Kapitel 16 - Der schweigende Pfad

Veröffentlicht am 12. Dezember 2025 um 14:24

Khepri saß mal wieder an einem der hintersten Tische in der Bibliothek, wo nie jemand saß außer besonders ehrgeizigen Ravenclaws oder Schülern, die sich vor der Welt versteckten.
Sie war definitiv Letzteres, und sie versteckte sich in letzter Zeit ziemlich häufig.
Vor ihr stapelten sich Bücher. Zu viele Bücher:
Grundlagen altmagischer Schriftsysteme”, “Symbole jenseits der Runen”, “Obskure Magietraditionen - ein historischer Überblick”, “Erscheinungsformen nicht-britischer Magie”, “Amulette der Antike”, “Die vergessenen Haushälter: Magie und Mythos des Nahen Ostens” und “Wörter, die die Welt schufen – ein Kompendium alter Zaubersprachen”.
Sie hatte stundenlang gesucht. Und gesucht. Und weiter gesucht. Doch das Wort Hekau war nicht ein einziges Mal gefallen, nicht in den alphabetischen Verzeichnissen, nicht in Fußnoten oder Marginalien. Nicht in Tabellen über zusammengestürzte Schriftkulturen. Einfach gar nicht. Nicht existierend.
„Natürlich“, murmelte sie tonlos. „Natürlich finde ich es nicht. Natürlich ist das mein Leben.“
Sie rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht, als könnte sie die Überforderung wegmassieren.
Morfin Gaunt.
Die Wahrheit über die Familie.
Der Zeitungsausschnitt ihrer Mutter.
Die Feder. Die Rune. Das Amulett.
Und das alles fiel wie ein Kartenhaus auf sie zurück - jetzt, wo sie eigentlich dachte, sie könne in ihr letztes Schuljahr starten wie ein normaler Mensch. Oder… so normal, wie eine Slytherin mit komplizierten familiären Verstrickungen und einem temperamentvollen beinahe-vielleicht-bald-Freund-Quidditchkapitän sein konnte. Ein dumpfes Geräusch entwich ihr. Halb Lachen, halb Verzweiflung.
„Ich wollte lernen“, sagte sie ins Nichts. „Ich wollte gute Noten. Ich wollte… Merlin, ich wollte Marcus verstehen. Oder wenigstens mich selbst.“ Sie blätterte eine Seite um. Dann noch eine. Nichts. Das Papier raschelte wie ein leises Lachen über ihre Ahnungslosigkeit.
Sie starrte auf eine Illustration, die dreihundert Jahre alt war und eine Hexe zeigte, die mit einem Zauberstab Runen in die Luft schrieb. „Nicht hilfreich“, knurrte Khepri und schlug das Buch zu - ein zu lauter Knall. Madam Pince hob irgendwo den Kopf, sah tödliche zehn Meter weit und tauchte wieder ab. Khepri atmete vorsichtig. Sie griff zum nächsten Buch: ein Sammelband über mythologische Begriffe in der Zaubersprache des Mittelmeerraums. Sicher, das war näher als nordische Runen. Aber wieder gab es keine Spur. Kein Wort, keine Wortähnlichkeit, nicht einmal eine Erwähnung eines verwandten Systems. Sie sank zurück in den Stuhl.
Ein dumpfer Druck baute sich hinter ihrer Stirn auf. Sie hatte gedacht, der Schatten ihrer Familie wäre das eine, das große Rätsel.
Morfin. Der Gaunt-Fluch. Die Geschichte ihrer Blutlinie.
Und jetzt? Jetzt wirkte das alles wie ein… Prolog. Wie ein Aufwärmtraining für eine Wahrheit, die viel älter, viel größer, viel unzugänglicher war. „Warum“, flüsterte sie, „warum jetzt?“
Warum musste ein Artefakt aus einem längst vergessenen System in ihr ansprechen, warum musste die Feder reden, warum musste ihre Mutter schweigen, warum musste Snape plötzlich Blicke werfen, die sie nicht verstand, warum musste Marcus-
Sie brach den Gedanken ab, vergrub das Gesicht in den Händen und lachte leise, bitter. „Ich wollte doch nur überleben. Ein bisschen lernen. Vielleicht jemanden küssen. Das war der Plan.“ Der Plan war tot.
Und stattdessen saß sie hier mit einem gebrochenen Amulett, einer verstummten Feder, einem Blatt Pergament mit einem Hilfeschrei darauf und einer Rune, die sie ansehen konnte wie ein altes Foto und sofort wusste: Das bin ich. Das gehört zu mir. Und niemand hier kann mir erklären, warum.
Sie stützte die Stirn auf die Faust. „Hekau“, flüsterte sie ins Dunkel, als könnte das Wort selbst antworten. „Was bist du?“ Nur die Regale antworteten - ein leises Sitzen, ein altes Knistern. Kein Wort wurde zurückgegeben. Khepri schloss die Augen. Sie war nicht frustriert. Nicht wirklich.
Sie war überladen. Als hätte jemand fünf Türen in ihrem Leben gleichzeitig geöffnet, einen Sturm dahinter losgelassen und dann erwartet, dass sie einfach weitermachte, als würde sie nicht ständig Sand im Mund schmecken. Sie seufzte, tief und langsam, und legte das letzte Buch zu. Keine Antworten. Nicht eine einzige.

 

Im Unterrichtsraum für Alte Runen, wo die Wände mit eingravierten Zeichen bedeckt waren, manche grob, manche filigran, und wo Runen aus Zeiten, in denen Magie keine Disziplin, sondern Überleben gewesen war, herrschten, stand Professor Babbling am Pult und erklärte gerade die Unterschiede zwischen keltischen Schutzrunen und gotischen Bannfragmenten. Ihre Stimme war warm und klar.
Manchmal, wenn sie sich zu sehr in ihre Erklärungen hineinsteigerte, klang sie wie jemand, der in den Runen nicht Symbole, sondern Geschichten sah. Khepri hörte zu, mehr oder weniger. Ihr Blick schweifte immer wieder zu ihrer Tasche - und zu dem dünnen Pergamentblatt, das sie heute bewusst mitgenommen hatte. Die Rune, die sie gefunden hatte. Saḥ. Die Stimme, die bindet.
Sie sah sie vor sich, selbst wenn ihre Augen geschlossen waren. „Miss Khairy?“ Khepri zuckte zusammen. Babbling lächelte. „Sie sehen aus, als würden Sie darauf warten, dass die Wand Ihnen eine wichtige Frage beantwortet.“ Khepri räusperte sich. „Entschuldigung, ich- es war ein langer Morgen.“ „Das ist es für uns alle.“ Babbling wandte sich wieder der Klasse zu. „Nun weiter: Eine Rune ist niemals nur ein Zeichen. Sie ist ein Konzept. Ein Echo. Eine Idee, die überlebt hat, obwohl ihr Volk es nicht hat.“
Khepri spürte ein Zittern entlang der Wirbelsäule. Ein Echo.
Das war fast genau das Gefühl gewesen, als sie gestern die fremde Rune gesehen hatte. Der Unterricht endete. Pergamente raschelten, Stühle scharrten, Schüler packten zusammen. Khepri blieb sitzen, bis der Raum sich leerte. Professor Babbling sortierte am Pult einige Schriftrollen - kein Zufall. Sie wartete.
Khepri trat mit klopfendem Herzen nach vorne. „Professor? Ich… hätte eine Frage. Also zwei. Vielleicht drei.“ „Ich nehme jede einzeln“, sagte Babbling, schmunzelnd. Dann sah sie Khepri richtig an. Ihr Blick wurde aufmerksam.
Khepri stellte die Tasche auf das Pult, atmete tief durch und holte das Pergament hervor. Sie glättete es. Babbling sah nur eine Sekunde hin und wurde ernst. Ihre Finger glitten sachte über die dünne, brüchige Seite.
„Woher haben Sie das?“, fragte sie ganz leise. „Ich… habe es gefunden. In einem Buch, das nicht hierher gehörte.“ „In diesem Raum?“ Khepri nickte.
Babbling stützte sich mit einer Hand auf das Pult. Nicht erschrocken, sondern elektrisiert.
„Das ist keine nordische, keine keltische und keine gotische Rune.“ Sie beugte sich tiefer. „Auch keine der drei vergessenen baltischen Familien. Nicht einmal eine frühamerikanische Form.“ Sie berührte die Linie am Rand. „Das ist… etwas ganz anderes.“
Khepris Herz raste. „Kennen Sie sie?“ „Nein.“ Babbling sah auf, und ihre Augen leuchteten auf eine Art, die Khepri gleichzeitig Hoffnung und Angst einflößte. „Aber sie ist alt, Miss Khairy. Sehr alt.“ Khepri holte Luft. Dann fasste sie Mut.
„Es gibt noch etwas.“ Sie griff unter den Kragen ihres Pullovers und zog das Amulett hervor. Das Metall wirkte im Kerzenlicht fast lebendig. Babbling atmete hörbar ein. „Oh-“ Sie trat einen Schritt näher, als wäre sie aus Versehen zu laut geworden. Ihre Stimme senkte sich: „Das ist das Amulett, das damals hier im Klassenraum reagiert hat, nicht wahr? Vor Weihnachten.“ Khepri nickte. „Ja. Und… sehen Sie.“ Sie zeigte die feine Gravur am Obsidiankern. Die gleiche Form, nur kleiner, gedrungener. Als hätte sie sich seit Jahrhunderten in das Material gelegt.
Babbling legte beide Hände auf den Tisch, um nicht danach zu greifen. „Miss Khairy…“, flüsterte sie. „Darf ich das abzeichnen?“ „Ja.“
Sie arbeitete sofort - vorsichtig, fast ehrfürchtig. Drei Runen kopierte sie vollständig. Die Linien - weich, fließend, fast organisch - passten nicht zu irgendeinem bekannten System.
„Ich kenne keine dieser Formen“, sagte Babbling schließlich. „Ich kann Ihnen nur sagen: Ich habe einmal, vor Jahren, in einer privaten Sammlung in Kairo, etwas gesehen, das… ähnlich war.“ Khepris Herz setzte aus. Kairo, Ägypten, die Wurzeln ihrer Familie. „Ich weiß nicht, was sie bedeuten“, fuhr Babbling fort. „Und niemand in der Hogwarts-Fakultät wird es wissen. Das garantiere ich Ihnen.“ „Also… gibt es niemanden?“
Ihre Stimme klang kleiner als sie wollte. „Nicht hier.“ Babblings Blick wurde weich. „Aber das heißt nicht, dass es niemanden gibt.“ Sie legte die Kopien zur Seite, sorgfältig, als wären sie wertvoll. „Ich werde mich umhören. Unter Kollegen im Ausland. In Archiven, die Sie nicht erreichen. Vielleicht auch dort, wo ich damals jene Sammlung gesehen habe.“ Khepri schluckte. „Wirklich?“ „Wenn Sie mir erlauben: Ja.“ Babbling lächelte, aber nicht leichtfertig.
„Das hier ist eine Entdeckung, Miss Khairy. Eine echte. Und ich habe nicht oft die Gelegenheit, etwas völlig Unbekanntes zu sehen.“ Sie berührte leicht Khepris Hand. „Ich verspreche Ihnen, dass ich alles tue, was ich kann.“
Khepri atmete aus, langsam, wie jemand, der nicht wusste, wie viel Luft er noch in sich hatte. „Danke“, flüsterte sie. „Es ist ein Anfang.“ Babbling neigte den Kopf. „Aber der Rest… wird von Ihnen kommen müssen.“ Khepri wusste, was sie meinte. Sie fühlte es bis ins Mark.

 

Der Zaubertrankraum roch heute schärfer als sonst. Nicht nach Kräutern oder Kesseldampf - eher metallisch. Kühl. Khepri spürte es schon, als sie die Tür aufschob. Die Schüler redeten gedämpfter. Der Raum war dunkler. Professor Snape stand vorne, die Arme verschränkt, als hätte jemand ihn bei einer unvollständigen Gedankenkette unterbrochen. Liliana schob sich neben Khepri auf den Platz. „Er sieht wütend aus“, flüsterte sie. Khepri schluckte. Sie dachte an die Feder. An den Schrank. An die Runen an der Wand - und an jene andere, die nicht hierher gehörte.
Snape begann zu sprechen, ohne dass jemand bereit war. „Der heutige Trank ist simpel.“ Seine Stimme zerschnitt die Stille wie ein Skalpell. „Ein auflösender Sud. Widerlich im Geschmack, unendlich nützlich, wenn man Fehler korrigieren muss, die besser gar nicht erst gemacht werden sollten.“ Ein paar Schüler wechselten nervöse Blicke.
Khepri fühlte sich angesprochen, obwohl er sie nicht ansah.
Snape begann durch die Reihen zu gehen. Schwarz wie Rauch, seine Schritte wie ein lautloser Angriff. Khepri konzentrierte sich auf ihren Kessel. Gehackte Wurzel. Mondsichelsaft. Ein Tropfen Öl, nur ein Tropfen.
Ihr Blick glitt zum Regal an der Ostwand. Dem Schrank, dem mit den Runen, der dem in seinem Büro zum Verwechseln ähnlich sah.
Ihr Magen zog sich zusammen. Snape war plötzlich hinter ihr und sie erstarrte.
Sein Schatten fiel über ihren Tisch, lang und scharf. Er sagte nichts. Nicht eine Sekunde lang. Dann: „Miss Khairy.“ Ihr Name klang, als wäre er eine Diagnose. Sie zwang sich, ihn anzusehen.
„Ihr Sud“, sagte Snape kühl. „Fünf Sekunden zu spät gerührt.“ Sie schürzte die Lippen, straffte den Rücken. „Ich- ich war abgelenkt, Sir.“ „Ich weiß.“ Zwei Worte, so leise, dass Liliana sie vielleicht gar nicht hörte. Snape beugte sich vor - nicht nah genug, um unhöflich zu sein, aber nah genug, dass sie seine Stimme tief in den Knochen fühlte.
„Sie suchen Antworten in Räumen, die keine haben.“ Eine Pause. Ein Atemzug. Ein Schlag ihres Herzens gegen die Rippen. „Halten Sie sich fern von Orten, die Sie besser nicht betreten haben sollten.“ Khepris Kehle trocknete aus.
„Ich… weiß nicht, was Sie meinen.“ Schwach. Schlechter Versuch. Snape hob eine Augenbraue. „Natürlich nicht.“ Er richtete sich auf. Sein Umhang zog hinter ihm her wie eine Drohung mit Seide.
„Fügen Sie jetzt den Mondsichelsaft hinzu, Miss Khairy. Ansonsten löst sich nicht der Sud auf, sondern Ihr Kessel.“ Er ging weiter, als hätte er nie etwas gesagt. Einige Schüler atmeten erleichtert auf.
Liliana sah Khepri von der Seite an. Sie hatte genug gehört. „Er weiß es“, flüsterte sie. Nicht dramatisch - nur feststellend. Khepri starrte auf den Kessel, dessen Inhalt plötzlich zu wirbeln begann. Ihr Herz tat das Gleiche. „Ja“, sagte sie schließlich. Die Worte brannten. „Jetzt kommen die Konsequenzen auf uns zu.“
Snape rief von vorn: „Miss Khairy! Die Wurzel.“ Sie zuckte zusammen. „Ja, Sir!“ Liliana murmelte: „Alles in Ordnung bei dir?“ Khepri rührte, konzentriert, gezwungen. „Nein. Aber ich glaube, jetzt geht’s erst los.“ Der Trank schimmerte auf, als hätte er zugehört.

Der letzte Rest des Tränkedampfes hing noch im Raum, als die Schüler fluchtartig hinausströmten. Khepri wollte gerade ihre Tasche nehmen, da kam die Stimme, die ihr das Blut schockfrostete. „Miss Khairy. Sie bleiben.“ Keine Erhöhung der Lautstärke. Kein Zorn. Nur… Finalität.
Liliana warf ihr einen entsetzten Blick zu. Khepri nickte knapp: Geh. Sie tat es. Die Tür fiel ins Schloss. Der Raum wurde zu groß und zu leer, der Schatten zu präsent. Snape stand am Pult, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Er wartete nicht, bis sie etwas sagte.
„Sie waren in meinem Büro.“ Khepri blieb stehen. Sie spürte, wie ihr Magen sank. „Die Feder“, fuhr er fort, als wäre es eine Feststellung aus einem Lehrbuch, „ist nicht mehr dort, wo sie sein sollte.“ Khepri öffnete den Mund und merkte, dass ihre Stimme steckte wie ein Fischgrat. „Warum schützen Sie sie?“, brachte sie schließlich heraus. „Warum… tun Sie so, als ginge Sie das etwas an?“ Snape hob das Kinn nur ein Hauch - ein winziger Ausdruck von Verwunderung oder Ärger. Bei ihm war das ein Donnerschlag. „Ich kann es nicht leiden,“ sagte er kühl, „wenn man in meinen Privatangelegenheiten herumschnüffelt.“ „Das war nicht Ihre Angelegenheit.“ Khepri trat vor. „Das war eine meiner Mutter.“ Snape sah sie nun direkt an. Nicht feindselig. Nicht überrascht. Eher… prüfend.
„Sie kennen sie“, fuhr Khepri fort, die Worte überschlugen sich fast. „Sie kennen sie, also sagen Sie mir, was Sie wissen.“ Ein kurzer, kaum sichtbarer Riss ging durch seine Haltung. Als hätte sie etwas getroffen, das sie nicht benennen konnte. „Wovon“, fragte er, „sprechen Sie überhaupt?“
Khepri zog scharf Luft ein. Wenn sie dieses Gespräch führte, dann richtig. „Von der Erinnerung, die die Feder geschrieben hat.“ Ihre Hände zitterten, also ballte sie sie zur Faust. „Sie war voller Traurigkeit. Ich bin sicher, es war meine Mutter.“ Es war, als wäre Snape versteinert. Kein Atem, kein Blinzeln. Nur Stille, eine zu lange Stille. „Was“, sagte er schließlich, sehr leise, „haben Sie gesehen?“
Khepri suchte seinen Blick. Er wich nicht aus, er fixierte sie, als würde er jede Mikroregung abwägen. „Schuld“, sagte sie. „Viel Schuld. Und etwas… etwas, das sie nicht wiederholen wollte.“ Sie schluckte. „Wir haben Puzzleteile. Aber sie passen nicht. Können Sie- können Sie uns helfen?“ Snape sagte nichts, aber seine Finger spannten sich am Pult, so minimal, dass es fast unbemerkt blieb.
„Ihre Mutter“, begann er dann, und seine Stimme hatte etwas Schweres, das nicht zu Wut gehörte, „traf Entscheidungen, die… Folgen hatten. Für sie. Für andere.“ Khepri hielt den Atem an. „Manchmal,“ fuhr er fort, „sind die Gründe eines Menschen nicht so… offensichtlich, wie Außenstehende glauben.“ „Welche Gründe hatte sie?“, fragte Khepri, fast flehend. „Bitte. Sie wissen etwas. Ich habe ein Recht-“
„Nein.“ Nicht laut, aber endgültig. Khepri fühlte, wie ihr Herz gegen die Rippen schlug. „Ihre Mutter“, sagte Snape, „war in mancher Hinsicht… bemerkenswert. Und in anderer Hinsicht… sehr verletzlich.“ Ein Schatten glitt über sein Gesicht, ein Ausdruck, den sie nicht deuten konnte. „Ich werde Ihnen keine Antworten geben“, sagte er schließlich. „Nicht heute.“
„Warum nicht?“, flüsterte sie. Snape blickte sie so lange an, dass sie nervös wurde. Dann sagte er „Weil Sie noch nicht wissen, wonach Sie überhaupt fragen.“ Khepri fühlte Wut, Verzweiflung, Angst, alles gleichzeitig. „Ich werde herausfinden, was mit ihr war“, sagte sie heiser. „Ob Sie mir helfen oder nicht.“
Snape neigte den Kopf - ein anerkennendes, aber besorgtes Zeichen? Es war unmöglich zu sagen. „Miss Khairy“, sagte er leise, „es gibt Wahrheiten, die mehr zerstören, als sie enthüllen.“ „Ich will die Wahrheit.“ „Manchmal,“ erwiderte Snape, „ist das der gefährlichste Wunsch von allen.“ Ein weiterer Moment verrann - schwer, elektrisiert, ohne Auflösung. Dann machte er eine knappe Handbewegung. „Gehen Sie.“ Khepri stand noch einen Augenblick. Sie wusste nicht, ob er sie schützte oder rechtzeitig loswerden wollte. Sie wusste nur: Er wusste etwas. Und er würde eher schweigen, als Shijias Geheimnisse preisgeben. Sie wandte sich ab, nahm ihre Tasche und verließ den Raum, bevor er sich noch umentscheiden und ihr wegen des Diebstahls Punkte abzog.
Kurz bevor die Tür zufiel, glaubte sie, ein einziges leises Geräusch zu hören - wie ein zögernder Atemzug. Aber vielleicht bildete sie sich das auch ein.

 

Das Glas des Gewächshauses war beschlagen, als hätte das Gebäude selbst beschlossen, den Herbst auszuschwitzen. Liliana schob die Tür auf, und warme, schwere Luft schlug ihr entgegen. Feucht, erdig, voller Gerüche, die sie nicht benennen konnte. Basilikum? Oder war das irgendwas Giftiges? Sie war nur hier, weil ihr eine Zutat für Snapes Hausaufgabe fehlte. Natürlich war es etwas, das man nicht einfach im Vorratsraum fand. Ein kleiner, unscheinbarer Sudknollenpilz, der nur unter ständiger Pflege wuchs. Sie rechnete nicht damit, dass um diese Uhrzeit jemand hier war.
„Bletchley?“
Liliana fuhr so heftig zusammen, dass sie beinahe eine Kiste mit saftigen Blättern umtrat. „Merlin-!“ Ihre Hand flog an ihr Herz. „W-was zum…?“ Evan Ward stand zwischen zwei Arbeitstischen, Ärmel hochgekrempelt, die Hände voll Erde, als wäre das das Natürlichste der Welt. Die Laterne über ihm warf goldene Ringe in sein Haar. Er sah erstaunt aus, dann entschuldigend. „Sorry“, sagte er ruhig. „Ich wollte dich nicht erschrecken.“ Seine Stimme hatte diese Wärme, die nicht gemacht war. Nicht trainiert. Sie war einfach da.
Liliana zwang sich zu einem neutralen Nicken, obwohl ihr Puls noch raste. „Ich… eh. Rechne nicht damit, hier jemandem zu begegnen.“ „Ich auch nicht.“ Evan wischte sich Erde an der Hose ab. „Professor Sprout hat mich gebeten, die Setzlinge hier zu prüfen. Einer von ihnen kränkelt.“
Natürlich. Natürlich war er jemand, der Verantwortung übernahm, ohne auf Anerkennung zu warten. Liliana verschränkte die Arme. Zu lässig. Zu kontrolliert. Damit er nicht sah, dass sie plötzlich… nervös war? Was war das bitteschön? „Was führt dich her?“, fragte Evan und trat ein Stück näher, aber nicht zu nah. „Zaubertrankhausaufgabe.“ Liliana hob den Blick. „Sudknollenpilz. Meiner ist eingetrocknet.“ „Ah.“ Evan nickte nachvollziehend. „Kann passieren. Sie mögen keine Zugluft.“ Sie wusste das eigentlich. Oder hatte es gewusst. Vor einem Jahr. Vor dem Unfall im Runenkurs, als Evan im Krankenflügel an ihrem Bett stand, während sie noch bewusstlos gewesen war.
Sein Gesicht, als sie damals die Augen geöffnet hatte… Sie hatte es nie vergessen. Er wandte sich einem der Tische zu. „Komm mit.“ Liliana folgte ihm durch die gewundenen Reihen. Er bewegte sich, als gehöre er in diese Erde hinein. Nicht wie die Hufflepuffs, die aus Pflichtgefühl halfen. Er tat es aus… Zugehörigkeit.
„Hier.“ Evan kniete sich hin, griff vorsichtig unter ein paar breiteren Blättern hervor und hob eine kleine, knubbelige Knolle hoch. „Frisch gewachsen. Die kannst du nehmen.“ Liliana beugte sich hinunter. „Danke.“ „Gern.“ Er lächelte klein, etwas scheu, aber ehrlich.
Sie nahm die Knolle, aber als sie sich aufrichtete, stoppte er plötzlich und neigte leicht den Kopf. „Du hast da… ein Blatt.“ „Ich? Niemals.“ Es sollte scherzhaft klingen. Es war zu leise. Er hob eine Hand - eine schlichte, erdige Hand, die nach echter Arbeit aussah, nicht nach reinblütiger Perfektion - und pflückte ihr ein winziges grünes Blatt aus dem Haar. Ganz behutsam. Fast zärtlich, ohne es zu wollen. Liliana atmete nicht.
„So“, sagte er und hielt das Blatt zwischen zwei Fingern, bevor er es beiseitelegte. „Jetzt passt’s.“ Ihre Kehle wurde eng. Wieso um alles in der Welt machte das etwas mit ihr? „Danke“, brachte sie hervor. „Immer.“ Evan stand auf. „Wenn du irgendwann was brauchst… egal ob Pflanzenzeug oder sonst was… du kannst mich einfach ansprechen, okay? Ich bin meistens hier oder im Gemeinschaftsraum.“
Das war kein Flirt. Kein Angebiedere. Kein Spiel. Es war einfach: angeboten. Echt. Liliana wusste nicht, wie man damit umging. „Ja“, sagte sie, und es klang sanfter, als sie wollte. „Mach ich.“ Evan nickte, verabschiedete sich mit einer kleinen Handbewegung und wandte sich wieder den Setzlingen zu. Und Liliana stand noch eine Sekunde länger da, als nötig.
Dann drehte sie sich um und ging, die Knolle fest in der Hand. Erst draußen, im Kälteeinbruch des Abends, begriff sie, warum ihr Herz sich so seltsam anfühlte: Das hier war kein Sturm. Kein Feuer. Kein Flattern. Es war… Ruhe.
Sie konnte sich nicht erinnern, wann jemand in ihrem Leben zuletzt einfach nur Ruhe gewesen war.

 

Der hinterste Tisch der Bibliothek war in warmes, schräges Kerzenlicht getaucht, das die Schatten lang zog und die goldenen Buchrücken matt glimmen ließ. Es war fast leer um diese Uhrzeit. Nur Madam Pince raschelte irgendwo wie eine drohende Fußnote. Khepri ließ sich in den Stuhl fallen, als wäre sie aus großer Höhe gefallen. Percy sah sofort auf. „Das sieht nicht nach einem angenehmen Tag aus“, murmelte er und rückte den Stuhl für sie hin. Liliana saß schon da, Beine verschränkt, Arme vor der Brust, aber ihr Blick suchte Khepris Gesicht, zielsicher wie ein Besen hinter einem Schnatz.
„Sag’s einfach“, sagte Liliana leise. „Wir hören zu.“ Khepri rieb sich über die Stirn, als müsste sie die Worte erst aus ihr herauskneten. „Snape… hat mich nach dem Unterricht zu sich gerufen.“ Percy erstarrte. „Oh nein.“ „Oh doch.“
Khepri holte tief Luft. „Er weiß, dass ich die Feder geklaut habe.“ Percy ließ den Kopf kurz fallen. „Natürlich weiß er das. Wieso hoffe ich überhaupt jemals, dass er etwas nicht merkt?“ Liliana beugte sich vor. „Was genau hat er gesagt?“ Khepri erzählte. Nicht alles auf einmal, sondern wie jemand, der ein verwickeltes Netz vorsichtig entwirrt. Wie Snape sie festgehalten hatte, mit der bloßen Schärfe seines Blicks. Wie er sofort wusste, dass sie in seinem Büro gewesen war. Wie er Dinge andeutete, die mehr Fragen aufwarfen als Antworten gaben. Und wie sein Gesicht sich verändert hatte, als sie die entscheidenden Worte gesagt hatte: Es war die Erinnerung meiner Mutter.“
Liliana legte langsam eine Hand an ihren Hals. „Er war überrascht?“
„Ja.“ Khepri nickte. „Ehrlich überrascht. Er hat keine Ahnung, was in der Feder gespeichert war. Er sah aus, als glaubte er, ich hätte etwas über ihn gesehen.“ Percy krümmte die Finger um seine Brille. „Unsinn“, murmelte er. „Snape würde niemals zulassen, dass seine privaten… Gefühle… irgendwo gespeichert werden.“ Liliana sah Percy mit einem Ausdruck an, der sagte: Percy, bitte, wir reden über Snape. Er kann alles versehentlich dramatisch machen.
Khepri stützte die Arme auf den Tisch, als würde sie Halt brauchen. „Er hat nichts verraten. Wirklich nichts. Aber…“ Sie schluckte. „Ich hatte das Gefühl, er weiß mehr über meine Mutter, als er zugibt.“ Percys Augen wurden schmal. „Inwiefern?“ „Er hat mich… gewarnt. Nicht offen. Aber diese… Pausen.“ Sie gestikulierte hilflos. „Er sah aus, als würde er nach einem Weg suchen, etwas zu sagen, ohne es zu sagen.“
Liliana runzelte die Stirn. „Wie hat er reagiert, als du gesagt hast, dass die Erinnerung weiblich war?“ Khepri sah in die Kerze. „Er ist… weicher geworden. Zuerst war er misstrauisch. Dann… erleichtert? Ich kann es nicht genau beschreiben. Aber es war, als hätte er gedacht, ich hätte etwas anderes gesehen. Etwas, das ihn betrifft.“
Percy schob die Brille hoch. „Und als er merkte, dass es um deine Mutter ging…?“ „Da hat er sofort versucht, die Richtung des Gesprächs zu ändern.“ „Weil er sie schützen will.“ Lilianas Stimme war nicht fragend. Sie war sicher. Khepri nickte langsam.
„Ja. Ich glaube… die beiden standen sich wirklich nahe. Nicht romantisch, auf keinen Fall. Mama war schon lange mit Papa verheiratet und wir alle fünf waren schon geboren. Sowas macht sie nicht. Aber…“ Sie suchte nach dem richtigen Wort. „…freundschaftlich. Vielleicht vertraulich.“ Liliana stieß einen Atemzug aus. „Dann kennt er Teile ihrer Geschichte.“ „Und er wird sie uns nicht erzählen“, ergänzte Percy trocken. „Nein“, sagte Khepri. „Aber er hat mich auch nicht angelogen. Er ist um die Wahrheit herumgegangen, aber er hat mich nicht angelogen.“
Percy schnaubte. „Snape lügt nicht, wenn es um Menschen geht, die er achtet. Er schweigt einfach.“ Liliana sah zwischen den beiden hin und her. „Also haben wir jetzt… was?“ Percy hob die Finger und zählte ab.
„Eine mysteriöse Rune. Eine alte magische Disziplin, die niemand kennt. Ein Amulett, das reagiert, wie es will. Eine Erinnerungsfeder, die uns einen halben Nervenzusammenbruch beschert hat. Und Snape, der etwas weiß, aber es nicht sagen wird.“
Liliana klopfte mit den Fingern auf die Tischkante. „Also Dienstagabend.“ Khepri musste lachen, obwohl ihr Herz schwer war. „Ich will einfach nur wissen, was meine Mutter so sehr bereut hat.“
Percy sah sie ruhig an. „Wir werden es schon noch herausfinden.“ „Zusammen“, ergänzte Liliana. Khepri sah in die beiden Gesichter, die ihr in den letzten Jahren mehr Halt gegeben hatten als jedes Amulett der Welt. „Zusammen“, flüsterte sie.
Und für einen Moment war der Raum still. Nicht bedrückend. Sondern wie das Einatmen vor einem neuen Schritt. Der Schritt, der sie ab jetzt unweigerlich in Richtung Wahrheit führen würde.

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