Der erste Schnee des Jahres hatte Hogwarts erreicht, die Kälte hing bereits in den Gängen wie ein unausgesprochenes Versprechen. Khepri zog den Kragen ihres Pullovers höher, als sie den schmalen Korridor zur Runenkunde hinunterging. Es war einer dieser Vormittage, an denen das Schloss leiser wirkte als sonst, so als würde es zuhören.
Die Wände in Professor Babblings Büro waren dicht behängt mit Abschriften, Abreibungen und Zeichnungen von Runen in allen erdenklichen Variationen, manche sauber beschriftet, andere nur mit Fragezeichen versehen. Auf dem Schreibtisch lag ein aufgeschlagenes Buch, daneben ein Stapel Pergamente und - ungewöhnlich ordentlich - ein einzelner Brief.
Die Professorin blickte auf, als Khepri eintrat. Ihr Lächeln war freundlich, aber gespannt. „Ah, Miss Khairy. Gut, dass Sie kommen konnten. Setzen Sie sich doch.“
Khepri nahm Platz, die Hände ineinander verschränkt, als müsste sie verhindern, dass sie unruhig wurden. Sie hatte seit Tagen auf dieses Gespräch gewartet - und gleichzeitig gehofft, es würde sich verzögern.
Babbling schob den Brief über den Tisch. „Ich habe Rückmeldung erhalten. Von einem Kollegen an der magischen Akademie von Alexandria.“ Khepris Atem stockte für einen Moment. Alexandria. Der Name hallte in ihr nach wie ein fernes Echo. „Von dort… wo auch meine Urgroßmutter gelernt hat“, sagte sie leise. Babbling nickte. „Ja. Khepri Khairy war ihm ein Begriff. Nicht persönlich, natürlich, aber ihr Name taucht in einigen älteren Verzeichnissen auf.“ Sie hielt kurz inne, musterte Khepri aufmerksam. „Sie scheinen nicht überrascht.“ „Nein“, antwortete Khepri ehrlich. „Nein, das wundert mich nicht.“ Babbling lächelte schmal und fuhr fort. „Ich habe ihm eine Abschrift der Rune geschickt, die Sie mir gezeigt haben. Saḥ.“ Sie sprach den Laut vorsichtig aus, fast tastend. „Er kannte sie.“
Khepris Herz zog sich zusammen. „Er weiß, was sie bedeutet?“ „Nein.“ Babbling hob beschwichtigend die Hand. „Nicht im eigentlichen Sinne. Aber er kennt den Begriff, in dessen Zusammenhang sie auftaucht.“ Sie tippte mit dem Finger auf den Brief. „Er hat unabhängig von Ihnen dasselbe Wort verwendet wie Sie: Hekau.“
Das Wort lag plötzlich schwer im Raum. Khepri hatte es inzwischen dutzende Male gedacht, geflüstert, auf Pergament geschrieben - und doch fühlte es sich jedes Mal fremd an, wie ein Name, den man eigentlich nicht aussprechen dürfte. „Er schreibt“, fuhr Babbling fort, „dass Hekau offenbar keine einzelne Disziplin war. Kein Zauber, kein Ritual, kein geschlossenes System. Eher…“ Sie suchte nach dem richtigen Wort. „…eine Art Praxis. Ein Verständnis von Magie, das nicht in unseren heutigen Kategorien funktioniert.“
„Aber er weiß nicht, was es war“, sagte Khepri. Es war keine Frage. „Nein.“ Babbling seufzte leise. „Und das ist der beunruhigende Teil. Selbst dort - an einem Ort, der so viel bewahrt hat - ist Hekau nur noch ein Randbegriff. Erwähnt, aber nicht erklärt. Zitiert, aber nie vollständig beschrieben.“
Sie griff nach dem Buch auf ihrem Schreibtisch und schob es Khepri hinüber. Es war alt, der Einband rissig, die Seiten vergilbt. „Das hat er mir mitgeschickt. Darin finden sich einige der Runen, die auch auf Ihrem Amulett vorkommen. Aber die Deutungen sind…“ Babbling verzog leicht den Mund. „Unvollständig. Vereinfachend. Teilweise scheinen sie schlicht falsch.“ Khepri blätterte vorsichtig. Linien, Formen, Anmerkungen am Rand. Worte, die vertraut wirkten, ohne es zu sein. „Es fühlt sich an, als hätte jemand versucht, etwas Lebendiges in ein starres System zu pressen“, murmelte sie.
Babblings Augen leuchteten. „Genau das. Als hätte man Magie katalogisiert, um sie beherrschbar zu machen - und dabei das verloren, was sie ursprünglich ausgemacht hat.“ Einen Moment lang schwiegen sie beide. Dann fragte Babbling leise: „Miss Khairy… was bedeutet ihnen dieses Wort?“
Khepri schloss das Buch langsam. Sie dachte an das Amulett. An die Feder. An Schuld, die nicht ihr gehörte. „Ich weiß es nicht“, sagte sie ehrlich. „Aber es fühlt sich an, als hätte es mich gekannt, bevor ich es kannte.“ Babbling nickte langsam, fast ehrfürchtig. „Dann fürchte ich, dass wir es hier nicht mit etwas zu tun haben, das man einfach nachschlagen kann.“
Sie legte die Hand auf das Buch. „Ich werde weiter suchen. Ich werde fragen. Hören. Aber seien Sie vorsichtig, Miss Khairy. Dinge, die aus dem Gedächtnis der Welt gefallen sind, tun das selten ohne Grund.“ Khepri erhob sich. Ihr war kalt - nicht wegen des Winters, sondern wegen der Erkenntnis, die sich langsam formte. Hekau war nicht nur ein verlorenes Wort, es war etwas, das man hatte vergessen wollen.
Der Innenhof lag still unter einer dünnen Schneeschicht, die Schritte von Khepri und Liliana hinterließen dunkle Abdrücke auf dem hellen Stein, die sich langsam wieder mit feinem Pulverschnee füllten. Über ihnen spannte sich ein fahler Winterhimmel, und der Atem der beiden zeichnete kleine Wolken in die Luft.
„Das heißt also,“ sagte Liliana nachdenklich, während sie den Schal fester um den Hals zog, „dass dieses Hekau nicht einfach… verloren gegangen ist.“ „Nein“, antwortete Khepri. „Eher verdrängt. Oder nie richtig verstanden.“ Sie schob die Hände in die Manteltaschen. „Und jetzt sitze ich hier mit einem Amulett, das offenbar etwas trägt, das selbst Alexandria nicht mehr erklären kann.“ Liliana warf ihr einen schiefen Blick zu. „Du klingst erstaunlich ruhig dafür.“ Khepri zuckte mit den Schultern. „Ich glaube, ich bin an dem Punkt angekommen, an dem Panik einfach… anstrengend wäre.“
Liliana wollte gerade etwas erwidern, als ihr Blick über Khepris Schulter hinweg nach vorne glitt und dort hängen blieb. Sie verlangsamte unmerklich den Schritt. „Was ist los?“ fragte Khepri. Liliana antwortete nicht sofort. Dann sagte sie leise „Evan.“
Khepri folgte ihrem Blick. Tatsächlich kam er ihnen entgegen, den Kopf leicht gesenkt, die Hände tief in den Taschen seiner Jacke vergraben, als würde er sich mehr für den verschneiten Boden interessieren als für die Welt um ihn herum. Erst im letzten Moment hob er den Blick - und blieb stehen. Khepri spürte, wie sich etwas in der Luft veränderte. Nicht dramatisch. Nur… still.
„Oh“, sagte sie schnell. „Ich… äh. Ich muss dringend. Also. Toilette.“ Sie machte eine vage Bewegung in Richtung der Arkaden. „Sehr dringend. Lebenswichtig.“ Liliana blinzelte. „Khepri-“ „Bis gleich“, sagte Khepri und war bereits ein paar Schritte entfernt, ein kleines, unauffälliges Lächeln auf den Lippen. Zurück blieb Liliana, plötzlich allein im Schnee.
Evan räusperte sich. „Hi.“ „Hi“, erwiderte sie. Ihre Stimme klang erstaunlich ruhig. Das überraschte sie selbst. Einen Moment standen sie schweigend da, während der Schnee leise knirschte, wenn einer von ihnen das Gewicht verlagerte. Dann sagte Liliana: „Ich wollte dir eigentlich schon länger danken.“ Evan hob die Augenbrauen. „Wofür?“
„Dafür, dass du letztes Jahr im Krankenflügel warst. Nach dem Unfall in Alte Runen.“ Sie sah ihn direkt an. „Du bist gekommen, obwohl wir… nicht wirklich viel miteinander zu tun hatten.“ Er wirkte ehrlich überrascht. „Du erinnerst dich daran?“ „Ja“, sagte sie schlicht. „An dich. An das Buch, das du mitgebracht hast. Und daran, dass du nichts gesagt hast, als ich eingeschlafen bin.“
Evan sah einen Moment lang an ihr vorbei, als würde er nach Worten suchen. „Ich dachte, du würdest es vergessen haben“, gab er schließlich zu. „Es war kein großes Ding.“ „Für mich schon“, entgegnete Liliana leise. Der Wind zog zwischen ihnen hindurch, ließ ein paar Schneeflocken von der Balustrade tanzen. Evan atmete tief ein, als würde er eine Entscheidung treffen, die schon länger in ihm lag. „Liliana“, sagte er. „Hättest du vielleicht mal Lust, etwas mit mir zu machen? Irgendwas Unkompliziertes. Spazieren gehen. In Hogsmeade einen Tee trinken. Oder… was auch immer, ehrlich gesagt.“
Sie schwieg. Nicht lange, aber lange genug, um wirklich nachzudenken. An Erwartungen. An ihre Eltern. An das, was sich leicht anfühlte und an das, was richtig war.
Dann lächelte sie. Kein großes Lächeln. Aber eines, das sich wahnsinnig echt anfühlte. „Ja“, sagte sie. „Das würde ich wahnsinnig gern.“ Evan lächelte zurück, ein bisschen ungläubig. „Wirklich?“ „Wirklich.“ Sie gingen nebeneinander weiter, langsam, als hätten sie beide vergessen, wohin sie ursprünglich wollten.
Ein paar Meter entfernt trat Khepri aus dem Schatten der Arkaden hervor, blieb stehen und beobachtete sie einen Moment lang. Der Schnee dämpfte die Welt, machte sie weich. Sie lächelte. Nicht breit. Nicht triumphierend. Nur zufrieden. Manche Puzzleteile fügten sich eben, ohne dass man sie andrücken musste.
Khepri sah ihn zuerst nur von hinten.
Marcus ging über den unteren Korridor, die Hände in den Taschen, den Kopf leicht gesenkt, als würde er zählen, wie viele Steinplatten es bis zur nächsten Ecke waren. Er wirkte nicht in Eile. Und genau das brachte Khepri aus dem Takt. Sie blieb einen Moment stehen. Dann setzte sie sich in Bewegung.
„Marcus!“ Er drehte sich um, sichtlich überrascht. „Oh. Hey.“ Ein kurzes Zögern. „Alles okay?“ „Ja“, sagte sie sofort. Dann, ehrlicher: „Ich glaube schon.“ Sie wusste selbst nicht genau, warum sie ihm hinterhergelaufen war. Sie hatte nichts geplant. Kein Gespräch vorbereitet. Kein Ziel. Nur dieses unerklärliche Bedürfnis, jetzt mit ihm zu reden.
Marcus musterte sie einen Moment, dann nickte er in Richtung der Treppe am Rand des Korridors. „Setz dich kurz?“
Sie taten es. Nebeneinander, mit einem halben Schritt Abstand, wie zwei Menschen, die sich nicht sicher waren, ob Nähe erlaubt war oder bereits selbstverständlich. Eine Weile sprachen sie über nichts Besonderes. Über das Wetter, das zu früh zu kalt war. Über Unterricht. Über einen Erstklässler, der es geschafft hatte, im Gemeinschaftsraum einen Sessel anzuzünden. Marcus erzählte es trocken, Khepri lachte mehr als nötig. Dann wurde es still.
Sie saßen noch immer nebeneinander auf der kalten Steintreppe, als Khepri schließlich den Blick hob. Die Geräusche des Schlosses lagen gedämpft um sie herum, Schritte in der Ferne, irgendwo ein leises Türenschlagen. Marcus wartete. Er hatte aufgehört, so zu tun, als wäre das Gespräch nur beiläufig. Er wartete darauf, dass sie ihm erzählte, was sie auf dem Herzen hatte.
„Es ist nicht nur ein Ding“, sagte Khepri schließlich. „Es ist… vieles. Und alles fühlt sich gleichzeitig wichtig und falsch an.“ Marcus drehte den Kopf leicht zu ihr, sagte aber nichts. „Meine Familie“, fuhr sie fort, und allein das Wort machte ihre Stimme leiser. „Ich bin dabei, Dinge zu erfahren, die ich eigentlich nicht wissen sollte. Entscheidungen, die jemand getroffen hat, um andere zu schützen, oder sich selbst,noch weiß ich eigentlich gar nichts. Und ich weiß nicht, ob ich wütend sein darf oder dankbar sein muss.“ Sie atmete aus. „Oder beides.“ Sie lachte kurz, ohne Humor. „Und dann ist da dieses Gefühl, dass ich gerade etwas aufdecken will, das vielleicht besser verborgen geblieben wäre. Aber ich kann nicht mehr zurück.“
Marcus sah sie lange an. Nicht forschend. Nicht mitleidig. Einfach da. „Klingt nach dem Gegenteil von langweilig“, sagte er schließlich. „Ich hätte langweilig vorgezogen“, murmelte sie. Er schnaubte leise. „Versteh ich.“
Sie schwiegen einen Moment, dann schob Khepri hinterher: „Und dann kam auch noch Quidditch dazu.“ Ah. Da war es.
„Das Wetter war beschissen“, sagte Marcus sofort. Reflexartig. „Unberechenbarer Wind, Regen, schlechte Sicht. Das war kein fairer Maßstab.“ Khepri nickte. „Ich weiß.“ Dann setzte sie hinzu, leiser: „Aber ich hab trotzdem versagt.“ „Hast du nicht.“
Sie sah ihn an. „Ich bin vom Besen gefallen, Marcus.“ „Weil dich ein Klatscher erwischt hat, nachdem du ein Tor gemacht hast“, entgegnete er. „Nicht, weil du schlecht geflogen bist.“
Sie presste die Lippen zusammen. „Trotzdem hätte ich gern…“ Sie brach ab, suchte nach den richtigen Worten. „Ich hätte dir gern gezeigt, dass ich gut bin. Auch wenn ich wusste, dass ich nicht ins Team komme.“ Marcus’ Kiefer spannte sich leicht. Er sah kurz weg, dann wieder zu ihr. „Ich muss ehrlich sein.“ „Bitte.“ „Selbst wenn du perfekt geflogen wärst, ich hätte dich nicht aufgenommen.“
Sie nickte. Langsam. Ohne Drama. „Hab ich mir gedacht.“ „Die Regel ist bescheuert“, fuhr er fort, erstaunlich offen. „Aber sie war von Anfang an da. Und ich bin nicht gut darin, Dinge halb zu ändern. Entweder ganz oder gar nicht.“ Ein kurzes Zögern. „Und für ganz… war ich noch nicht so weit.“
Das tat mehr weh, als sie erwartet hatte. Nicht, weil sie Hoffnung gehabt hätte – sondern weil sie es jetzt klar wusste. „Okay“, sagte sie leise. „Es tut mir leid“, fügte er hinzu. „Nicht, dass ich die Regel hatte. Sondern dass ich weiß, wie sehr du es wolltest, dich zu beweisen.“
Sie schluckte. „Ja.“ Dann sah sie ihn wieder an. „Das ist eigentlich das Schlimmste. Nicht, dass ich nicht drin bin. Sondern dass ich das Gefühl habe, du hast mich nie wirklich spielen sehen.“ Marcus antwortete sofort. „Doch. Hab ich. Zuerst in der vierten, bei diesem Trainingsspiel. Du hast mich beeindruckt.“ Er meinte es. Und sie musste an Charlie Weasley denken, der so ziemlich genau das vor ein paar Monaten auch zu ihr gesagt hatte.
Sie saßen wieder still nebeneinander, rütschten näher, ohne es zu merken. Die Kälte kroch langsam durch den Stein, aber sie störte kaum. Dann platzte es aus ihr heraus, ungefiltert und plötzlich: „Liliana hat ein Date.“ Marcus blinzelte. „Was?“ „Ein richtiges“, bestätigte Khepri. „Mit Evan Ward.“
„Was, mit dem?“ Er verzog das Gesicht. „Der aus Hufflepuff?“ „Ja.“ Marcus schnaubte. „Hätte ich nicht kommen sehen.“ „Ich auch nicht“, sagte Khepri. „Aber… es passt. Irgendwie.“ Er nickte langsam. „Ja. Tut es wohl.“ Dann, nach einem kurzen Zögern, ganz ungalant: „Nun. Dann sollten wir wohl auch mal?“
Khepri sah ihn an. Direkt. Überrascht. „Wir?“ Marcus zuckte mit den Schultern. „Warum nicht?“ Ein schiefes Grinsen. „Ich mein… wir reden. Wir sitzen hier. Wir scheinen uns nicht komplett auf die Nerven zu gehen.“ Sie lachte leise. „Das ist deine Definition von Romantik?“
„Absolut“, sagte er trocken. Sie dachte kurz nach. Wirklich nur kurz. Dann nickte sie. „Okay. Dann… ja. Sollten wir wohl.“ „Cool“, sagte Marcus. Und klang dabei ehrlich erleichtert. „Dann… Wochenende? Hogsmeade? Oder irgendwas, wo man nicht friert?“ „Deal“, sagte Khepri. „Und wir planen es später richtig. Ohne Überrumpelung.“ „Versprochen.“
Als sie aufstanden und nebeneinander Richtung Gemeinschaftsraum gingen, war da dieses kleine Zögern. Dann griff Marcus nach ihrer Hand. Unsicher. Fragend. Khepri verschränkte ihre Finger mit seinen. Kein Feuerwerk. Kein großes Versprechen. Nur Wärme. Das reichte ihr fürs erste vollkommen.
Percy hatte das unangenehme Gefühl, beobachtet zu werden, lange bevor er Penelope entdeckte.
Es war dieser Druck zwischen den Schulterblättern, der ihn immer dann heimsuchte, wenn etwas nicht stimmte, wenn Informationen nicht dort lagen, wo sie hingehörten, oder wenn ein Gedanke sich weigerte, logisch zu enden. Er saß in einer der hinteren Nischen der Bibliothek, mehrere Pergamente ordentlich nebeneinander ausgerichtet, seine Brille minimal schief, weil er sie schon zu oft abgenommen und wieder aufgesetzt hatte.
„Du explodierst gleich vor Anstrenung.“, sagte Penelope trocken hinter ihm. Percy fuhr herum. „Ich explodiere nicht.“ „Du hast seit zwanzig Minuten denselben Absatz gelesen.“ Er blinzelte. „Das ist… strategisches Wiederholen.“ Penelope gab ihm zur Begrüßung einen Kuss, setzte sich ihm gegenüber, legte ihren Mantel ab und zog ein schmales Notizbuch hervor. „Dann strategisiere ich mit.“ Sie sah auf die Unterlagen. „Geht es immer noch um Shijia Khairy?“ Percy zögerte nur einen Herzschlag. Dann nickte er. „Ich weiß nicht, warum“, sagte er leise, „aber je mehr ich lese, desto weniger glaube ich, dass das ein einzelnes Geheimnis ist.“ Penelope verschränkte die Finger. „Sondern?“ „Ein Geflecht.“ Er tippte mit der Feder auf ein Pergament. „Entscheidungen. Abhängigkeiten. Und etwas, das jemand sehr sorgfältig voneinander getrennt hat.“ Sie beugte sich vor. „Zeig.“
Percy schob ihr zwei Abschriften hin. Die erste war ein Ministeriumsprotokoll aus dem Jahr 1981 - nüchtern, knapp, voller Auslassungen. Die zweite ein späterer Bericht, Jahre danach, deutlich vorsichtiger formuliert.
„Hier“, sagte Percy und deutete auf eine Randbemerkung. „Das ist mir vorhin aufgefallen. Der Hinweisgeber wird immer als eine Person beschrieben. Nicht ein Informant, nicht eine Quelle.“ Penelope runzelte die Stirn. „Das ist ungewöhnlich.“ „Genau.“ Percy atmete tief ein. „Und jetzt das hier.“ Er schob ihr ein drittes Pergament hin. Ein internes Memo, kaum verbreitet, beinahe beiläufig: Bevor der entscheidende Anruf erfolgte, gab es an insgesamt fünf Tagen vorher abgebrochene Anrufe. Penelopes Augen verengten sich. „Das heißt…“
„Es war keine spontane Tat“, sagte Percy ruhig. „Sondern eine Entscheidung, die sie immer wieder neu getroffen und schließlich endlich durchgezogen hat.“ Stille.
Penelope lehnte sich zurück. „Jemand, der lange genug gezögert hat, um sich selbst davon abzuraten.“ Percy nickte. „Und der es trotzdem getan hat, aber erst, als bereits etwas passiert war“ Er tippte auf den Artikel. “Es hat die Folter der Longbottoms gebraucht, bis sie endlich mit ihren Informationen rausgerückt ist.”
Sie sah ihn lange an. „Du glaubst, Shijia Khairy hat nicht nur etwas gewusst. Sondern dass sie… Zeit hatte.“ „Ja“, sagte Percy. „Und dass für sie irgendwas auf dem Spiel stand.“ Penelope schloss für einen Moment die Augen. „Das macht es nicht einfacher.“ „Nein.“ Er rieb sich über die Stirn. „Aber es erklärt die Schuld.“
Sie öffnete ihr Notizbuch, schrieb etwas auf, dann schob sie es ihm hin. Ein einzelner Satz, sauber formuliert: Schuld entsteht selten aus Bosheit. Meist aus dem Wissen, dass man zu lange geschwiegen hat.
Percy schluckte. „Das darf Khepri nicht allein tragen.“ „Nein“, sagte Penelope fest. „Aber wir müssen vorsichtig sein. Wenn das stimmt, was wir hier sehen…“ Sie brach ab. „Dann war Shijia Khairy in einer Situation, in der es kein gutes Ende gab. Nur ein weniger schlimmes.“ Percy sah auf die Pergamente. Dann hob er den Blick. „Ich werde es ihr sagen. Khepri. Aber nicht alles auf einmal.“ Penelope nickte. „Gut. Wahrheit braucht Timing.“ Sie standen auf. Penelope legte ihm kurz die Hand auf den Arm. „Percy?“ „Ja?“ „Du machst das richtig.“
Er lächelte schwach. „Ich hoffe es.“ Als sie die Bibliothek verließen, blieb eines unausgesprochen zwischen ihnen hängen: Was immer Shijia Khairy getan hatte, es war kein einfacher kleiner Fehler gewesen. Und genau das machte ihn so gefährlich.
Khepri saß mit Liliana auf dem Boden zwischen ihren Betten. Der schwere Band aus Alexandria lag zwischen ihnen aufgeschlagen, die Seiten vergilbt, die Schrift eine Mischung aus altmagischer Transkription und späteren, offensichtlich unsicheren Kommentaren. „Es ist… seltsam“, murmelte Khepri. „Als hätte jemand versucht, etwas zu erklären, das man nicht erklären kann.“ Liliana zog die Knie an die Brust. „Klingt nach Magie.“
Khepri schnaubte leise, blätterte weiter. Sie suchte nicht nach Hekau – das Wort war sowieso nirgends zu finden. Aber ihr Blick blieb immer wieder an denselben Symbolen hängen. Runen, die ihr Körper erkannte, bevor ihr Kopf sie verstand. Dann erstarrte sie. „Lil.“ „Hm?“
Khepri zeigte auf die Seite. Zwei geschwungene Linien, parallel, beinahe wie Hände, die sich berührten, ohne es ganz zu tun. KA. Darunter eine Erklärung, hastig, fast entschuldigend formuliert: Rune der Verbindung. Wird häufig fälschlich als Bann- oder Bindungsrune interpretiert. Wirkung vermutlich stabilisierend, jedoch unzuverlässig. Aktivierung unklar.
Khepris Herz begann schneller zu schlagen. „Das ist sie“, flüsterte sie. „Liliana, das ist… fast richtig. Aber nicht ganz.“ Liliana beugte sich näher. „Fast richtig ist schlimmer als falsch.“ „Ja.“ Khepri nickte. „Weil man denkt, man hätte sie verstanden.“ Sie schloss kurz die Augen. Bindung. Nicht Kontrolle. Nicht Besitz. Nicht Zwang. Bindung bedeutete gleichwertig, gegenseitig, gewollt.
Unbewusst griff sie nach Lilianas Hand. Liliana hielt sie fest. Ohne zu fragen. „Willst du…?“ fragte sie leise. Khepri schluckte. „Ich glaube, ich muss.“
Sie zog ihr goldenes Armband ein Stück den Arm hinunter auf ihr Handgelenk. Lilianas silbernes glitt ebenfalls sichtbar aus dem Ärmel hervor. Zwei schlichte, dünne Reifen. Gleiche Form. Unterschiedliches Material.
Khepri zeichnete die Rune KA mit dem Finger in die Luft zwischen ihnen. Kein Zauberstab und keine Worte, nur Gefühl. Sie dachte an alles, was sie verband: an geteilte Geheimnisse, an Schweigen, das nicht peinlich war, an Vertrauen ohne Bedingungen. An Liliana, die blieb.
Die Luft zwischen ihren Händen verdichtete sich. Ein kaum hörbares Summen. Die Rune glühte kurz auf - nicht grell, sondern weich, wie Atem. Und dann spürte Khepri es. Nicht Macht. Nicht Kontrolle. Stabilität. Die Armbänder wurden warm, beide gleichzeitig.
Liliana sog scharf die Luft ein. „Khepri…“ „Ich weiß“, flüsterte sie. „Ich spüre es auch.“ Die Bindung zog nicht, sie hielt. Als würde etwas sagen: Du bist nicht allein. Und du warst es nie.
Die Rune erlosch. Die Wärme blieb noch einen Moment, dann verblasste sie langsam. Liliana lachte leise. „Okay. Das war definitiv keine normale Runenkunde.“ Khepri starrte auf ihre Handgelenke. Ihr Herz klopfte ruhig. Klar. Und dann traf sie die Erkenntnis wie ein sauber gesetzter Gedanke: „Die Spiegel“, sagte sie plötzlich. Liliana blinzelte. „Was?“
„Shukrans Spiegel“, sagte Khepri schneller. „Sie sind paarweise. Verbunden. Aber sie waren… leer. Instabil. Weil die Bindung nicht vollständig war.“ Liliana setzte sich auf. „Du meinst…“ „Wenn diese Rune Bindung stabilisiert“, sagte Khepri leise, „und Bindung nicht erzwungen werden kann… dann haben wir es damals falsch gemacht.“ Sie atmete tief ein.
„Wir haben versucht, die Spiegel zu aktivieren, statt die Verbindung zwischen den Menschen zu stärken, die sie benutzen.“ Liliana lächelte langsam. „Das heißt…“ „Ich brauche Shukran“, sagte Khepri. „Nicht als Ziel, sondern als Teil.“ Ein Moment der Stille.
Dann schloss Liliana das Buch vorsichtig. „Dann weißt du, was wir tun müssen.“ Khepri nickte.
Khepri fand Shukran im Astronomieturm. Er saß auf der niedrigen Steinmauer nahe der Treppe, die Knie angezogen, den Blick irgendwo zwischen den Zinnen und dem dunkler werdenden Himmel verloren. Er wirkte ruhig, was bei ihm nichts ungewöhnliches war. Khepris Herz hüfte bei seinem Anblick los und sie hoffte so sehr, dass sie hier auf dem richtigen Weg war. „Shukran“, sagte sie atemlos.
Er drehte sich erschrocken um. „Was ist passiert?“ „Ich glaube“, sagte sie und kam die letzten Schritte fast laufend auf ihn zu, „ich glaube, ich weiß endlich, wie die Spiegel funktionieren können.“ Das reichte. Shukran war sofort auf den Beinen. „Was? Wirklich?“
„Ja. Also ich glaube es zumindest. Und ich muss es ausprobieren, am besten jetzt sofort.“
Er zögerte keine Sekunde, griff in die Innentasche seines Umhangs und zog den kleinen, schlichten Spiegel hervor. Das Glas war dunkel, glatt, unauffällig, so harmlos aussehend für etwas, das so viel Hoffnung trug. Es schmerzte sie, dass er ihn immer bei sich hatte, obwohl die darin wabernden Schatten, die sie vor einem Jahr heraufbeschworen hatte, nur ein minimales Abbild seiner Geliebten waren. Trotzdem schien er darin noch immer Trost zu finden.
„Maya hat das Gegenstück zuhause“, sagte er leise, fast ehrfürchtig. „In ihrem Zimmer.“ Khepri nickte. „Perfekt.“ Sie setzten sich auf den Boden, Rücken an kaltem Stein, der Spiegel zwischen ihnen. Khepri legte ihn vorsichtig auf ihre Handfläche. Dann sah sie Shukran an. „Ich muss dich bitten, mir zu vertrauen“, sagte sie. „Nicht mir als Zaubernde, sondern mir als deine Schwester.“ Er lächelte schief. „Das tu ich doch immer.“
Sie schloss die Augen. Nicht an Runen denken. Nicht an Technik. Nicht an Zauber. Bindung.
Sie dachte an Shukran, wie er lachte, wenn Maya lachte. Wie seine Schultern weniger schwer wirkten, wenn er von ihr sprach. Wie viel von ihm still wurde, sobald sie nicht da war - und wie vollständig er war, wenn sie es war. Sie zeichnete die Rune KA mit dem Finger über die Spiegelfläche. Keine Worte, nur Gefühl. Der Spiegel reagierte mit sanfter Wärme.
Shukran sog scharf die Luft ein. „Khepri…“ Das Glas flackerte. Erst nur wie ein Reflex. Dann wurde es klarer. Eine Zimmerdecke erschien. Fremd. Hell. Mit einem kleinen Riss in der Ecke. Shukran starrte, unfähig zu atmen. „Das…“, flüsterte er. „Das ist ihr Zimmer.“
Der Bildausschnitt wackelte leicht. Dann tauchte ein Gesicht ins Blickfeld - ungeordnet, zu nah, dann zurückweichend. „Shu?“ Mayas Stimme. Ungläubig. „Shu?!“
Shukran gab einen Laut von sich, irgendwo zwischen Lachen und Schluchzen. „Maya.“ Ihr Gesicht hellte sich auf, als hätte jemand ein Licht angeknipst. „Oh mein Gott. Du siehst mich!“ Er lachte jetzt wirklich. Ungefiltert. Ganz er selbst. „Ich sehe dich.“ Und in diesem Moment geschah etwas, das Khepri nur schwer in Worte hätte fassen können.
Es war, als würde Shukran zurück in sich selbst fallen. Als hätte jemand eine Spannung gelöst, von der sie nicht einmal gewusst hatte, wie konstant sie gewesen war. Seine Schultern sanken. Sein Blick wurde ruhig. Wach. Ganz da. Er war der Shukran, der er bei Maya war. Sie ließ die Rune langsam verblassen, zog die Hand zurück. Der Spiegel blieb klar.
„Ich-“, begann Shukran, brach ab, schluckte. Dann sah er sie an, die Augen glänzend. „Danke.“ „Du musst mir nicht danken“, sagte Khepri leise. „Du hast es möglich gemacht.“ Er schüttelte den Kopf. „Doch. Du hast mir etwas zurückgegeben, das- Das bedeutet mir so viel.“ Er zog sie in eine feste Umarmung. Herzhaft. Warm. Ganz Bruder.
„Das wird alles leichter machen“, murmelte er. „Alles.“ Khepri lächelte in seinen Umhang hinein.
Später, als sie allein in ihrem Bett lag, die Decke bis zum Kinn gezogen, das Amulett mit den Runen, die sich Hekau nannten still auf dem Nachttisch, dachte sie an den Moment zurück, in dem der Spiegel zum Leben erwacht war.
Sie sah die Geheimnisse ihrer Familie wie ein Tausend-Teile-Puzzle vor sich, die Teile auf einem Haufen. Eine Ecke hatte sie zusammengepuzzelt, als Tetá ihnen im Sommer ihre Geschichte erzählt hatte.
Und nun ein weiteres Puzzleteil, endlich richtig eingefügt. Sie schloss die Augen.
Nur noch um die siebenhundert weitere.
Nach dem Erfolg heute fühlte sich diese Zahl nicht mehr ganz so überwältigend an.
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