Kapitel 13 - Puzzleteile

Veröffentlicht am 12. Dezember 2025 um 13:46

Koffer klappten zu, Federn schrieben letzte Packlisten. Maralen fluchte leise über einen gerissenen Kesselriemen, Aaron diskutierte mit Shukran über die sinnvollste Packordnung, und irgendwo im Flur stolperte Sara über einen Besen. Nur einer fehlte im Chaos: Sekani.
„Er hat geschrieben, dass das Grundjahr im Historischen Institut anstrengender ist als alle Hogwarts-Jahre zusammen,“ erklärte Sara beiläufig, während sie ihre Schuluniform zusammenfaltete. „Er klingt… glücklich.“ murmelte Aaron mit vollem Mund, während er Dinge in seinen Koffer stopfte, die dort unmöglich reinpassten. „Vielleicht denkt er, wir würden es nicht ohne ihn schaffen.“ „Wir schaffen immer alles ohne ihn,“ korrigierte Maralen schnippisch, „nur schlechter.“
Die Tür ging auf, und ihr Bruder trat hinein, mit einem müden, aber echten Lächeln. „Wir starten morgen zusammen,“ sagte Shukran, und Khepri warf sich ihm fast an die Brust. „Wie geht es Maya?“ „Gut. Richtig gut. Sie darf seit zwei Wochen wieder alles essen.“ Er strich sich durch die Haare. „Es war… alles viel zu nah an der Kante. Aber sie ist wieder komplett gesund.“ „Und du?“ fragte Khepri. Er schnaubte. „Bereit. Ich will das Jahr zu Ende bringen. Für sie. Für uns.“ Khepri nickte. Sein Blick hatte wieder Licht - vorsichtig, aber da.
Khepri stopfte ein letztes Kleid in ihren Koffer und spürte beim Bücken, wie der gefaltete Zeitungsausschnitt in ihrer hinteren Hosentasche knisterte. Sie richtete sich unauffällig auf. War das ein Zittern in ihren Fingern? Oder nur Hitze?
Die Notiz „Nicht wiederholen“ brannte wie ein geheimer Fluch gegen ihre Haut. Und je näher der Schulbeginn kam, desto lauter wurde das Gefühl, dass sie etwas davon erzählen musste. Nicht ihrer Familie - noch nicht, auch wenn sie das dringende Bedürfnis hatte, Shukran einzuweihen.
„Khepri!“ Maralen schlug die Tür halb auf. „Mama will, dass wir runterkommen. Abendessen.“ „Ich komme.“ Sie folgte ihr den Treppenabsatz hinunter. Die Geländer glänzten im Abendlicht, Familienbilder hingen in goldenen Rahmen - Generationen von Khairys, die sie ansahen, als hätten sie Antworten. Doch sie hatte das Gefühl, dass nur eine Person eine Antwort hatte. Und sie stand in der Küche.
Shijia Khairy wirbelte zwischen dampfenden Töpfen, kleine blaue Funken tanzten um ihren Zauberstab. Sie lächelte, als die Kinder eintraten. Ein warmes, unerschütterliches Mutterlächeln - das dennoch etwas verbarg. Etwas, das Khepri nun sehen konnte, weil sie danach suchte.
Beim Abendessen erzählte Khepris Cousine Chione von ihrem Job, Maralen von ihren neuen Büchern, Aaron davon, wie er sich sicher war, dass Khepris Quidditchkapitän dieses Jahr endgültig den Verstand verlieren würde. „Wenn du Marcus meinst,“ murmelte Khepri, „der hat den schon längst verloren.“ Aaron grinste wissend. Shukran hob eine Braue. Und Khepri merkte erst da, dass sie rot wurde. Ganz leicht. Shijias Blick ruhte auf ihr - nicht neugierig oder misstrauisch, sondern nachdenklich. Zu nachdenklich.
Nachdem alle gegessen hatten, blieb Khepri zurück, um beim Abwasch zu helfen. Eine stille Tradition zwischen ihr und ihrer Mutter. Shijia reichte ihr eine Schüssel.
„Du wirkst abwesend.“ „Nur viel im Kopf.“ „Wegen Shukran?“ „Unter anderem.“
Shijias Hand stoppte einen Moment, während sie einen Teller abspülte. „Du hast immer viel getragen. Manchmal zu viel.“ Khepri öffnete den Mund und schloss ihn unsicher wieder. Der gefaltete Zeitungsartikel in ihrer Tasche brannte ihr ein Loch in die Haut. Sie wollte fragen. Sie wollte wissen, aber nicht so. Nicht heute. Nicht jetzt.
„Morgen fahren wir,“ sagte Shijia stattdessen. „Bist du bereit?“ „Ich glaube… ja.“
Shijia lächelte sanft und trocknete sich die Hände ab. „Du wirst in diesem Jahr Antworten finden. Welche auch immer du suchst.“ Khepris Herz stolperte.
Wusste sie es? Konnte sie es spüren? War das… ein Zufall? Oder war das eine Warnung? Sie wagte nicht zu fragen.

 

Noch vor Sonnenaufgang herrschte geschäftiger Trubel. Ein Koffer fiel die Treppe herunter, Aaron rannte zurück, weil er das Gleis-Ticket vergessen hatte, und Maralen hatte Tränen in den Augen, weil sie die Katzen verabschieden musste. Shukran half allen beim Tragen.
Shelise und Aidan kamen Hogwarts mit jedem Jahr näher, wurden immer ungeduldiger. Shelise würde nächstes Jahr endlich starten, aber dann waren Khepri und Shukran schon weg. Und Aidan, der im Januar gerade acht Jahre alt geworden war, musste noch weitere drei Jahre warten.
Khepri wandte sich ihrer Mutter zu. Shijia strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht, wie früher, als sie noch ein kleines Kind gewesen war. „Hab ein gutes Jahr,“ sagte sie weich. „Und hab keine Angst vor neuen Abenteuern.“ Khepris Atem stockte. Die Wahrheit. Das Wort war ein Schlüssel in einer Tür, die sie nicht öffnen wollte. Sie presste den Zeitungsausschnitt tiefer in die Hosentasche. „Ich versuche es,“ flüsterte sie. Sie hatte das Gefühl, dass dieses Schuljahr alles verändern würde.

 

Der Hogwarts-Express ratterte in gleichmäßigem Rhythmus über die Gleise, und die vertrauten Geräusche - das leise Klirren des Teewagens, das Murmeln der Schüler, das Pfeifen des Dampfes - hüllten Khepri in eine seltsame Mischung aus Nostalgie und Unruhe. Liliana hatte ihr gegenüber Platz genommen, die Beine übereinandergeschlagen, den Kopf gegen die Scheibe gelehnt. Ihre smaragdgrünen Augen glitzerten im Licht, und sie sah aus, als gehöre sie mühelos in jeden Zug, jede Szene, jede Welt. „Percy ist schon vorne bei den Schulsprechern?“, fragte sie beiläufig. „Ja. Wir  sehen ihn erst beim Festessen.“ Khepri nestelte am Saum ihres Pullovers. Sie war seltsam… aufgeregt. Sie brauchte unbedingt ihren Rat. Aber sie wusste auch nicht ganz, wie sie dieses Gespräch anfangen sollte.
„Du denkst so laut, dass es vibriert“, sagte Liliana schließlich und nahm ihr diese Entscheidung damit ab. Khepri blinzelte. „Tut mir leid.“ „Du musst dich nicht entschuldigen. Aber willst du darüber reden?“ Auf jeden Fall, ganz dringend. Trotzdem schwieg Khepri noch eine Weile. Der Wind pfiff am Abteil entlang. Ein Mädchen rief im Gang nach einem Haustier. Dann atmete Khepri ein. „Ich weiß nicht mehr, was richtig ist.“ Liliana rührte sich nicht. Sie wartete. „Ich dachte, ich weiß, was ich für Marcus fühle,“ begann Khepri leise. „Es ist… etwas. Etwas Echtes. Aber es ist auch chaotisch. Und überfordernd.“ „Weil er überfordernd ist.“ „Ja. Und weil ich es ebenfalls bin bin.“ Liliana lächelte schwach. „Weil ihr euch sehr ähnlich seid.“ Khepri musste kurz lachen und wischte sich übers Gesicht. „Und dann war da Charlie.“ „Ah.“, machte Liliana. „Nein, nicht ‚ah‘. Ich… ich war vierzehn, Liliana. Ich habe ihn angehimmelt, als wäre er eine Sternschnuppe auf zwei Beinen. Und dann sehe ich ihn wieder, und alles in mir reagiert, als wäre ich wieder vierzehn und würde ihm zufällig die Treppe runter begegnen.“ Liliana machte große Augen. Khepri erzählte ihr, wie sie ihm im Fuchsbau begegnet war, von seinem Besen und wie ihr Herz geklopft hatte, als sie sich beim Fliegen gegen ihn gelehnt hatte, wie warm er gewesen war und wie sehr ihr das den Kopf verdreht hatte. “Ich dachte, ich wäre über diesen albernen Crush hinweg, aber dann stand er da, im Türrahmen, mit diesem unfassbaren Lächeln und diesem… Charlie-Weasley-Charme-“ „Oh Merlin.“ Liliana presste beide Hände dramatisch gegen die Wangen. „Du bist noch immer total in ihn verknallt.“ „Vielleicht ein ganz kleines bisschen“, gab Khepri kleinlaut zu. „Ich hab mich total zum Deppen gemacht und ich bin ziemlich sicher, dass die ganze Familie bescheid weiß. Es war wirklich nicht sehr subtil. Aber er macht irgendwas mit meinem Hirn, Lil, ich habe keine Kontrolle über mein Gesicht mehr, wenn er neben mir steht. Von dem Herzklopfen ganz zu schweigen.” Sie zog die Füße enger an sich. „Es ist peinlich. Und verwirrend. Und unfair.“ „Für wen?“ Khepri zögerte. „Für Marcus. Und vielleicht auch für mich.“ Sie war so unendlich froh, dass gerade niemand außer ihnen beiden im Abteil war. Khepri wurde bewusst, dass ihre Gefühle für Marcus eine ganz andere Richtung einschlugen als die, die sie für Charlie empfand. Bei Marcus war sie immer ganz klar da, sie hatte schlagfertige Sprüche auf Lager, sie konnte witzig sein und manchmal cool und sie hatte Kontrolle über sich. Bei Charlie schien all ihre Contenance einfach in ihren rechten Schuh zu rutschen.
Liliana nickte langsam. „Was fühlst du denn, wenn du an Marcus denkst?“ Khepri sah wieder aus dem Fenster, ins vorüberziehende Grau. „Er ist… nah. Manchmal zu nah. Und trotzdem vertraut. Ich hab Angst, das kaputtzumachen.” „Und Charlie?“ Khepri seufzte. „Das ist wie ein Echo. Schön, aber nicht… real. Vielleicht. Ich weiß es nicht.“ Liliana hob leicht die Brauen, aber ihre Stimme blieb sanft. „Dann ist die Frage vielleicht nicht ‚wen magst du mehr‘, sondern: ‚Wem traust du zu, dass er bleibt‘.“ Khepri sah sie überrascht an. „Ich… ja. Vielleicht.“ Liliana legte ihre Hand auf Khepris Arm. „Es ist okay, es nicht zu wissen. Wirklich okay. Du musst niemandem etwas versprechen, bevor du dir selbst klar bist.“ Khepri nickte, langsam, dankbar. „Danke.“ „Immer.”
„Es gibt noch etwas.“, sagte sie, griff in die hintere Tasche ihrer Hose und holte den gefalteten Zeitungsausschnitt hervor. Vorsichtig, fast ehrfürchtig, legte sie ihn zwischen ihnen auf Lilianas Knie. Liliana beugte sich vor. „Oh. Der… sieht alt aus.“ „Das ist er auch.“
Khepri strich den Artikel glatt. Dann zeigte sie Liliana die Notiz auf der Rückseite. Nicht wiederholen.
„Ich hab ihn in meinem Hotelzimmer unter der Matratze gefunden. Und ich erkenne die Schrift. Ich glaube… ich glaube, sie gehört meiner Mutter.“ Liliana sog scharf die Luft ein. “Was?“ „Ja. Aber warum sollte sie-“ Khepri schüttelte verzweifelt den Kopf. „Ich verstehe es einfach nicht, Lil. Warum sollte sie so etwas aufbewahren? Und dann… verstecken? Unter meiner Matratze?“ „Vielleicht war es nicht sie. Vielleicht lag es schon da, bevor du das Zimmer bezogen hast. Von irgendeinem Gast vor dir.“ Aber ihre Stimme klang nicht überzeugt. „Das kann nicht sein, ich habe die Matratze in der zweiten Nacht umgedreht, weil sie mir zu hart war. Da war der Zettel noch nicht da.“ Liliana sah sie lange an, ernst wie selten. „Khepri… das ist ein Puzzleteil.“ „Ich weiß.“
„Und ich nehme an, du willst warten, bis Percy es sieht.“ „Ja. Unbedingt.“ Khepri lächelte schwach. „Ich brauche euch beide - schon wieder ein neues Rätsel.“ Liliana legte eine Hand auf ihre. „Wir finden raus, was das alles bedeutet. Zusammen.“

Der Hogwarts-Express hatte seine Fracht entladen wie ein aufgescheuchter Schwarm bunter Vögel, und die Masse an Schülern ergoss sich nun in die Hogwarts Eingangshalle. Khepri blieb dicht bei Liliana - nicht, weil sie Schutz brauchte, sondern weil ihre Gedanken zu laut waren: Charlie, Marcus, der Zeitungsausschnitt, Shukran und Maya, das bevorstehende Schuljahr und das Amulett, das sie die gesamten Ferien nicht angerührt hatte. Ein Wirbelsturm tobte hinter ihrem Brustbein.
Die Slytherins stiegen die Treppe hinab zum Gemeinschaftsraum, die Luft wurde kühler, die Steinwände feuchter, die Schatten tiefer. Außen glitt das Dunkelgrün der Unterwasserwelt über die Korridore. Khepri war gerade dabei, ihren Schal über die Schulter zu ziehen, als sie merkte, dass jemand in der Ecke des Gemeinschaftsraumes stand - halb im Schatten, halb im grünlichen Schimmer einer Laterne. Marcus.
Er hatte sich nicht verändert und doch irgendwie schon. Seine Schultern waren breiter und seine Haltung entspannter. Aber in den Augen, da war etwas, das sie nicht benennen konnte. Etwas, das wie ein Funke wirkte, der noch nicht wusste, ob er entzünden oder erlöschen sollte. Liliana blinzelte einmal zu Khepri, ihr Blick sprach: Ich gehe jetzt. Absichtlich. Und sie verschwand mit Miles im Gang zu den Schlafsälen. Khepri blieb allein zurück. Sie tat so, als hätte sie Marcus nicht gesehen. Er tat so, als hätte er es geglaubt.
Dann sagte er leise: „Khepri.“ Die Stimme war erstaunlich weich, rau vom Sommer, und löste ein abruptes Aufrichten in ihr aus. Sie drehte sich um. „Marcus.“ Sein Blick glitt über sie, schnell, prüfend, als würde er abgleichen, ob sie dieselbe war wie noch im Juni. Oder ob irgendetwas an ihr… fehlte. Sie kam nicht umhin, dasselbe zu tun. Er war keine Bedrohung. Aber er war auch kein sicherer Hafen. Er war das Dazwischen.
„Wie war dein Sommer?“ fragte er, als wäre das eine normale Frage. „Gut.“ Dann ehrlicher, weil sie seit Liliana beschlossen hatte, sich nicht mehr zu verstecken: „Kompliziert.“
Er nickte ein einziges Mal, als hätte er das erwartet. „Ich hab-“ Er stockte. Marcus Flint, der keine drei Sekunden über irgendetwas nachdachte, bevor er sprach, schwieg. Dann: „Ich hab mir Sorgen gemacht.“ Khepri fühlte ihren Herzschlag in den Fingerspitzen. „Wegen Shukran?“ „Wegen dir.“ Die Worte fielen wie Steine ins Wasser. Schwer. Wahr. Und mit mehr Bedeutung, als er vermutlich zugeben würde.
Khepri wich unbewusst einen Schritt zurück. Sie wollte es nicht. Und tat es trotzdem. Marcus verzog den Mund, als hätte er die Bewegung bemerkt. „Ich dachte…“ Er fuhr sich durch die Haare. „Ich dachte, ich geb dir Zeit.“ „Danke“, flüsterte sie. „Aber ich wollte auch… wissen, wie’s dir geht.“ Khepri fühlte plötzlich ihre Kehle eng werden. Sie dachte an Lilianas Worte. Denk darüber nach, wer bleibt.
„Es geht…“ Sie suchte nach einem Wort. „…mal so, mal so.“ Er nickte, als wäre das die ehrlichste Antwort, die er je von ihr bekommen hatte. Ein paar Erstklässler liefen an ihnen vorbei. Eine Flamme an der Wand knisterte. Im See draußen glitt ein Schatten vorbei.
Marcus räusperte sich. „Falls du… jemanden brauchst. Für was auch immer.“ Er sah bewusst weg, was es nur noch echter machte. „Ich bin nicht gut darin. Aber ich bin da.“ Genau das, was er ihr schon einmal gesagt hatte. Trotzdem hatte sie sich ihm nie wirklich anvertraut.
Ihre Finger umklammerten unbewusst den Zeitungsausschnitt in ihrer Tasche. So viele Geheimnisse, die sie nicht aussprechen konnte. „Danke“, sagte sie leise. „Wirklich.“ Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Selten. Kurz. Gefährlich, weil es echt war. Er setzte zum Gehen an. Dann drehte er sich noch einmal um. „Und, Khepri…“ Sie hob die Augenbrauen. „Ich bin froh, dass du hier bist.“ Er verschwand im Gang zum Jungenflur. Khepri blieb stehen, das Herz ganz leicht - und über alle Maßen verwirrt und gleichzeitig seltsam sicher.
Liliana tauchte neben ihr auf, ohne dass sie gehört hatte, wie sie kam. „Ihr seid sowas von verloren“, murmelte sie trocken. Khepri seufzte hörbar. „Sag nichts.“ „Ich sag nur eins.“
Liliana verschränkte die Arme. „Der Kerl sieht dich an, als wärst du ein Rätsel, das er lösen will.“ „Ich bin ein Rätsel, das ich gern selbst lösen würde.“ „Er weiß.“ Liliana grinste. „Und er findet’s gut.“

 

Die Mittagspause hatte Hogwarts verschluckt: Schüler liefen durcheinander, irgendwo stritt man jetzt schon über Hauspunkte, und weiter hinten versuchte Filch verzweifelt, Peeves mit einem Feudel zu vertreiben.
Khepri, Liliana und Percy hatten sich in eine der stillsten Ecken der Bibliothek zurückgezogen, zwischen staubigen Atlanten und alten, abgegriffenen Zaubereitheorien, die niemand mehr freiwillig las. Percy packte gerade pedantisch seine Federn neu, Liliana sortierte Schokofroschkarten in einem Sammelband der Bibliothek (ohne zu fragen, ob sie das überhaupt durfte), und Khepri hielt seit zehn Minuten den Zeitungsausschnitt zwischen den Fingern, ohne etwas gesagt zu haben. Percy bemerkte es natürlich. „Khepri“, begann er mit seiner typischen ich-bin-besorgt-aber-ich-will-dass-du-es-selbst-sagst-Stimme, „du wirkst, als würdest du gleich hyperventilieren oder jemanden erschlagen. Vielleicht beides. Sag endlich, was los ist.“ Liliana knuffte sie leicht gegen die Schulter. „Raus damit. Und wenn du wieder so tust, als wäre alles in Ordnung, schwöre ich dir, ich schreie hier und jetzt.“ Percy verzog das Gesicht. „Bitte tu das nicht.“
Khepri atmete tief ein, holte den Zeitungsschnipsel aus ihrer hinteren Tasche und legte ihn vorsichtig auf den Tisch. Das Papier war vergilbt, eingerissen, an den Rändern leicht verbrannt.
Tagesprophet - Mehrere verdächtige Todesser festgenommen.“ Percy runzelte die Stirn. „Das ist… alt.“ „ziemlich alt“, bestätigte Khepri. „Und das ist nicht das Merkwürdigste.“ Sie drehte das Papier um. Percy und Liliana beugten sich gleichzeitig vor. Sie lasen die Nachricht, die mit einer hübschen Handschrift auf die Rückseite geschrieben war. „Nicht wiederholen.“
Percy blinzelte. „Was zum?“ „Shijia“, flüsterte Liliana sofort und erkläre Percy dann, was die beiden im Zug besprochen hatten. „Es muss sie sein, oder?“ Khepri wackelte mit dem Kopf.
„Ich weiß es nicht. Es sieht nach ihrer Schrift aus… aber irgendwie macht es keinen Sinn.” Sie drückte die Lippen zusammen. „Warum würde sie sowas aufbewahren? Und dann mitnehmen in den Urlaub? Und dann unter mein Bett stecken?“ Liliana zog eine Augenbraue hoch. „Ganz einfach: Damit du es findest.“ „Genau das“, sagte Khepri leise, „macht mir Angst.“ Percy nahm den Artikel, studierte die Vorderseite erneut, diesmal wie jemand, der jedes Detail einsaugt, um ein Rätsel zu lösen. „Das Datum… das ist November 1981.“ Khepri nickte. „Ja.“ “Wann bist du nochmal geboren?” “Am 14.02.1976.” Percy rechnete. Und Percy Weasley war gut im Rechnen. „Das heißt-“ „Es hat nichts mit meiner Geburt zu tun“, sagte Khepri schnell. „Ich weiß.“ Liliana tippte auf den Artikel. „Aber irgendwas hat deine Mutter daran wichtig gefunden. Sonst hätte sie es nicht wie einen Schatz behandelt.“
Percy schob seine Brille zurecht. „Was hat sie dazu gesagt, als du sie gefragt hast?“ „Gar nichts. Ich hab sie nicht gefragt.“ Liliana riss die Augen auf. „Was? Warum nicht?!“ „Liliana“, sagte Percy sanft. „Du weißt genau, warum.“
Khepri presste das Kinn gegen die Brust. „Ja. Weil… ich Angst habe, dass es etwas ist, was ich nicht wissen will.“ Sie zeigte auf die Nachricht. „‚Nicht wiederholen.‘ Was denn nicht? Ein Fehler? Eine Entscheidung? Ein… Geheimnis?“ Liliana beugte sich vor, ihre Stimme wurde ganz leise. „Khepri… was genau macht dir daran so Angst?“ Sie blickte zwischen den beiden hin und her - ihren beiden besten Freunden - und spürte zum ersten Mal, dass das Gewicht dieses unheilvollen Schnipsels nicht nur aus Papier bestand.
„Weil es sich anfühlt,“ flüsterte sie, „als würde diese Person - Mama, oder wer auch immer es war - genau über das schreiben, was ich in diesem Moment tue: versuchen, etwas zusammenzusetzen, was ich vielleicht nicht zusammenfügen sollte.“ Percy legte den Kopf schief. „Ich glaube nicht, dass du eine Wahl hast. Wenn es wichtig genug war, um es vor dir zu verstecken, ist es wichtig genug, um es herauszufinden.“ Liliana nickte zustimmend. „Und wir helfen dir. Wie immer.“
Khepris Stimme wurde brüchig. „Percy, hast du eine Idee, was das bedeuten könnte? Irgendeine Richtung? Irgendeinen Anfang?“ Percy dachte nach. Dann sagte er: „Ich glaube nicht, dass wir zuerst deine Mutter fragen sollten.“ „Wen dann?“
Er zögerte. Dann traf er eine Entscheidung. „Wir fangen bei den Fakten an. Bei den Daten. Bei den Aussagen. Bei den Personen.“ Er klopfte auf den Zeitungsausschnitt. „Wir prüfen: wer wurde wann verhaftet, wer war wo, wer kannte wen, und was davon hat irgendetwas mit deiner Familie zu tun.“ Liliana strahlte. „Oh, endlich mal ein Mysterium ohne Lebensgefahr.“
Percy seufzte. „Sag das nicht zu früh.“ Khepri atmete tief durch. Ja. Das war tatsächlich ein guter Ausgangspunkt.

 

Der Bibliotheksflügel für Zeitungsarchive wurde selten besucht, aber Percy kannte sich offenbar trotzdem gut aus. Er führte sie zielstrebig zwischen die schweren Regale, in denen jahrzehnteweise Ausgaben des Tagespropheten, der Hexenwoche, des Zaubernachrichtenblatts und sogar einiger internationaler Journale standen. „Wenn wir etwas finden wollen,“ murmelte er und schob seine Brille höher, „dann hier.“ Khepri war angespannt, aber Liliana wirkte… begeistert. Sie flüsterte Percy zu: „Ich wusste gar nicht, dass du so illegal gut im Schnüffeln bist.“ „Es ist nicht illegal, es ist Recherche,“ zischte er zurück. „Mmhm.“ Liliana grinste.
Percy holte fünf dicke Sammelbände herunter - die Jahrgänge 1980 bis 1984 - und stapelte sie auf einem der vorderen Arbeitstische. Er hatte die Ärmel hochgekrempelt. Ein Zeichen, dass es jetzt ernst wurde. „Wir fangen so an,“ sagte er und klappte den Jahrgang 1980 auf. „Wir prüfen Todesfälle, Verhaftungen, Gerichtsverhandlungen. Nicht wegen eines direkten Hinweises - sondern wegen Kontext. Leute hinterlassen Spuren, auch wenn sie nicht im Rampenlicht stehen.“ Khepri fragte leise: „Hast du das von Bill gelernt?“
„Von Dad," antwortete Percy trocken. „Er hat mal gesagt, dass keiner so sauber lügt wie ein Erwachsener, der etwas verbergen will. Seitdem lese ich alles, was ich in die Finger kriege.“ Liliana grinste. „Das erklärt so viel.“
Die ersten Seiten: Nichts. Und das fand Percy verdächtig. Er blätterte gewissenhaft durch die Wintermonate 1980. Berichte über Ministeriumsdebatten, Quidditchspiele, fünf neue Handelsgesetze, ein Artikel über magische Schimmelpilze (Liliana: „Warum existiert das?“).
„Wenn wir verstehen wollen, warum Shijia diesen Artikel aufbewahrt hat,“ sagte er und klappte Band 1981 auf, „brauchen wir Kontext. Niemand hebt über zehn Jahre lang etwas ohne Grund auf.“ Liliana grinste schief. „Ich schon.“ Percy ignorierte sie.
Khepri legte den Zeitungsausschnitt auf den Tisch. Percy glättete ihn automatisch, obwohl er ihn längst kannte.
„Gut“, sagte er ruhig. „Wir wissen bereits:
- Dezember 1981,
- Todesser nahe Dover,
- anonymer Hinweis.
Was wir nicht wissen, ist, warum Shijia das behalten hat.“ Er schob seinen Brillenbügel hoch - Startsignal. „Also suchen wir nicht nach ihr“, erklärte Percy. „Wir suchen nach ihrer Welt.“
Liliana war es, die die erste Überraschung fand. „Äh - Percy? Khepri?“ Sie zog ein dünnes Blatt aus einem der Sammelbände. Percy nahm es. Ein Hogwarts-Rundbrief.
„‚Auszeichnung für besondere Leistungen in den Abendkursen der Zaubertrankkunst… Shijia Khairy erhielt besondere Anerkennung von Professor Severus Snape.‘“ Khepri blinzelte. „Mama… und Snape?“ Percy runzelte die Stirn. „Das ist interessant. Sehr sogar. Nicht viele Leute besuchen freiwillig Snapes Abendkurse.“ Liliana nickte. „Sie sagte mir einmal, sie habe während des Studiums mal einen Kurz belegt. Aber das hier klingt… offiziell.“ Khepri fühlte ein Ziehen im Bauch. Warum hatte ihre Mutter das nie erwähnt?

 

Percy eröffnete mit dem Rundbrief einen Stapel für nützliche Informationen und blätterte weiter in den Jahrgängen 1982–1984. Kurze Zeit später stieß er auf ein Interview, das er mit einem schnellen Atmen holte. „Hier. Ein nachträglicher Bericht zu der Todesserfestnahme.“ Er las vor: „‚Der entscheidende Hinweis kam offenbar von einer Person mit Kenntnis der Muggelküstenregion… Die Auroren vermuten, dass der Hinweisgeber vertraut mit der Gegend war.‘“ Khepris Herz schlug schneller. „Percy… Mum hat damals während des Studiums zeitweise in Essex gelebt. Das ist… Küste.“ Percy hob die Hand. „Es beweist nichts. Aber es ist bemerkenswert.“ Er legte auch den Bericht auf seinen Stapel. Liliana sah zwischen ihnen hin und her. „Also… jemand aus Muggelnähe. Jemand, der wusste, dass sie dort waren. Jemand, der es nicht für sich behalten konnte.“ Sie warf einen Blick auf den Zeitungsausschnitt. „Und jemand, der später ‚nicht wiederholen‘ schrieb.“
Es war kein „Fund“ mehr. Es war der Gegenstand, um den sich alles drehte. Percy tippte auf die Nptiz ihrer Mutter. „Das hier“, sagte er leise, „ist der Schlüssel. Nicht der Artikel - diese Worte. Sie wollte sich selbst warnen.“ Liliana beugte sich vor. „Vor was?“
„Vor einer Entscheidung, würde ich sagen“, sagte Percy. „Einer, die sie nie wieder treffen wollte.“ Khepri schluckte. „Ihr glaubt, sie… hat die Auroren gerufen?“ Percy sagte „Ich glaube, es ist möglich.“ und Liliana nickte ebenfalls. „Ich glaube, es macht Sinn.“
Khepri schloss die Augen. „Aber warum… hat sie es mir nie gesagt?“ Percy antwortete ungewöhnlich sanft. „Weil manche Entscheidungen nicht dazu gedacht sind, geteilt zu werden.“ Khepri holte tief Luft. „Ich will trotzdem wissen, was passiert ist.“
„Dann fangen wir mit dem an, was wir schon wissen,“ sagte Percy. „Shijia kannte Snape. Sie kannte Tränke. Sie kannte Muggelgebiete. Und sie hat einen Artikel über die Festnahme gefährlicher Todesser aufbewahrt.“ Liliana lächelte schmal. „Und sie hat etwas nicht wiederholen wollen.“
Khepri nahm den Artikel wieder an sich. „Dann suchen wir weiter“, sagte sie. „Bis wir das Bild sehen.“
Percy setzte die Brille neu. „Ich habe das Gefühl, das Bild wird groß.“

 

Die drei schoben sich gerade erneut die Zeitung hin und her, als sich ein langer, schwarzer Schatten über den Tisch legte. Khepri spürte, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten.
Snape stand hinter ihnen.
„Miss Khairy. Miss Bletchley. Mister Weasley.“ Er sagte jeden Namen, als würde er ihre Anwesenheit als persönliche Beleidigung auffassen. Sein Blick senkte sich auf die Zeitung. Er musterte den Ausgabe­rand, die Datumszeile und schließlich den Artikel über die Verhaftung der Lestranges. Nicht lange, aber zu lange. Khepris Herz klopfte hart gegen die Rippen, als ihr bewusst wurde: Er wusste etwas. Er erkannte etwas. Das sah sie an dem minimalen Zucken an seiner Schläfe. „Das hier,“ sagte Snape langsam, „ist kein Stoff für Schüler.“ „Es ist nur Geschichte,“ wagte Percy. „Nicht alles, was vergangen ist, ist harmlos,“ antwortete Snape leise. Er nahm den Zeitungsausschnitt zwischen zwei Fingern auf, prüfte ihn wie eine Giftprobe, und legte ihn wieder ab. Sein Blick glitt zu Khepri. Und blieb an ihr hängen. Zu lange, zu direkt und nach Khepris Geschmack eindeutig zu wissend. Khepri hielt den Atem an. „Sie sollten vorsichtig sein, Miss Khairy.“ Seine Stimme sank so tief, dass sie kaum hörbar war. „Manchmal birgt Nachforschung mehr Gefahr als Ignoranz.“
Liliana fauchte: „Wovor haben Sie denn Angst?“ Snape ignorierte sie vollkommen. Kein Muskel zuckte. „Behalten Sie Ihre Neugier im Zaum,“ sagte er, „wenn Ihnen Ihr Seelenfrieden lieb ist.“ Damit drehte er sich um. Der schwarze Umhang rauschte wie schlagende Flügel hinter ihm her. Er ging. Keine Drohung. Kein klarer Hinweis. Nur dieses eine Loch im Raum, das er hinterließ - und das Gefühl, dass er etwas verschwiegen hatte- dass er etwas wusste.
Liliana ließ die Luft explosiv raus. „Der Mann ist in blödes Rätsel aus schwarzen Komponenten!“, presste sie zwischen zusammengepressten Zähnen heraus. Percy fuhr sich hektisch durchs Haar. „Er hat etwas gewusst. Oder… nein. Er hat etwas erkannt.“
Khepri starrte auf den Tisch. Percy hatte das also auch gesehen. Ihre Finger klammerten sich in den Stoff. In ihrem Kopf löste sich ein Gedanke: Er hat nicht auf den Artikel reagiert. Er weiß irgendwas. Und plötzlich schoss ein Bild in ihr auf: Eine Feder. Kalt. Dünn. Alt. Und wie sie sich an jenem Nachmittag bewegt hatte, als hätte sie ein eigenes Gedächtnis. Die Scripta Memoriae. Die Feder, die schreibt, was Menschen nicht sagen. Khepri holte zischend Luft ein. „Oh nein,“ flüsterte sie. „Die Feder… sie könnte etwas aufgezeichnet haben. Etwas über…“ Sie stockte. Über ihre Mutter. Über das, was niemand aussprach. Aber warum?
Liliana war sofort bei ihr. „Dann wissen wir ja, was wir tun müssen.“ Percy schüttelte heftig den Kopf. „Nein! Das werden wir garantiert nicht tun.“ „Doch.“ Percy flüsterte ängstlich „Nicht Snape bestehlen!“
Khepri hob den Blick, ihre Augen dunkel vor Entschlossenheit. „Ich muss wissen, ob sie etwas gespeichert hat. Es könnte die einzige Spur sein.“ Percy seufzte so tief, dass er zehn Jahre älter wirkte. „Ich kann euch dabei helfen, herauszufinden, wo sie ist… aber nicht beim Stehlen!“ Liliana grinste breit. „Perfekt. Mehr brauchen wir nicht.“
Khepri legte die Hand auf den Zeitungsausschnitt. Und diesmal war der Gedanke fest. Unverrückbar. Wenn Snape schweigt - dann wird die Feder sprechen.

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