Kapitel 12 - Im Fuchsbau

Veröffentlicht am 12. Dezember 2025 um 13:46

Khepri stand mit ihrem Koffer am Gartentor zum Fuchsbau und musste grinsen: Die windschiefe, turmartige Konstruktion sah genau so aus, wie sie sie in Erinnerung hatte - so, als hätte sie jeden Moment vor, zusammenzukrachen. Ein wohliges Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus. Weltenkollision - absolut. Aber genau die Art, die sie mochte.
Sie griff nach dem Beutel in ihrer Manteltasche. Ein kleines Säckchen voll mit Sickeln. Und die Worte ihrer Mutter, ausgesprochen mit liebevoller Strenge: „Du legst die da irgendwo hin. In eine Sofaritze. Eine Schublade. Ich kenne Molly, sie würde niemals Geld annehmen. Also schmuggel es einfach hinein.“
Khepri schob den Beutel zurück. Sie würde eine Gelegenheit finden, irgendwie. Ein Rascheln, Schritte - und dann kam eine rotblonde Gestalt aus der Tür.
„Khepri, Kind!“ Mrs. Weasley schloss sie in eine Umarmung, die jedem menschlichen Organ sofort klar machte, dass es keinen Ausweg gab. „Mrs- Molly- Ich kann nicht atmen-“
„Ach Quatsch, natürlich kannst du atmen, Kindchen! Du hast viel zu wenig auf den Rippen. Komm rein, komm rein! Percy dreht schon seit einer Stunde wie ein aufgescheuchtes Huhn seine Runden. Und deine Sachen - ach, gib her, ich trag das-“ „Ich trag das schon selbst-“ „Nein, nein, nein, du bist Gast, Liebes.“
Bevor Khepri protestieren konnte, erschien Percy in der Tür. Mit Büchern im Arm, so vielen Büchern, dass nur seine Stirn zu sehen war. „Percy, du wirst dieses Mädchen doch wohl begrüßen können, ohne dir die Wirbelsäule zu brechen!“, rief Molly. Percy senkte den Bücherstapel - und sofort hellte sich sein Gesicht auf. „Khepri, da bist du ja.“ Er kam die Stufen herunter, legte die Bücher auf der halben Strecke auf einem Fensterbrett ab und umarmte sie unerwartet fest. „Ich bin froh, dass du hier bist,“ sagte er leise an ihrem Ohr. Das Herz in ihrer Brust wurde warm. „Ich auch!“, sagte sie lächelnd.
Hinter Percy im Flur hörte sie Schritte und dumpfes Gepolter. Stimmt. Bill war da, wie er in seinem Brief angeboten hatte, und Charlie. In all der Aufregung hatte sie das fast vergessen (Was dumm war, sehr dumm sogar, und sie spürte es jetzt auch ein wenig in ihren Nerven.).
Percy löste sich und räusperte sich sofort in gewohnter Percy-Manier. „Ähm. Also. Charlie schläft diese Woche bei mir oben. Du bekommst sein altes Zimmer, die zweite Tür rechts. Ähm- es ist etwas chaotisch, aber-“ „Wir haben morgens sogar gelüftet!“, schrie eine Stimme aus dem Obergeschoss. „Ich habe gelüftet“, korrigierte eine ruhigere Stimme. Bill. „Ich war moralische Unterstützung!“, rief die erste Stimme - Charlie - zurück. Percy verdrehte die Augen, aber man sah deutlich, dass er froh war, seine Brüder mal wieder im selben Haus zu haben. Khepri lachte. „Ich überlebe Chaos, Percy. War schließlich schon mal hier.“ Und bei ihr zuhause ging es doch auch nicht ruhiger zu.
Molly legte einen Arm um ihre Schultern und bugsierte sie in die warme Küche. Der Ofen bollerte, überall standen halbfertige Töpfe, gestrichene Brote und ein Kuchen, der aussah, als hätte er um sein Leben gekämpft. Die Zwillinge prügelten sich um eine Schöpfkelle. Ginny sortierte Müslischachteln. Arthur Weasley beugte sich hochkonzentriert über einen Toaster. Ein Sturm aus Leben, genau wie zuhause, aber nicht schlechter. Niemals schlechter. Khepri stellte ihren Koffer ab, atmete tief ein und lächelte.

 

Penelope Clearwater war seit zwei Tagen im Fuchsbau und inzwischen genauso rot an den Wangen wie Percy. Nicht, weil sie verlegen war, sondern weil der Fuchsbau ihr die Hitze des Chaos förmlich einmassierte. „Ich wusste nicht, dass Frühstück explodieren kann“, sagte sie tonlos, während ein verkohlter Löffel an ihnen vorbeiflog. „Das tut es normalerweise auch nicht,“ meinte Percy steif. „Nur wenn Fred und George ‘helfen’.“ „Ich helfe nie!“, rief Fred empört aus dem Hintergrund. „Ich sabotiere höchstens.“ Khepri lachte leise, und Penelope wandte sich zu ihr. „Wenn du das hier aushältst, bist du stärker als ich dachte.“
„Oh, ich kenne das Chaos.“ Khepri grinste. „Bei uns zuhause sind wir fast zwanzig Menschen auf einem Haufen. Und zwei Kobolde, wenn man Aaron und Maralen mitzählt.“ Penelope schauderte gespielt. „Okay, das erklärt vieles.“ Dann wurde sie ernster.
Ihre Augen wanderten zu Percy, der versuchte, die Zwillinge von weiteren Küchenschlachten abzuhalten. „Er hat Glück, dass er dich hat“, sagte Penelope. „Du bringst… hm. Balance.“ Khepri blinzelte. „Ich? Percy und ich sind einfach nur-“ „Freunde.“ Penelope nickte. „Ich weiß. Und das ist gut so. Ich wollte es nur noch einmal aus deinem Mund gehört haben.“ Khepri lächelte. Das Gespräch hatten sie schon vor Monaten geführt, aber ein kleines bisschen lastete es noch immer auf Penelopes Schultern, das sah sie jetzt. Also sagte sie leise „Ich habe Percy nie so gesehen, wie du ihn siehst. Und ich freue mich für euch. Wirklich.“ Penelopes Haltung entspannte sich sofort - sichtbar, hörbar, fühlbar. Sie atmete erleichtert aus und nahm Khepris Hand. „Dann kann ich beruhigt fahren.“ „Fahren?“ „Ich muss heute noch zurück nach Hause. Ich habe noch sehr viel für Hogwarts vorzubereiten. Ich wollte nur noch warten, bis du hier angekommen bist.“ Sie umarmte Khepri spontan - warm, ernst, überraschend fest. „Pass auf Percy auf. Er gibt das nicht zu, aber er macht sich Sorgen um dich.“ Khepri lachte leise. „Und wer passt auf mich auf?” “Ich hoffe sehr, er.“
Penelope drückte ihr ein letztes Lächeln zu, holte ihren Mantel und verabschiedete sich mit einer herzlichen Umarmung von Molly, einem höflich-krummen Knicks vor Arthur und einem sehr roten Kuss auf Percys Wange. Nach dem Knall des Apparierens blieb eine kurze Stille zurück. Percy strich sich nervös über den Nacken. „Sie ist… sehr organisiert.“ „Du liebst sie.“ „SEHR organisiert.“
Khepri boxte ihm spielerisch in die Schulter. „Schon gut, Percy.“ Und dann kam Bill. Er war die Art Mensch, bei dem man das Gefühl hatte, dass er einfach alles unter Kontrolle hatte. Groß, lässig, Zopf im Haar, ein Ohrring mit einem Drachenzahn-Anhänger (bestimmt von Charlie bekommen), der unter seinem feuerroten Haar hervorblitzte - und ein so warmes, ehrliches Lächeln, dass man kurz vergaß, dass er ein Fluchbrecher war. „Also, du bist die berühmte Khepri,“ sagte Bill, als hätte er sie seit Jahren gekannt. Sie war in der zweiten Klasse gewesen, als er einen Abschluss machte, und noch nicht mit Percy befreundet. Sie bezweifelte, dass er sich an sie erinnerte. „Berühmt?“ „Sagen wir so… Percy hat schon viel von dir erzählt.“ „Hat er?“
Percy wich peinlich berührt etwas zurück - Khepri verstand das nicht ganz, hatte sie doch zuhause auch schon viel über ihn erzählt. „Ich- also- es war rein… akademisches Interesse!“ Bill lachte und schob Percy sanft Richtung Tür. „Geh Tee holen. Für uns alle.“ „Warum ich?“ „Weil du die Küche besser überlebst als ich.“ Percy ging, murmelnd und beleidigt.
Bill setzte sich Khepri gegenüber an den Holztisch, legte die Hände ineinander und sagte: „Zeig es mir.“ Khepri zog das Amulett aus ihrem Dekollete. Es zeigte schon eine Weile lang keine Reaktion mehr, gerade war es nur Messing und ein gebrochener Obsidian, der im Sonnenlicht glomm. Sie legte es in Bills Hand und er wurde schlagartig ruhig. Die Luft ebenso.
Bill betrachtete es lange. Nicht wie ein Kritiker, sondern wie jemand, der weiß, dass er etwas Heiliges berührt. „Das ist alte Magie,“ sagte er schließlich. „Sehr alte. Schutzmagie, Bindungsmagie… aber noch etwas. Etwas, das ich nicht ganz greifen kann.“ „Meine Téta sagte, es wurde erschaffen, um die Familie zu schützen.“ „Das stimmt. Aber es will jetzt etwas von dir.“ Ein Kribbeln lief Khepri über den Rücken. „Etwas?“ Bill nickte. „Aber keine Sorge - es verlangt nichts Böses von dir. Es wartet.“ „Worauf?“ „Auf das, was nur du tun kannst.“ Er gab ihr das Amulett zurück. „Und auf den richtigen Moment.“
Khepri spürte die Schwere seiner Worte. Eine angenehme Schwere, die bedeutungsvoll schien. „Und… noch etwas“, fügte Bill hinzu. „Sein Bruch. Der ist nicht einfach nur eine Beschädigung. Das ist… ein Riss zwischen zwei Schichten Magie. Zwischen Erinnerung und Opfer.“ Ihr Herz machte einen Sprung. „Opfer?“ „Ich weiß natürlich nicht, welcher Art. Aber ich kenne Magie, die schreit. Diese hier… flüstert.“ Sie schluckte. Es passte zu allem. Zu Morfin. Zu ihrer Téta Khepri. Zu dem, was im Sommer endlich offen ausgesprochen worden war. Bill stand auf. „Lass dir von Percy dein Zimmer zeigen. Da ist eine Schublade in der Kommode frei, in die du deine Sachen tun kannst.” „Danke“, murmelte Khepri. „Und Khepri?“ Bill drehte sich nochmal um. „Du bist viel mutiger, als du denkst.“

Khepri hatte gerade Bills Analyse verdaut und stand vor der Küchentür, als Stimmen aus dem Hausflur drangen. „-nein, ich habe gesagt, ich trag das hoch, Percy, beruhig dich-“ „Charlie, wenn du noch einmal meine Bücher-“ „Sie sind in meinem Zimmer! Seit du mich rausgeworfen hast!“ Khepri lächelte.
Die Weasley-Routinen. Chaotisch, laut… heimisch. Sie trat hinaus und blieb abrupt stehen.
Charlie Weasley stand in der Mitte des Flurs, als hätte ihn jemand aus einem Poster ausgeschnitten. Breit gebaut, sommersprossig, rote Haare zu einem lässigen Pferdeschwanz gebunden, ein Muskelstrang zeichnete sich unter seinem alten Drachenhütershirt ab und sein Lächeln- Oh, nein nein. Nicht schon wieder.
Vor zwei Jahren, damals in der vierten Klasse, als Charlie noch Captain der Gryffindor-Quidditchmannschaft, Vertrauensschüler und heimlicher Schwarm vieler Hogwarts-Mädchen gewesen war, hatte Khepri eine ganze Woche lang geglaubt, dass ihr Herz explodieren würde, wenn er noch einmal an ihr vorbeiging. Sie hatte diese Schwärmerei begraben und verflucht und unter 15 Schichten Peinlichkeit vergraben. Und jetzt? Jetzt war der Kerl noch attraktiver. Nicht. Fair.
Charlie drehte sich um - und seine Augen hellten sich auf. „Khepri Khairy!“
Sie war nicht vorbereitet. Nicht auf den Klang ihres Namens in dieser Stimme. Nicht auf dieses warme, gutmütige Erstaunen. „Äh- hallo,“ brachte sie heraus und hoffte, dass sie nicht rot wurde. (Sie wurde rot. Schlimm.)
Charlie ging zwei Schritte auf sie zu und grinste so breit, dass sie kurz vergaß, wie Atmen funktionierte. „Wie groß bist du geworden!” (Offensichtliche Lüge, aber Khepri sah einfach mal darüber hinweg) “Und du siehst aus, als würdest du Percy regelmäßig dazu zwingen, Spaß zu haben.“ „Ähm… er wehrt sich meistens erfolgreich.“ „Das klingt nach Percy.“ Er lachte. Ein tiefes, angenehmes Lachen, das irgendwo in ihrem Brustkorb hängenblieb.
Percy stürmte aus der Küche. „Bitte sag mir, du hast meine Bücher nicht fallen gel-“ Er sah Khepri und stoppte. „Du hast Charlie getroffen, sehr gut. Charlie, Khepri. Khepri, Charlie. Und jetzt komm bitte NICHT auf die Idee, ihr irgendwelche Geschichten aus Hogwarts zu erzählen.“ „Ich erzähl nur die guten.“ „Es gibt keine guten!“ Charlie ignorierte ihn komplett und wandte sich an Khepri. „Du hast damals in der vierten einmal an unserem Trainingsspiel teilgenommen und diesen unglaublich fiesen Rückhandschuss gemacht, erinnerst du dich? Der Flint hat ausgesehen, als hätte ihn jemand geohrfeigt.“ Khepri blinzelte. Sie hatte nicht eine Sekunde daran geglaubt, dass er sich an sie erinnern würde. „Ich- ich erinnere mich.“ (Sie erinnerte sich an alles. An den Jubel des Gryffindor-Teams. An Charlies kurze Handbewegung, wie er sie über das Feld hinweg anerkennend gegrinst hatte. An das kleine, triumphierende Flattern in ihrer Brust. An… zu viel.) Percy schnaubte. „Natürlich kannst du dich erinnern.“
Charlie grinste schief. „Ich hab dich damals unterschätzt. Mach ich nicht nochmal.”  Warum fühlte sich das an wie ein elektrischer Schlag hinter den Rippen? “Welche Position spielst du?“, fragte er. “Ich spiele nicht.”, antwortete sie knapp. “Eine Schande.”, bemerkte er, fragte aber nicht weiter nach. Er hob zwei Kisten hoch, als wögen sie nichts.
„Ich bin die nächsten Tage viel draußen, aber…“ Er deutete mit dem Kopf Richtung Garten. „Wenn du willst, zeig ich dir mal meinen neuesten Trainingsbesen. Hab ihn aus Rumänien mitgebracht.“ „Gern“, sagte sie viel zu schnell. Percy rollte die Augen so hart, dass es ein Wunder war, dass sie nicht steckenblieben. „Natürlich gern.“ Charlie zwinkerte ihr zu. „Dann sehen wir uns gleich.“
Er verschwand die Treppe hinauf. Und Khepris Beine wurden aus Gummi. „Du bist rot“, stellte Percy trocken fest. „Ich bin NICHT rot!“, echauffierte Khepri sich lautstark. Was erlaubten sich ihre Freunde eigentlich, sie mit solchen Dingen nicht einmal eine Sekunde lang allein zu lassen? „Mhm. Und ich bin ein Crup.“
Khepri starrte auf die Stelle, wo Charlie gerade noch gestanden hatte, und ihr Herz klopfte wie ein hüpfender Quaffel. Unmöglich. Unmöglich, dass jemand so viel Anziehungskraft haben konnte, ohne es überhaupt zu versuchen. Unmöglich, dass sie darauf reagierte, nachdem Marcus-
Marcus.
Sie blinzelte. Eine gefährliche, seltsame, neue Erkenntnis begann sich in ihrem Kopf zu formen. Vielleicht… vielleicht konnte man zwei Menschen gleichzeitig faszinierend finden. Aber nur einer von ihnen jagte ihr Herz in die Höhe, wenn er nur stand. Und leider war es nicht der, der ihr ständig sagte, sie solle den Mund halten. Der Gedanke fühlte sich an, als hätte sie Marcus heimlich betrogen - obwohl zwischen ihnen nichts ausgesprochen war. Er hatte ihr Herz schließlich nicht gemietet.

 

Wie eine warme Decke hing der Duft von frischem Brot, Kräutern und etwas Angebranntem im Fuchsbau. Khepri stand in der Küche, die Hände brav vor sich gefaltet, während Molly Weasley mit dem Rücken zu ihr mehrere Pfannen gleichzeitig jonglierte. Es war ein Wunder. Ein erschlagendes, köstlich riechendes Wunder.
„Khepri, Liebes, setz dich doch! Du wirkst, als würdest du gleich in Ohnmacht fallen.“ Molly wischte sich mit dem Handrücken Mehl aus dem Gesicht, ohne auch nur ein einziges ihrer millionen Haushaltsprojekte aus dem Blick zu verlieren. Khepri nutzte die Gelegenheit, um eine der mitgebrachten Silbermünzen unter den Küchentisch rollen zu lassen „Oh! Nein, Mrs. Weasley, alles gut-“
„Ach was, nenn mich Molly. Das habe ich dir beim letzten Mal schon gesagt.“ Sie drehte sich endlich um und musterte Khepri mit einer Intensität, die ihr ein bisschen Angst machte. Khepri lächelte höflich. Molly lächelte zurück. Die Temperatur im Raum sank leicht. Oh.
Percy hatte sie gewarnt, dass seine Mutter sie testen könnte. Es schien ihr soweit zu sein.
„Ich habe gehört, du bist eine gute Freundin für meinen Percy“, begann Molly, die Arme vor der Schürze verschränkt. „Ich versuche mein Bestes.“ „Und Penelope scheint dich zu mögen. Das heißt etwas.“ Sie war schon viel länger mit Percy befreundet als Penelope, aber sie hütete sich, das vor Molly laut auszusprechen. Molly nickte. „Sie mag nicht viele.“
„Sie ist eine tolle Freundin“, sagte Khepri schnell. „Und… sie passen gut zusammen.“ Das war offenbar die richtige Antwort. Mollys Augen wurden weich, nur ein kleines bisschen. Dann beugte Molly sich vor als würde sie Khepris Aura untersuchen. „Du hast übrigens ganz hübsche Augen.“ „Vielen Dank-“ „Marcus Flint, richtig?“ Khepris Herz explodierte.
„W– was?!“ „Oh, bitte, Kindchen. Ich habe sechs Jungs großgezogen. Ich kenne diesen Blick.“ Sie deutete auf Khepris Gesicht. „Du hast ihn auch.“ „Ich- es ist kompliziert…“
„Liebe ist immer kompliziert“, sagte Molly trocken und wendete gleichzeitig drei Pfannkuchen in perfekter Synchronität. Von Liebe wollte Khepri allerdings noch gar nicht sprechen. Sie war sich doch gar nicht sicher, wie sie überhaupt zu ihm stand! „Die Frage ist nur: Ist es die Art von kompliziert, die einen nachts wachhält, oder die Art von kompliziert, die einen nach Hause bringt?“ Oh. Oh wow. Das war… viel. „Er ist nicht- ich meine, Marcus ist gar nicht-“ „Mhm.“ Molly schob ihr einen Teller hin. Khepri wollte gerade essen, da flog die Küchentür auf. „Mum, hast du- oh!“
Charlie tauchte im Türrahmen auf, die Hände in den Hosentaschen, die Haare etwas zerzaust, als hätte er versucht, ein Möbelstück zu reparieren und es erfolgreich geschafft und gleichzeitig in Flammen gesetzt. „Hi, Khepri.“
… und genau da fiel der Pfannkuchen, den Khepri gerade zum Mund führte, wieder auf den Teller zurück. Molly bemerkte es. Natürlich. Ihre Augen blitzten.
„Du, Charlie Weasley,“ sagte sie mit dem Tonfall einer Generälin, die gerade ihre Truppen inspiziert, „solltest nicht vergessen, was ich dir über das Stolpern über deine eigenen Schuhe erzählt habe.“ Charlie sah verwirrt aus. „Hä?“
„Nichts, Liebes.“ Molly lächelte, süß wie Höllenfeuer. Dann wandte sie sich mit einer Handbewegung zu Khepri um, die eindeutig „schau ihn dir an, aber verlieb dich nicht zu deutlich“ bedeutete. Charlie grinste. „Mein Besen ist fertig, falls du später schauen willst.“ „...ja.“ Irgendwie. Irgendwann. „Gern.“
Als er wieder verschwand, machte Molly ein unüberhörbares Geräusch. Ein Geräusch, das exakt sagte: Ah. Da ist es also. Das Problem, das du gern verstecken würdest. „Ich sag dir etwas, Mädchen“, meinte sie schließlich, während sie Khepri eine Tasse Tee reichte. „Herzen haben keine Manieren. Sie tun, was sie wollen. Wichtig ist nur, dass du deins nicht verlierst.“ „Ich- ich werde es versuchen“, flüsterte Khepri. Molly nickte zufrieden. „Gut. Dann kannst du jetzt Kartoffeln schälen.“ Khepri blinzelte. „Äh- natürlich.“
Sie begann. Molly beobachtete sie erneut.
Prüfung Nummer 1: Ihre Beziehung zu Percy - bestanden.
Prüfung Nummer 2: Was immer sich hier gerade abspielte - im Gange.
Prüfung Nummer 3: Charlie Weasley beim Fliegen zusehen, ohne zu kreischen - ausstehend.

 

Der Garten des Fuchsbau war eine wilde Mischung aus Zauber, Chaos und Hühnern mit Attitüde. Khepri stand auf der schiefen Holzveranda, die Hände in die Taschen geschoben, das Herz in der Kehle. Sie hörte das Klirren von Werkzeug, ein gedämpftes Fluchen, dann ein tiefes, warmes Lachen. Charlies Lachen. Sie schob die Tür auf.
Hinter dem Schuppen, im Schatten der Apfelbäume, stand er: mit hochgekrempelten Ärmeln, ein paar Rußflecken im Gesicht und einem Besen, der aussah, als hätte er eine halbe Explosion hinter sich.
„…Charlie?“ Ihre Stimme war verräterisch klein. Er drehte sich um und dieses ungefilterte Grinsen traf sie wie ein freier Fall aus tausend Metern Höhe; ihr Magen machte einen Hüpfer. „Ah, da bist du! Komm mal kurz her - ich brauch eine zweite Meinung.“
Eine zweite Meinung, das konnte sie sicher. Khepri trat näher.
Der Besen war ein Prototyp - noch nicht auf dem Markt, noch unperfekt, aber atemberaubend. „Den hast du… selbst modifiziert?“ „Ein bisschen“, sagte Charlie und strich sich unbewusst eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich habe unter anderem rumänische Drachenhaut an den Griff gebunden. Das verbessert hoffentlich die Stabilität, brennt nicht so schnell.“
Das hoffentlich sollte bestimmt beruhigend klingen. Tat es aber nicht. „Du hast einen Besen… feuersicher gemacht?“ „Naja, fast feuersicher.“ „Fast?!“ Er grinste. „Deswegen brauch ich deine Meinung.“
Sie beugte sich vor. Er beugte sich gleichzeitig vor. Ihr Kopf war plötzlich sehr dicht neben seinem.
Ein warmer Geruch nach Harz, Feuerrauch und etwas, das nur Charlie sein konnte, legte sich um sie. „Vielleicht… hier?“ Sie deutete auf eine Stelle am Besenstiel. Charlie folgte der Bewegung und seine Hand streifte ihre. Einen Sekundenbruchteil lang blieb seine darüber liegen. Nur ganz kurz. Viel zu kurz.
„Du hast recht“, murmelte er. „Die Verstärkung muss näher zum Schwerpunkt.“ Er richtete sich wieder auf und sie tat es gleichzeitig. Ihre Gesichter waren so nah, dass Khepri seinen Atem auf ihrer Wange spürte. Charlie blinzelte und zog sich dann zurück.
„Percy sagt, du wärst gut mit alter Magie“, sagte er schließlich. „Du hast das Amulett, oder? Das, von dem er erzählt hat?“ „Ja“, flüsterte sie. „Das ist beeindruckend, Khepri.“
Seine Stimme war tief, ernst, unerwartet weich. „Ich hab in Rumänien viel gesehen. Starke Magie. Gefährliche Magie. Aber das… klingt nach etwas Besonderem.“ Sie errötete. Weil er es ernst meinte. Weil Charlie Weasley Khepri Khairy gerade „beeindruckend“ genannt hatte.
„Du auch“, sagte sie, ohne ihr Gehirn einzuschalten. „Also, nicht das mit der Magie - also doch. Aber auch sonst. Ich meine-“ Charlie lachte laut und warm. Sie ließ sich davon anstecken und lachte mit, ein kleines bisschen hysterisch vielleicht.
„Willst du es ausprobieren?“ Er hielt ihr den Besen hin. „Ich- was? Nein! Das Ding ist fast feuersicher. Ich will meinen schönen Kopf behalten.“ „Ich fliege mit“, sagte er seelenruhig.
Sie hörte auf zu atmen. „…was?“ „Auf dem Besen. Ist sicherer. Damit du weißt, dass ich ihm vertraue.“ Er klopfte auf den Griff. „Komm schon. Ich halte dich.“
Ich halte dich. Das sollte verboten sein. Das war fast schlimmer als Marcus’ gefährliches Grinsen.
„Nur eine Runde“, flüsterte sie. „Nur eine Runde“, bestätigte er - und reichte ihr die Hand.
Khepri nahm sie. Seine Finger waren warm, rau und sicher.
Und als er hinter sie auf den Besen stieg, seine Arme sich vorsichtig um sie legten, um den Griff zu halten, und sein Kinn kurz ihre Schulter streifte, wusste Khepri zwei Dinge:
Charlie Weasley war ein Problem.
Und sie hatte die unangenehme Ahnung, dass dieser alte Crush deutlich weniger erledigt war, als sie gehofft hatte.

 

Khepri hatte gedacht, sie sei Chaos gewohnt, immerhin kam sie selbst aus einer Großfamilie. Aber die Weasleys spielten in einer ganz eigenen Liga. Als sie mit Charlie durch die Hintertür hereinkam, wurde sie sofort knapp von einer fliegenden Schürze verfehlt, die Molly durch die Luft dirigierte. „Arthur, nicht den Toaster anstupsen! Lass ihn einfach- Arthur!“ „Ich streichle ihn nur!“ Ein zitterndes metallisches Quieken bestätigte, dass der Toaster nicht gestreichelt werden wollte. Khepri blieb in der Tür stehen, unfähig, nicht zu lächeln.
„Ah! Khepri, meine Liebe!“ Molly tauchte auf, drückte ihr ein Küchentuch in die Hand, nahm es ihr im nächsten Atemzug wieder ab, küsste sie auf beide Wangen und strich ihr gleichzeitig die Haare glatt. „Hast du Hunger? Natürlich hast du Hunger. Alle jungen Leute haben Hunger.“ „Ich-“
„Gut, setz dich. Nicht da, da sitzt Arthur. Nein, da ist ein Loch- Ach du meine Güte, Fred, geh von der Katze runter!“ Khepri lachte. Laut und ungehindert. Sie fühlte sich auf einmal wie vierzehn.
„Khepri!“ Ginny kam herein und umarmte sie so fest, dass sie fast die Luft verlor. Wenn Harry Potter nicht anwesend war (und wenn nicht ein verzaubertes Tagebuch sie in ihrer Gewalt hatte) war sie eine lebhafte, freundliche Zwölfjährige, die Khepri schon seit ihrem ersten Besuch im Fuchsbau vor drei Jahren liebgewonnen hatte. Damals war sie neun gewesen und hatte sie fast ausschließlich darüber ausgefragt, was sie über Harry Potter wusste - was viel war, war sie doch, genau wie alle anderen Zaubererkinder auch mit seiner Legende aufgewachsen, aber aus irgendeinem Grund hatte Ginny immer noch mehr gewusst als sie. „Ich hab Percy gesagt, er soll dich nicht nerven, aber er meinte, er hätte nie behauptet, dich zu nerven, also habe ich gesagt, dass ich ihn nerve, wenn er dich nervt.“ Einige Sekunden starrte Khepri sie an, bis sie die Kernaussage dieses Satzes begriffen hatte, dann meinte sie „Das klingt sehr effektiv.“. Ginny strahlte.
Ron schlurfte hinterher, warf Charlie einen verdächtigen Blick zu („Du hast sie fliegen lassen?! Auf DEM Besen?!“), murmelte ein „Hi“ und ging sofort wieder.
„Khepri!“ riefen die Zwillinge im Chor. Fred und George schoben sich wie zwei identische Sturmwarnungen ins Bild.
„Wir haben gehört-“„-dass du-“„-eine gewisse Höhenflug-Erfahrung-“„-mit unserem lieben Bruder hattest.“ Charlie würgte fast an seinem Kürbissaft. Khepri wurde knallrot.
„Es war nur ein Testflug!“, versuchte Khepri zu beschwichtigen, aber die beiden hörten gar nicht auf sie. Fred grinste teuflisch. „Natürlich.“
George nickte ernsthaft. „Wir testen auch viel. Vor allem interessante zwischenmenschliche Entwicklungen-“ „-rein wissenschaftlich natürlich.“
Charlie bedrohte beide mit dem Besenstiel, obwohl er den ja eigentlich reparieren wollte.
„Khepri!“ Arthur stürmte herein, über beide Arme stapelweise Muggelkram. „Sag - was IST das?!“ Er zeigte triumphierend auf… eine Fernbedienung. „Das ist ein-“ „-magnificentes Meisterwerk menschlicher Technik, ich weiß! Aber WOZU ist der rote Knopf da? Ist das eine Art Notruf? Öffnet er einen geheimen Kanal? Was tut er?“
Khepri öffnete den Mund. Schloss ihn. Öffnete ihn wieder.
„Ich… komme auch aus einem Zaubererhaushalt. Ich weiß das auch nicht.“ Arthur sah sie an, als hätte sie ihm gerade verkündet, dass Muggel eigentlich Elfen in Verkleidung seien. „Du… weißt es nicht?“ „Nein.“ Er beugte sich verschwörerisch zu ihr. „Dann müssen wir es gemeinsam herausfinden.“ „Arthur Weasley, du wirst jetzt bitte nicht die Fernbedienung aufschrauben!“ „…Vielleicht später“, flüsterte er Khepri verschwörerisch zu. Sie quietschte fast vor Lachen.

 

Die Familie setzte sich, Teller wurden gereicht, Hände wischten über Tischdecken, Stimmen kreuzten sich wie Quidditch-Spielzüge. Khepri saß zwischen Percy und Charlie. (Was für ein Platz. Was für ein unmöglicher Platz.)
Percy ordnete akkurat die Gabeln. Charlie stützte das Kinn in die Hand und hörte seinen Eltern zu. Und Khepri… beobachtete ihn. Unbewusst, während sie nachdenklich auf ihren Daumennagel biss. Molly bemerkte es natürlich als erste. Oh, sie war Mutter. Natürlich bemerkte sie es. Sie warf Khepri einen Blick zu, ein wenig schelmisch.
Dann beugte sie sich zu Arthur und flüsterte. Arthur sah zu Khepri. Dann zu Charlie. Dann zurück zu Khepri. Und grinste so breit, dass Charlie misstrauisch wurde. „Was?“
Molly lächelte übertrieben unschuldig. „Nichts, mein Schatz.“ Ginny trat Khepri unter dem Tisch gegen den Knöchel. „Guck nicht, als hättest du gerade eine Eule verschluckt.“ Khepri riss den Blick von Charlies Profil los und starrte abrupt auf ihren Teller. Einmal tief einatmen. Du bistsiebzehn, kein hysterischer Drittklässler, mahnte sie sich. „Ich– was?“, brachte sie schließlich hervor. Fred und George sahen sich an. „Ziel erfasst“, murmelte Fred.
„Objekt wirkt leicht nervös“, ergänzte George mit gespielter Sachlichkeit. Charlie runzelte die Stirn. „Alles okay bei dir?“ „Ja. Klar. Nur ein bisschen müde vom Fliegen“, sagte Khepri diesmal deutlich ruhiger, als es sich in ihr anfühlte.
Percy räusperte sich. „Khepri, du musst nicht tapfer tun, wenn du erschöpft bist.“ „Ich bin nicht erschöpft“, meinte sie und zwang sich zu einem kleinen Lächeln. „Nur… sehr wach.“
Fred lehnte sich zu George. „Diagnose: angeknackst.“
„Prognose: stabil“, murmelte George zurück.

 

Der nächste Morgen begann mit einem Weasley-Klassiker: Chaos natürlich, das wie ein Gewitter über die Küche hinwegbrauste. Khepri verbrachte den Vormittag mit Bill. Er zeigte ihr, wie man die magischen Schichten des Amuletts “liest“, ohne es auszulösen. Seine Analyse brachte Klarheit und gleichzeitig noch tiefere Verwirrung.
„Khepri,“ sagte er, während die Messingkanten unter seiner Lupe glühten, „das hier ist keine gewöhnliche Erinnerungsmagie. Das ist Bindungszauber in reinster Form. Blut, Erde, Zeit. Du wirst es nicht benutzen - es wird dich benutzen, solange es dich als Trägerin erkennt.“
Sie erzählte ihm alles, was Téta preisgegeben hatte. Nur nicht den Namen Morfin Gaunt, denn die Warnung ihrer Téta, dass dieser Name in ihrer Welt nichts Gutes bedeutete, klang noch sehr gut in ihren Gedanken wider. Sie musste den Weasleys nicht auf die Nase binden, dass ihre Familie von ihm abstammte. Stattdessen sagte sie nur „mein Großvater“.
Bill nickte. „Dann hat er gewusst, was kommen würde. Und er wollte dich schützen. Das ist… selten.“
Später schaffte es Charlie noch einmal, dass sie mit ihm fliegen ging. Diesmal saß sie auf einem eigenen Besen, den sie sich von Fred ausgeliehen hatte. Der Wind riss an ihrem Umhang, der Boden wurde zu einem grünen Fleckenteppich, und für ein paar Minuten war da nur Geschwindigkeit und das vertraute Ziehen in ihrem Bauch, das eher nach Adrenalin schmeckte als nach Angst. Als sie landeten, grinste er: „Du bist mutiger, als du denkst.“
Khepri schnaufte, strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und merkte, dass sie lächelte. „Vielleicht“, gab sie zu – und war froh, dass der Wind erklären konnte, warum ihre Wangen heiß waren.

 

Am dritten Tag war es, als hätte der Fuchsbau sie adoptiert. Ginny zeigte ihr ihre Lieblingsorte und stellte ihr den Ghul auf dem Dachboden vor, der laut ihrer Erklärung eines ihrer alten Kleider trug.
Molly ließ sie beim Kochen helfen („Nein, NEIN, nicht so viel Salz, mein Schatz!… Ach egal, Arthur isst alles.“) Arthur stellte ihr vier neue Muggelobjekte vor, die er irgendwo aufgetrieben hatte. Der Abend war ruhig - einer der seltenen.
Charlie setzte sich draußen zu ihr auf die Gartentreppe. Sie redeten über Drachen, Hogwarts, Geschwister. Und dann sagte er lächelnd, leise, ehrlich: „Du passt gut hier rein.“
Es war so unschuldig gemeint. So unkompliziert. Und trotzdem vibrierte etwas in ihr, das sie vor zwei Jahren begraben hatte.

 

Der vierte Tag begann mit einem Abschied: Charlie stand in der Küche, Rucksack über der Schulter, und Molly stritt mit ihm über die Dicke seines Pullovers. „Mum, ich reite keinen Eidrachen.“ „Du ziehst ihn trotzdem an!“ Charlie lachte, dann sah er zu Khepri. Er umarmte sie kurz. „Danke für die Tage“, murmelte er ihr ins Ohr, als er sich zu ihr runter beugte. „Danke fürs Fliegen“, antwortete sie.
Es war kein besonders langer Abschied, aber einer, der nachhallte. Sie fragte sich, ob er wohl jedes Mal so einen Eindruck bei ihr hinterlassen würde, wenn sie sich je wiedersehen würden.

 

Khepri blieb weitere sieben Tage zu Besuch bei den Weasleys, Tage, in denen sie mit Percy in den Büchern fürs letzte Schuljahr stöberte, Molly beim kochen half, in denen Fred und George ihr jeden Tag einen Streich spielten, bis sie einmal nach einer kleinen Explosion im ersten Stock die Treppe runterfiel. Molly heilte ihren geschwollenen Knöchel mit einem leichten Zauber und warf ein Brötchen nach den Zwillingen, die von da an Khepri in Ruhe ließen. Khepri versteckte noch weitere Sickel für die Weasleys in Schubladen, Schürzentaschen, unter Betten und in der Scheune, bis ihr Beutel leer war.
Ginny erzählte ihr ausgiebig davon, wie sie von Harry Potter aus der Kammer des Schreckens gerettet wurde. Danach machte Khepri mit ihr Trockenübungen leichter Verteidigungszauber.
Der Abschied von den Weasleys fiel leichter als erwartet, nachdem sie so viel Spaß mit ihnen gehabt hatte. Molly erklärte, sie sei natürlich immer willkommen. Am Eingangstor drehte sie sich um, winkte lächelnd und machte sich auf den Weg nach Hause.

 

Kaum stand sie in der Eingangshalle von Khairy Manor, wurde sie von einer Flut familiärer Stimmen überrollt. „Khepri! Da bist du ja!“
„Wie war der Besuch bei den Weasleys?“ „Haben sie wirklich so viele Hühner?“ „Hast du Percy geholfen, sein Bettzeug zu falten?“ Sie lachte und merkte, wie gut es tat, daheim zu sein.
Noch am selben Abend beschlossen Shijia und Caleb spontan, für einige Tage ans Meer zu fahren. Sie brauchten das. Zusammen. Nach diesem Schuljahr, nach den Schrecken, nach den Träumen. Der Urlaub war warm, salzig und sonnig.
Khepri rannte mit ihren Geschwistern am Strand, half Aaron und Maralen dabei, eine riesige Sandburg zu bauen und erzählte Liliana in einem langen Brief vom Fuchsbau und wenn sie spätabends am Wasser saß, hörte sie nichts außer den Wellen. Vielleicht war das die erste echte Ruhe seit Monaten.

 

Das Zimmer war still, als Shijia die Tür hinter sich schloss. Draußen rauschten die Wellen gegen die Felsen, gedämpft und beruhigend, doch in Shijias Brust wog etwas zu schwer, um mit dem Meer fortgetragen zu werden. Sie setzte sich auf ein Bett, das zu dem Zimmer gehörte, in dem die Mädchen schliefen - Khepris Bett, das weiche, ordentliche, das einzige, das gerade leer war, da Maralen auf ihrem ihren halben Koffer ausgeschüttet zu haben schien. Ihre Hände zitterten, als sie in die Tasche ihres leichten Sommermantels griff und die kleine Holzschatulle hervorholte. Sie war alt und verkratzt, ein Geschenk ihres Vaters, das er noch von seiner Mutter bekommen hatte. Die Kanten von Jahren und Nächten gezeichnet, aber sie gehörte zu Shijias liebstem Besitz. Sie öffnete sie.
Der Geruch von Papier, Tinte und altem Staub stieg in die Luft. Darin lagen nur vier Dinge: ein Stück Stoff aus einem Hemd - weiß, grob gewebt. Ein Foto von Shijia und ihrem Mann Caleb in jungen Jahren, dessen Ecke jemand hastig abgerissen hatte. Ein Stück Pergament mit einer Handschrift, die längst verblasst war- und der Zeitungsausschnitt, eine Erinnerung an den größten Fehler, den sie je gemacht hatte.
Mehrere verdächtige Todesser festgenommen - anonymer Hinweis führte Auroreneinsatz an die Küste.
Shijia presste die Lippen zusammen. Sie strich gedankenverloren aber liebevoll die Bettdecke ihrer Tochter glatt. „Ich hätte es dir sagen müssen…“, flüsterte sie in die Stille. „Ich hätte es dir schon vor Jahren sagen müssen.“
Sie meinte Khepri, meinte Shukran, meinte Caleb. Sie meinte nicht ihn. Niemals ihn. Oder vielleicht doch.
Sie zog den Artikel heraus, faltete ihn auseinander, fuhr mit einem Finger über das Bild, das längst verblasst war. Ein junger Mann, verhärtet vom Krieg. Nicht der Mann, den sie damals gekannt hatte. Nicht genau. Aber nah genug, dass ihr Herz sich zusammenzog. „Was, wenn sie es irgendwann herausfinden?“, flüsterte sie, ein Zittern im Hals. „Was, wenn sie mich hassen?“ Schritte ertönten im Flur. Stimmen. Maralen lachte irgendwo. Shijia fuhr zusammen. Panik schoss ihr heiß in den Magen. Sie wusste, niemand durfte sie so sehen - nicht mit
diesen Dingen in den Händen. Hastig faltete sie den Zeitungsausschnitt zusammen. Khepris Bett war natürlich am nächsten - instinktiv schob sie das Blatt unter die Matratze, gerade als der Türgriff leise klackte, als würde jemand ins Zimmer wollen. Sie drückte die Schatulle fest an ihre Brust und wischte sich Tränen aus den Augen. Die Tür blieb geschlossen. Sie atmete zittrig aus, steckte ihre Schatulle wieder ein und verließ das Zimmer.
Und in der Hektik vergaß sie - wirklich vergaß - dass das Wichtigste, das Verbotenste, das, was niemals ans Licht sollte, noch unter dem Bett lag.
Shijia schloss die Tür hinter sich. Die Schatulle presste sie fest an die Brust, während sie den Flur entlangging. Sie hatte keine Ahnung, dass sie gerade den ersten Dominostein umgeworfen hatte.

 

Am letzten Abend ihres Urlaubs war Khepri auf der Suche nach einer Socke, die Aaron gemeinerweise versteckt hatte. Dabei stieß sie unter der Matratze auf etwas, das sie dort nicht erwartet hatte: Ein eingerolltes, vergilbtes Papier. Sie zog es heraus. Es war ein alter Zeitungsausschnitt von 1981 über die Verhaftung einer Gruppe Todesser. Die Überschrift lautete „Mehrere verdächtige Todesser festgenommen - anonymer Hinweis führte Auroreneinsatz an die Küste.
Dass dieser Ausschnitt überhaupt unter ihrem Bett lag war noch nicht das Seltsame. Das Seltsame war, dass auf die Rückseite des Ausschnittes mit dunkler Tinte etwas geschrieben stand. Es war eine kleine Notiz in einer Handschrift, die sie kannte, weil sie sie in Briefen schon so oft gesehen hatte: „Nicht wiederholen.“ Es war die Schrift ihrer Mutter.
Khepris Herz schlug plötzlich schneller. Nicht, weil sie alles verstanden hatte, ganz im Gegenteil. Sie wusste zu wenig. Und jetzt wollte sie alles wissen.
Als das Meer draußen weiterrauschte, fühlte sie, wie das Amulett warm wurde - zum ersten Mal seit Wochen.

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