte ich, dass wir es hier nicht mit etwas zu tun haben, das man einfach nachschlagen kann.“Sie legte die Hand auf das Buch. „Ich werde weiter suchen. Ich werde fragen. Hören. Aber seien Sie vorsichtig, Miss Khairy. Dinge, die aus dem Gedächtnis der Welt gefallen sind, tun das selten ohne Grund.“ Khepri erhob sich. Ihr war kalt - nicht wegen des Winters, sondern wegen der Erkenntnis, die sich langsam formte. Hekau war nicht nur ein verlorenes Wort, es war etwas, das man hatte vergessen wollen.
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