Percy Weasley hatte drei Tugenden: Disziplin, Verantwortungsbewusstsein und… Angst. Nicht viel Angst. Nur gerade genug, um Snape unter allen Umständen aus dem Weg zu gehen. Und trotzdem stand er nun vor seinem Büro. Khepri und Liliana hatten sich in einer Nische versteckt - viel zu nah für Percys Geschmack - aber er hatte beschlossen, das zu ignorieren, um nicht wahnsinnig zu werden. „Warum tue ich das?“ murmelte er in die Stille. „Weil du ein guter Freund bist,“ flüsterte Liliana aus der Nische. „Weil du uns lieb hast,“ ergänzte Khepri. „Weil ich lebensmüde bin,“ seufzte Percy. Dann klopfte er. Keine Antwort. Er klopfte ein zweites Mal: wieder nichts.
Vielleicht war Snape nicht da. Vielleicht hatte er Glück. Vielleicht würde er heute nicht ster- Die Tür glitt von selbst auf. Percy fuhr zusammen. Der Raum dahinter war dunkel, nur von einem Lichtstreifen aus dem Gang beleuchtet. Er roch nach Kräutern, kaltem Stein und etwas Metallischem. Percy räusperte sich vorsichtig. „Professor Snape?“ Stille.
Er trat einen halben Schritt hinein - gerade genug, um einen Blick über den Boden schweifen zu lassen. Snape war ordnungsliebend. Akribisch. Wenn er etwas Wertvolles besaß, lag es nicht herum.
Percy sah die Schränke an der Wand. Aber nicht die, die jeder Schüler kannte, sondern die mit den alten Runen darüber, die fast niemand lesen konnte. Fast.
Er ging näher, studierte die eingeritzten Zeichen. Er musste sich an das kluge Mädchen erinnern, das im ersten Schuljahr neben ihm gesessen hatte, mit glänzenden Augen und einem unzerstörbaren Wissen darüber, dass Runen lebten, wenn man sie lange genug ansah. Percy hob eine Hand, berührte vorsichtig die Kante eines der Schränke. Seine Hand wurde von einer Vibration abgeleitet, wenn auch nur ganz schwach. Ein Erkennungsschutz. Percy rief sich ins Gedächtnis, was die Symbolik auf dem Schrank zu bedeuten hatte: Schrift. Manuskripte. Federn. Tinte.
Sein Herz machte einen Satz. Da drin, natürlich. Natürlich würde Snape ein Artefakt zum Schreiben von Erinnerungen bei den Schreibutensilien aufbewahren. Nicht im Zaubertrankregal. Nicht im Giftschrank. Sondern dort, wo er alle seine Pergamente hütete wie einen Drachen den Schatz.
Percy lächelte schwach. Kein schönes Lächeln. Eher ein: Khepri, du musst mir irgendwann deinen Beruhigungstee leihen-Lächeln.
Er tippte zweimal auf die Rune, die „Gedächtnis“ bedeutete. Sie pulsierte warm auf. Das reichte. Größer durfte sein Eingriff nicht sein. Er wollte nicht mehr wissen.
Dann drehte er sich um und ging rückwärts aus dem Büro - weil er es nicht schaffte, Snapes Büro den Rücken zuzuwenden. Er schloss die Tür mit der gleichen sanften Bewegung, mit der man ein schlafendes Baby bedeckt. Liliana und Khepri kamen aus der Nische gestürmt. „Und?“ flüsterte Liliana. Percy hob die Hände, als würde er zwei explodierende Erstklässler beruhigen wollen. „Ein Regal an der Ostwand. Runen darüber. Der Schrank mit der Rune für Gedächtnis. Da ist sie.“ Khepri atmete scharf ein.
Liliana grinste. „Und weiter?“ fragte Khepri, vorsichtig. Percy starrte sie an, als wäre sie verrückt geworden. „Weiter?! Ich habe bereits gegen drei Hausregeln, einen moralischen Grundsatz und meine Lebenserwartung verstoßen. Ihr seid dran.“ Liliana klopfte ihm auf die Schulter. „Du bist der Beste.“ „Ich bin ein Narr,“ korrigierte Percy. „Ja,“ murmelte Khepri zärtlich. „Aber unser Narr.“ Percy errötete.
Kaum war Percy in Richtung Bibliothek abgedampft, um sich zu beruhigen, da packte Liliana Khepri am Ärmel und zog sie fast tänzelnd weiter den Gang entlang. „Okay. Also. Wie stehlen wir einem der gefährlichsten Zauberer Großbritanniens ein magisches Artefakt?“ flüsterte sie. Khepri sah sie an, als hätte Liliana gerade gefragt, wie man am besten ein Nifflernest mit einem goldenen Löffel ausräumt. „Wir sollten das wahrscheinlich nicht tun“, sagte Khepri in einem Anflug von Nervosität. „Natürlich sollten wir das nicht tun“, nickte Liliana ernst. Dann grinste sie breit. „Und trotzdem tun wir’s. Sonst hat Percy umsonst gegen seine drei Grundsätze und so verstoßen.“ Khepri seufzte. Liliana strahlte. Offensichtlich gab es kein zurück mehr.
Sie erreichten den Übergangskorridor zur großen Treppe. Es war fast menschenleer - die meisten Schüler waren beim Abendessen oder in der Bibliothek. Perfekt, um sich konspirativ zusammenzusetzen. Liliana stemmte die Hände in die Hüften. „Okay. Also. Lass uns strukturieren.“ Khepri hob eine Augenbraue. „Du? Struktur?“ „Kann passieren. Manchmal. Unter extremen Umständen. Wie wenn man eine hochmagische Erinnerungsfeder aus Snapes Privatbesitz klauen muss.“ Khepri schnaubte. „Snapes Büro ist gesichert. Wie umgehen wir das?“ „Alles in Hogwarts ist gesichert. Das ist das Problem. Nicht das Hindernis,“ erklärte Liliana, als wäre das ein altbekannter Spruch. „Der Gedächtnisschrank,“ murmelte Khepri. „Wenn die Feder da drin ist, wissen wir zumindest wo wir suchen müssen.“ Liliana nickte ernst. „Wir müssen also nur reinkommen, die richtige Tür öffnen, die Feder rausnehmen und wieder abhauen. Klingt einfach.“ „Du hast vergessen: Snape tötet uns dabei.“ „Ah, ja. Dieses kleine Detail.“ „Wir brauchen also einen Moment, in dem Snape sicher nicht in der Nähe ist,“ sagte Khepri. „Das heißt Unterrichtszeit, aber nur, wenn wir rausfinden, wo er gleichzeitig ist,“ überlegte Liliana. „Oder nach dem Abendessen, wenn er seine Kontrollgänge macht…“ Khepri runzelte die Stirn. „Oder wenn er im Zaubertränkelabor ist. Professor Babbling meinte neulich, Snape habe ein größeres Projekt am Laufen.“ „Mhm. Was glaubst du, ist das gefährlicher - in sein Büro zu gehen oder zu stören, während er experimentiert?“ Beide sagten gleichzeitig „Büro.“ Sie nickten synchron.
Khepri seufzte. „Der Runenschutz ist ein Problem. Wenn ich ihn nicht berühre, sondern zeichne, könnte ich ihn vielleicht deaktivieren.“ Liliana sah sie stolz an. „Du bist ein Genie.“ „Ich bin verzweifelt,“ erwiderte Khepri trocken. Unausgesprochen zwischen ihnen stand die Frage Was passiert, wenns nicht funktioniert? “Dann müssen wir uns also nur noch überlegen, wie wir da ungesehen wieder wegkommen.”, stellte Khepri fest. Liliana überlegte kurz und hob dann einen Finger. „Der Nebenflur, der hinter dem Büro entlangführt. Da ist diese kleine Kellertür, die immer offensteht. Durch die kannst du in zwei Sekunden verschwinden.“ „Und du?“ fragte Khepri. „Ich bin Ablenkung.“ „Was?“ Liliana grinste breit.
„Ich tauche auf, rede Snape mit irgendeiner Notlüge in Grund und Boden und halte ihn auf. Ich- weiß nicht, ich frage nach Zusatzunterricht oder behaupte, Miles hätte im Klo einen Doxy entdeckt. Irgendwas.“ Khepri starrte sie an. „Du willst absichtlich Snapes Aufmerksamkeit? Du?“ Liliana zuckte lässig die Schultern. „Ich bin hübsch. Und furchtlos.“
„Snape ist sicher immun gegen hübsch.“ „Ich sagte außerdem ‘furchtlos’.“
Khepri ließ den Kopf gegen die Wand sinken. „Merlin, wir sterben wirklich.“
Genau in diesem Moment hörten sie von hinten Schritte. Percy, mit dem misstrauischen Blick eines Mannes, der genau wusste, dass zwei Personen, die zu unschuldig wirken, garantiert etwas plante. „Ihr macht tatsächlich einen Plan,“ stellte er fest. Liliana lächelte. „Nein.“ „Doch,“ sagte Percy. Khepri biss sich auf die Lippe. „Ja.“ Percy schloss die Augen. „Ich will es nicht wissen.“ „Gut,“ sagten beide gleichzeitig. „Ich will es wirklich nicht wissen,“ wiederholte Percy, erschrocken über sich selbst. „Noch besser,“ nickte Liliana fröhlich.
Percy drehte sich um und ging, murmelnd. „Ich werde es nicht gewesen sein. Ich werde nichts gehört haben. Ich war nicht dort. Ich war nie dort. Weasley war nie dort. Ich habe damit nichts zu tun.“
Liliana sah ihm hinterher und grinste. „Damit hätten wir die moralische Hürde überwunden.“ Khepri atmete tief ein. „Okay. Also wirklich… wir machen das?“ Liliana legte den Arm um sie. „Besties seit sechs Jahren. Wenn du ein verbotenes Artefakt stehlen willst, bin ich dabei.“ Khepri musste lachen. Und in diesem Moment war sie sich sicher: Wenn irgendjemand diesen Plan überstehen konnte, dann sie beide - gemeinsam.
Die Nacht über Hogwarts lag wie ein dunkler Samtvorhang. Schwer, lautlos, fast ehrfürchtig. Khepri wusste: Das Schloss schlief nie wirklich, aber manchmal tat es so. Und genau das brauchten sie heute.
„Also noch einmal,“ flüsterte Liliana und steckte Khepri eine lose Haarsträhne hinter das Ohr, als wären sie gerade mitten in einer Pyjama-Party statt vor einem absolut illegalen Einbruch. „Du gehst durch die Kellertür hinter dem Gang, wartest, bis Snape fort ist, schleichst rein, dechiffrierst den Runenschutz, schnappst dir die Feder, schleichst wieder raus und rennst wie ein Niffler, der Gold gerochen hat.“ Khepri nickte. „Und du?“ Liliana grinste. „Ich verhindere unseren Tod.“ „Liliana-“ „Zu spät, ich hab’s schon beschlossen.“ Sie schlugen ein - leise, denn der Korridor verstärkte Geräusche gern auf „Katastrophenniveau“.
Sie hatten Glück. Snape war gerade losmarschiert, schwarzer Umhang flatternd wie die Flügel eines sehr schlecht gelaunten Vampirs. Der Gang verschluckte ihn. Liliana hob zwei Daumen. „Los.“, flüsterte sie stumm. Khepri atmete ein und trat in die Schatten.
Die kleine Kellertür quietschte nicht - Liliana hatte sie am Nachmittag geölt, natürlich mit einem absolut verbotenen Trank aus der Apotheke ihres Bruders. Khepri zwängte sich hinein, eine schmale Treppe hinunter, dann in einen Seitenflur, der nach altem Stein und abgestandener Luft roch. Der Flur führte direkt hinter Snapes Büro vorbei. Sie hörte… nichts. Gut.
Sie schlüpfte zu der kleinen Hintertür, die direkt in einen Nebenraum von Snapes Büro führte. Ein Abstellraum, randvoll mit Kisten, alten Kesseln und einem vermutlich jahrhundertealten Handschuh, der leise fluchte. Sie öffnete die Tür einen Spalt.
Es war dunkel, nur das matte Mondlicht fiel durchs kleine Kellerfenster. Der Raum roch nach kaltem Rauch, Kräutern und etwas wie… Flieder. Unerwartet. Khepri schluckte.
Und dann sah sie ihn: den Gedächtnisschrank. Schwarz, alt, massiv und mit Runen bedeckt, die im schwachen Licht glänzten.
Sie zog ihren Zauberstab. Ihre Finger zitterten. Ruhig, Khepri. Du hast schlimmere Sachen überlebt. War dem so?
Sie legte die Fingerspitzen über eine der Runen und zeichnete sie langsam in die Luft nach. Die Rune glühte matt auf. „…sola…“ flüsterte sie. „…nefer… asha…“ Eine zweite Rune reagierte, dann eine dritte. Der Schrank vibrierte sanft - wie ein Atemzug. Dann: ein leises Klicken. Die Runen erloschen und der Schutz war aufgehoben.
Khepri öffnete die obere Schranktür. Im Inneren lagen Dutzende kleiner Kästchen. Einige beschriftet. Andere nicht. Die gute Nachricht: Sie hat’s geschafft. Die schlechte: Sie hat absolut keinen Plan, welches Kästchen das richtige ist.
Sie atmete tief durch. „Nachdenken, Khepri. Wenn ich eine verfluchte Schreibfeder wäre, wo, würde ich mich verstecken?“ Dann sah sie es. Ein kleines, schlichtes Kästchen. Kein Etikett. Aber die Ecke war… angesengt. Sie griff danach und öffnete es leise. Drin lag die Feder. Grau schimmernd, wie ein Schatten aus Metall. Und sie vibrierte ganz leicht, als hätte sie sie erkannt.
„Hallo, du Problemkind…“ Sie griff nach ihr. Und in dem Moment hörte sie draußen eine Stimme.: „Professor Snape! Da sind Sie ja!“ Khepri erstarrte. Lilianas Stimme. Eindeutig. „Miss Bletchley.“ Snapes Stimme war gefährlich ruhig. „Warum sind Sie nicht in Ihrem Gemeinschaftsraum?“ „Ich wollte Ihnen nur sagen, ähm… dass… Miles glaubt, er hätte im Waschraum der Jungen einen, äh… doppelköpfigen Doxy gesehen!“ Pause. „Einen was?“ fragte Snape. „Doxy, Sir. Sehr gefährlich. Könnte beißen. Vielleicht auch kratzen. Oder etwas Erschreckendes tun.“
Khepri presste die Feder an sich. Liliana redete weiter – redete sich um Kopf und Kragen, eigentlich, aber niemand konnte improvisieren wie sie. Zeit zu gehen.
Khepri schloss das Kästchen, legte es zurück in den Schrank und beeilte sich, ihn wieder so zu schließen wie vorher. Ob sie alles richtig gemacht hatte würde nur Snapes Reaktion am morgigen Tag aufklären können. Sie steckte die Feder in die Innentasche ihres Umhangs. Dann flitzte sie zurück in den Nebenraum und schloss die Tür. Stille. Aber draußen hörte sie Schritte. Snape kam näher. Liliana lenkte ihn zwar ab, aber wie lange noch?
Khepri huschte durch die Kellertür, zog sie hinter sich zu und hielt den Atem an.
Die Schritte wurden lauter, sie hörte sie direkt hinter der Wand.
„Miss Bletchley,“ sagte Snape scharf. „Es wäre angemessen, wenn Sie zukünftig jemand anderen mit solchen… Beobachtungen belästigen. Ich habe Wichtigeres zu tun.“ „Natürlich, Sir,“ sagte Liliana mit einer Stimme, die gleichzeitig ehrfürchtig und nervös und absolut gelogen war. Dann Schritte. Sie entfernten sich. Khepri schlüpfte aus dem Gang, als sie sich sicher war, dass Snape nicht mehr in Reichweite war.
Liliana wartete am Treppenabsatz, Hände in die Hüften gestemmt. „Sag mir bitte, dass du das Ding hast.“ Khepri zog die Feder hervor.
Liliana stieß einen erstickten Schrei aus und tanzte einen Mini-Freudentanz, bevor sie sich wieder zusammenriss und sagte „Okay. Perfekt. Plan fehlerfrei umgesetzt.“ „Fehlerfrei?“ Khepri blinzelte. „Wolltest du nicht sagen, du wärst hübsch und furchtlos?“ „Natürlich war ich das! Hast du gesehen, wie ich Snape abgelenkt habe?“ „Ich war im Büro! Ich hab gar nichts gesehen!“ „Dann musst du mir einfach glauben!“ sagte Liliana stolz und strahlte. Khepri lachte.
Sie hatten die Feder. Und damit vielleicht den ersten Schritt zur Wahrheit.
Der Schlafsaal lag im Halbdunkel. Nur zwei Kerzen brannten noch, der Rest des Raumes war im blauen Schimmer des Sees versunken. Wasserkräuselungen huschten wie lebendige Schatten über die Decke.
Khepri saß auf ihrem Bett, die Feder vor sich wie ein lebendiges Tier, das jederzeit zubeißen konnte, und Liliana dicht neben ihr, beide waren gespannt auf das, was die Feder enthüllen würde. „Also…“ Liliana stützte die Hände in die Hüften. “Was glaubst du zeigt sie uns, das Snape so offensichtlich verstecken wollte?“ „Ich bin genauso gespannt wie du.“ Khepri holte tief Luft. „Das ist etwas großes. Ich spür’s.“ Liliana ließ sich neben sie fallen, zog die Beine an und musterte die Feder mit schmalen Augen.
„Sie sieht nicht gefährlich aus.“ „Ich sah auch nicht gefährlich aus, als ich geboren wurde“, murmelte Khepri. „Du siehst nicht mal jetzt gefährlich aus.“ „Sehr hilfreich.“
Sie schwiegen. Dann griff Khepri nach einem losen Stück Pergament. Die Feder lag still in ihrer Hand. „Okay. Ich… versuche einfach zu schreiben, was ich fühle.“ Ihre Stimme zitterte nur ein wenig. „Ich passe auf dich auf“, sagte Liliana und legte eine Hand an Khepris Rücken. Khepri setzte die Feder aufs Papier.
Für einen Moment geschah nichts. Dann vibrierte die Spitze kaum spürbar. Khepri erschrak und klammerte sich noch fester ans Pergament. Die Spitze begann zu gleiten - aber genau wie beim letzten Mal nicht in ihrem Rhythmus und nicht in ihrer Schrift. Als würde eine fremde Hand ihre führen begann die Feder zu schreiben.
Worte erschienen auf dem Pergament: „es tut mir leid“
Khepris Atem stockte. Liliana legte automatisch ihre Hand über ihren Mund. Die Feder zitterte und schrieb weiter : „ich wollte das nicht“ Dann wechselten die Worte in eine unruhige, ruckartige Bewegung. Die Schrift wurde schief, gedrängt, als würde jemand hektisch sprechen: „zu spät zu spät zu spät“
„Oh Gott“, flüsterte Liliana. „Khepri, das ist-“ “Shhh“, machte Khepri, leiser als ein Atemzug. Die Feder führte ihre Hand erneut: „er wusste es nicht“ „niemand darf es wissen“ „ich war so dumm“
Das Licht im Schlafsaal flackerte. Khepri fühlte, wie ihre Hand kalt wurde, als würde etwas durch sie hindurch sprechen, das längst nicht mehr hier war. Dann änderte sich die Schrift. Wurde sanfter, langsamer, zärtlich, beinahe flehend: „mein kind…“
Khepri fühlte, wie ihr Herz einen Schlag ausließ. „verzeih mir“
Die Feder fiel ihr aus der Hand. Sie schlug aufs Bett, rollte ein Stück und blieb liegen wie ein erschöpfter Käfer. Stille. Nur die leisen, glucksenden Geräusche des Sees hinter den Mauern. Liliana war kreidebleich.
„Khepri…“, sagte sie leise, „das klingt… das klingt, als hätte jemand etwas getan, das er bereut. Jemand, der dich sehr liebt.“ Khepri starrte auf das Pergament, als wäre es ein Fluch. „Das war nicht Snape“, flüsterte sie. Liliana nickte. „Definitiv nicht.“ Khepri schloss die Augen. „Das war eine Frau.“
Liliana legte eine Hand auf ihre Schulter. „Deine Mutter?“ „Wahrscheinlich." Ein Riss ging durch ihre Stimme. „Es fühlt sich so an.“ „Was willst du jetzt tun?“
Khepri wischte sich mit dem Ärmel über die Augen, die plötzlich brannten. „Ich will die Wahrheit. Und wenn diese Feder uns einen Weg zeigt… dann folge ich ihm.“ Liliana nickte. „Ich helfe dir natürlich, wie immer.“ Ein Schwur, der keine weiteren Worte brauchte.
Khepri starrte noch immer auf das Pergament, als hätte es sie gebissen. Ihre Finger zitterten. Nicht vor Angst. Nicht wirklich. Es war… etwas anderes. Etwas, das hinter den Rippen schabte, wie eine Tür, die endlich aufgestoßen wurde.
Liliana saß dicht neben ihr, eine Hand zwischen Khepris Schulterblättern - eine leise, konstante Wärme, die sie daran hinderte, völlig abzudriften. „Du brauchst keine Angst zu haben,“ murmelte Liliana. „Ich bin hier. Ich bleibe hier.“
Khepri lachte tonlos. „Ich hab keine Angst. Ich… ich weiß nicht, was ich hab.“ „Schock“, meinte Liliana. „Und vielleicht… Hoffnung? Oder Schmerz. Oder beides.“ Khepri strich über die letzte Zeile. mein Kind… verzeih mir.
Ihre Stimme war heiser, als sie flüsterte:
„Das war… voller Liebe. Und voller Schuld. Das fühlt man einfach.“ Liliana nickte. „Ich weiß. Ich hab’s auch gespürt.“ „Ich verstehe es nicht,“ flüsterte Khepri. „Wofür soll ich verzeihen? Was hat sie getan? Was… was ist zu spät?“ Liliana drückte ihre Hand.
„Khepri. Egal, was passiert - deine Mutter hat dich nie schlecht behandelt. Nie. Sie liebt dich. Und dieses… das klingt wie jemand, der sich selbst geißelt, nicht wie jemand, der einem Kind etwas antun wollte.“ Khepri biss sich auf die Lippe. „Ich weiß nur nicht, ob das überhaupt meine Mutter war.“ „Wessen Erinnerungen sollten es sonst sein?“ Liliana sah sie ernst an. „Nicht Snape, das ist ja schonmal klar. Und ganz sicher nicht jemand Beliebiges. Diese Feder hat dich als Erstes als Anker genommen - nicht Percy, nicht mich, nicht Marcus.“ Khepri blinzelte. „Denkst du… sie wollte, dass ich es erfahre?“ „Ich denke,“ sagte Liliana sanft, „manchmal schreit das Herz nach Wahrheit - und Magie hört zu.“
Khepri sah lange auf das Pergament. Dann faltete sie es behutsam, als wäre es etwas Zerbrechliches, fast Heiliges. „Ich will wissen, was passiert ist, Liliana.“ „Du wirst es erfahren.“ Liliana lächelte sanft. „Und ich werde die Erste sein, die jemandem die Tür ins Gesicht tritt, falls dir jemand das verhindern will.“ Das brachte Khepri zum Lachen. „Danke.“ „Immer.“
Am nächsten Abend saß Khepri allein im Schlafsaal. Die Scripta Memoriae lag vor ihr, die Kerze brannte still. „Bitte“, flüsterte sie. „Nur ein bisschen mehr.“
Sie setzte die Feder auf frisches Pergament. Stille. Kein Vibrieren, kein Zittern und kein fremder Atem, der ihre Finger bewegte. Die Feder schrieb nichts.
Khepri presste die Lippen zusammen, setzte erneut an. Nichts.
Sie versuchte es mit einem anderen Pergament. Dann mit einem Wort, einem Satz, einem Gefühl. Sie ließ sich Zeit. Sie konzentrierte sich. Sie flehte. Nichts.
Die Feder war leer. Es war, als hätte jemand einen Raum geöffnet - nur für einen Atemzug - und sofort wieder verschlossen.
Als wäre die Nachricht nur ein Echo gewesen, das sein Leben gehabt hatte, aber kein zweites. Khepri senkte die Feder und atmete zitternd aus. „Also war es das? Du hast doch noch mehr gesehen, aber du zeigst es mir nicht?“ flüsterte sie. Das Amulett auf ihrem Nachttisch vibrierte schwach. Nicht tröstend. Eher wachsam.
Khepri legte die Feder behutsam in ihr Etui zurück. „Okay“, murmelte sie. „Wenn du nicht mehr redest… dann muss ich den Rest selbst finden.“
Percy Weasley hatte drei Tugenden: Disziplin, Verantwortungsbewusstsein und… Angst. Nicht viel Angst. Nur gerade genug, um Snape unter allen Umständen aus dem Weg zu gehen. Und trotzdem stand er nun vor seinem Büro. Khepri und Liliana hatten sich in einer Nische versteckt - viel zu nah für Percys Geschmack - aber er hatte beschlossen, das zu ignorieren, um nicht wahnsinnig zu werden. „Warum tue ich das?“ murmelte er in die Stille. „Weil du ein guter Freund bist,“ flüsterte Liliana aus der Nische. „Weil du uns lieb hast,“ ergänzte Khepri. „Weil ich lebensmüde bin,“ seufzte Percy. Dann klopfte er. Keine Antwort. Er klopfte ein zweites Mal: wieder nichts.
Vielleicht war Snape nicht da. Vielleicht hatte er Glück. Vielleicht würde er heute nicht ster- Die Tür glitt von selbst auf. Percy fuhr zusammen. Der Raum dahinter war dunkel, nur von einem Lichtstreifen aus dem Gang beleuchtet. Er roch nach Kräutern, kaltem Stein und etwas Metallischem. Percy räusperte sich vorsichtig. „Professor Snape?“ Stille.
Er trat einen halben Schritt hinein - gerade genug, um einen Blick über den Boden schweifen zu lassen. Snape war ordnungsliebend. Akribisch. Wenn er etwas Wertvolles besaß, lag es nicht herum.
Percy sah die Schränke an der Wand. Aber nicht die, die jeder Schüler kannte, sondern die mit den alten Runen darüber, die fast niemand lesen konnte. Fast.
Er ging näher, studierte die eingeritzten Zeichen. Er musste sich an das kluge Mädchen erinnern, das im ersten Schuljahr neben ihm gesessen hatte, mit glänzenden Augen und einem unzerstörbaren Wissen darüber, dass Runen lebten, wenn man sie lange genug ansah. Percy hob eine Hand, berührte vorsichtig die Kante eines der Schränke. Seine Hand wurde von einer Vibration abgeleitet, wenn auch nur ganz schwach. Ein Erkennungsschutz. Percy rief sich ins Gedächtnis, was die Symbolik auf dem Schrank zu bedeuten hatte: Schrift. Manuskripte. Federn. Tinte.
Sein Herz machte einen Satz. Da drin, natürlich. Natürlich würde Snape ein Artefakt zum Schreiben von Erinnerungen bei den Schreibutensilien aufbewahren. Nicht im Zaubertrankregal. Nicht im Giftschrank. Sondern dort, wo er alle seine Pergamente hütete wie einen Drachen den Schatz.
Percy lächelte schwach. Kein schönes Lächeln. Eher ein: Khepri, du musst mir irgendwann deinen Beruhigungstee leihen-Lächeln.
Er tippte zweimal auf die Rune, die „Gedächtnis“ bedeutete. Sie pulsierte warm auf. Das reichte. Größer durfte sein Eingriff nicht sein. Er wollte nicht mehr wissen.
Dann drehte er sich um und ging rückwärts aus dem Büro - weil er es nicht schaffte, Snapes Büro den Rücken zuzuwenden. Er schloss die Tür mit der gleichen sanften Bewegung, mit der man ein schlafendes Baby bedeckt. Liliana und Khepri kamen aus der Nische gestürmt. „Und?“ flüsterte Liliana. Percy hob die Hände, als würde er zwei explodierende Erstklässler beruhigen wollen. „Ein Regal an der Ostwand. Runen darüber. Der Schrank mit der Rune für Gedächtnis. Da ist sie.“ Khepri atmete scharf ein.
Liliana grinste. „Und weiter?“ fragte Khepri, vorsichtig. Percy starrte sie an, als wäre sie verrückt geworden. „Weiter?! Ich habe bereits gegen drei Hausregeln, einen moralischen Grundsatz und meine Lebenserwartung verstoßen. Ihr seid dran.“ Liliana klopfte ihm auf die Schulter. „Du bist der Beste.“ „Ich bin ein Narr,“ korrigierte Percy. „Ja,“ murmelte Khepri zärtlich. „Aber unser Narr.“ Percy errötete.
Kaum war Percy in Richtung Bibliothek abgedampft, um sich zu beruhigen, da packte Liliana Khepri am Ärmel und zog sie fast tänzelnd weiter den Gang entlang. „Okay. Also. Wie stehlen wir einem der gefährlichsten Zauberer Großbritanniens ein magisches Artefakt?“ flüsterte sie. Khepri sah sie an, als hätte Liliana gerade gefragt, wie man am besten ein Nifflernest mit einem goldenen Löffel ausräumt. „Wir sollten das wahrscheinlich nicht tun“, sagte Khepri in einem Anflug von Nervosität. „Natürlich sollten wir das nicht tun“, nickte Liliana ernst. Dann grinste sie breit. „Und trotzdem tun wir’s. Sonst hat Percy umsonst gegen seine drei Grundsätze und so verstoßen.“ Khepri seufzte. Liliana strahlte. Offensichtlich gab es kein zurück mehr.
Sie erreichten den Übergangskorridor zur großen Treppe. Es war fast menschenleer - die meisten Schüler waren beim Abendessen oder in der Bibliothek. Perfekt, um sich konspirativ zusammenzusetzen. Liliana stemmte die Hände in die Hüften. „Okay. Also. Lass uns strukturieren.“ Khepri hob eine Augenbraue. „Du? Struktur?“ „Kann passieren. Manchmal. Unter extremen Umständen. Wie wenn man eine hochmagische Erinnerungsfeder aus Snapes Privatbesitz klauen muss.“ Khepri schnaubte. „Snapes Büro ist gesichert. Wie umgehen wir das?“ „Alles in Hogwarts ist gesichert. Das ist das Problem. Nicht das Hindernis,“ erklärte Liliana, als wäre das ein altbekannter Spruch. „Der Gedächtnisschrank,“ murmelte Khepri. „Wenn die Feder da drin ist, wissen wir zumindest wo wir suchen müssen.“ Liliana nickte ernst. „Wir müssen also nur reinkommen, die richtige Tür öffnen, die Feder rausnehmen und wieder abhauen. Klingt einfach.“ „Du hast vergessen: Snape tötet uns dabei.“ „Ah, ja. Dieses kleine Detail.“ „Wir brauchen also einen Moment, in dem Snape sicher nicht in der Nähe ist,“ sagte Khepri. „Das heißt Unterrichtszeit, aber nur, wenn wir rausfinden, wo er gleichzeitig ist,“ überlegte Liliana. „Oder nach dem Abendessen, wenn er seine Kontrollgänge macht…“ Khepri runzelte die Stirn. „Oder wenn er im Zaubertränkelabor ist. Professor Babbling meinte neulich, Snape habe ein größeres Projekt am Laufen.“ „Mhm. Was glaubst du, ist das gefährlicher - in sein Büro zu gehen oder zu stören, während er experimentiert?“ Beide sagten gleichzeitig „Büro.“ Sie nickten synchron.
Khepri seufzte. „Der Runenschutz ist ein Problem. Wenn ich ihn nicht berühre, sondern zeichne, könnte ich ihn vielleicht deaktivieren.“ Liliana sah sie stolz an. „Du bist ein Genie.“ „Ich bin verzweifelt,“ erwiderte Khepri trocken. Unausgesprochen zwischen ihnen stand die Frage Was passiert, wenns nicht funktioniert? "Dann müssen wir uns also nur noch überlegen, wie wir da ungesehen wieder wegkommen.”, stellte Khepri fest. Liliana überlegte kurz und hob dann einen Finger. „Der Nebenflur, der hinter dem Büro entlangführt. Da ist diese kleine Kellertür, die immer offensteht. Durch die kannst du in zwei Sekunden verschwinden.“ „Und du?“ fragte Khepri. „Ich bin Ablenkung.“ „Was?“ Liliana grinste breit.
„Ich tauche auf, rede Snape mit irgendeiner Notlüge in Grund und Boden und halte ihn auf. Ich- weiß nicht, ich frage nach Zusatzunterricht oder behaupte, Miles hätte im Klo einen Doxy entdeckt. Irgendwas.“ Khepri starrte sie an. „Du willst absichtlich Snapes Aufmerksamkeit? Du?“ Liliana zuckte lässig die Schultern. „Ich bin hübsch. Und furchtlos.“
„Snape ist sicher immun gegen hübsch.“ „Ich sagte außerdem ‘furchtlos’.“
Khepri ließ den Kopf gegen die Wand sinken. „Merlin, wir sterben wirklich.“
Genau in diesem Moment hörten sie von hinten Schritte. Percy, mit dem misstrauischen Blick eines Mannes, der genau wusste, dass zwei Personen, die zu unschuldig wirken, garantiert etwas plante. „Ihr macht tatsächlich einen Plan,“ stellte er fest. Liliana lächelte. „Nein.“ „Doch,“ sagte Percy. Khepri biss sich auf die Lippe. „Ja.“ Percy schloss die Augen. „Ich will es nicht wissen.“ „Gut,“ sagten beide gleichzeitig. „Ich will es wirklich nicht wissen,“ wiederholte Percy, erschrocken über sich selbst. „Noch besser,“ nickte Liliana fröhlich.
Percy drehte sich um und ging, murmelnd. „Ich werde es nicht gewesen sein. Ich werde nichts gehört haben. Ich war nicht dort. Ich war nie dort. Weasley war nie dort. Ich ahbe damit nichts zu tun.“
Liliana sah ihm hinterher und grinste. „Damit hätten wir die moralische Hürde überwunden.“ Khepri atmete tief ein. „Okay. Also wirklich… wir machen das?“ Liliana legte den Arm um sie. „Besties seit sechs Jahren. Wenn du ein verbotenes Artefakt stehlen willst, bin ich dabei.“ Khepri musste lachen. Und in diesem Moment war sie sich sicher: Wenn irgendjemand diesen Plan überstehen konnte, dann sie beide - gemeinsam.
Die Nacht über Hogwarts lag wie ein dunkler Samtvorhang. Schwer, lautlos, fast ehrfürchtig. Khepri wusste: Das Schloss schlief nie wirklich, aber manchmal tat es so. Und genau das brauchten sie heute.
„Also noch einmal,“ flüsterte Liliana und steckte Khepri eine lose Haarsträhne hinter das Ohr, als wären sie gerade mitten in einer Pyjama-Party statt vor einem absolut illegalen Einbruch. „Du gehst durch die Kellertür hinter dem Gang, wartest, bis Snape fort ist, schleichst rein, dechiffrierst den Runenschutz, schnappst dir die Feder, schleichst wieder raus und rennst wie ein Niffler, der Gold gerochen hat.“ Khepri nickte. „Und du?“ Liliana grinste. „Ich verhindere unseren Tod.“ „Liliana-“ „Zu spät, ich hab’s schon beschlossen.“ Sie schlugen ein - leise, denn der Korridor verstärkte Geräusche gern auf „Katastrophenniveau“.
Sie hatten Glück. Snape war gerade losmarschiert, schwarzer Umhang flatternd wie die Flügel eines sehr schlecht gelaunten Vampirs. Der Gang verschluckte ihn. Liliana hob zwei Daumen. „Los.“, flüsterte sie stumm. Khepri atmete ein und trat in die Schatten.
Die kleine Kellertür quietschte nicht - Liliana hatte sie am Nachmittag geölt, natürlich mit einem absolut verbotenen Trank aus der Apotheke ihres Bruders. Khepri zwängte sich hinein, eine schmale Treppe hinunter, dann in einen Seitenflur, der nach altem Stein und abgestandener Luft roch. Der Flur führte direkt hinter Snapes Büro vorbei. Sie hörte… nichts. Gut.
Sie schlüpfte zu der kleinen Hintertür, die direkt in einen Nebenraum von Snapes Büro führte. Ein Abstellraum, randvoll mit Kisten, alten Kesseln und einem vermutlich jahrhundertealten Handschuh, der leise fluchte. Sie öffnete die Tür einen Spalt.
Es war dunkel, nur das matte Mondlicht fiel durchs kleine Kellerfenster. Der Raum roch nach kaltem Rauch, Kräutern und etwas wie… Flieder. Unerwartet. Khepri schluckte.
Und dann sah sie ihn: den Gedächtnisschrank. Schwarz, alt, massiv und mit Runen bedeckt, die im schwachen Licht glänzten.
Sie zog ihren Zauberstab. Ihre Finger zitterten. Ruhig, Khepri. Du hast schlimmere Sachen überlebt. War das so?
Sie legte die Fingerspitzen über eine der Runen und zeichnete sie langsam in die Luft nach. Die Rune glühte matt auf. „…sola…“ flüsterte sie. „…nefer… asha…“ Eine zweite Rune reagierte, dann eine dritte. Der Schrank vibrierte sanft - wie ein Atemzug. Dann: ein leises Klicken. Die Runen erloschen und der Schutz war aufgehoben.
Khepri öffnete die obere Schranktür. Im Inneren lagen Dutzende kleiner Kästchen. Einige beschriftet. Andere nicht. Die gute Nachricht: Sie hat’s geschafft. Die schlechte: Sie hat absolut keinen Plan, welches Kästchen das richtige ist.
Sie atmete tief durch. „Nachdenken, Khepri. Wenn ich eine verfluchte Schreibfeder wäre, wo, würde ich mich verstecken?“ Dann sah sie es. Ein kleines, schlichtes Kästchen. Kein Etikett. Aber die Ecke war… angesengt. Sie griff danach und öffnete es leise. Drin lag die Feder. Grau schimmernd, wie ein Schatten aus Metall. Und sie vibrierte ganz leicht, als hätte sie sie erkannt.
„Hallo, du Problemkind…“ Sie griff nach ihr. Und in dem Moment hörte sie draußen eine Stimme.: „Professor Snape! Da sind Sie ja!“ Khepri erstarrte. Lilianas Stimme. Eindeutig. „Miss Bletchley.“ Snapes Stimme war gefährlich ruhig. „Warum sind Sie nicht in Ihrem Gemeinschaftsraum?“ „Ich wollte Ihnen nur sagen, ähm… dass… Miles glaubt, er hätte im Waschraum der Jungen einen, äh… doppelköpfigen Doxy gesehen!“ Pause. „Einen was?“ fragte Snape. „Doxy, Sir. Sehr gefährlich. Könnte beißen. Vielleicht auch kratzen. Oder etwas Erschreckendes tun.“
Khepri presste die Feder an sich. Liliana redete weiter – redete sich um Kopf und Kragen, eigentlich, aber niemand konnte improvisieren wie sie. Zeit zu gehen.
Khepri schloss das Kästchen, legte es zurück in den Schrank und beeilte sich, ihn wieder so zu schließen wie vorher. Ob sie alles richtig gemacht hatte würde nur Snapes Reaktion am morgigen Tag aufklären können. Sie steckte die Feder in die Innentasche ihres Umhangs. Dann flitzte sie zurück in den Nebenraum und schloss die Tür. Stille. Aber draußen hörte sie Schritte. Snape kam näher. Liliana lenkte ihn zwar ab, aber wie lange noch?
Khepri huschte durch die Kellertür, zog sie hinter sich zu und hielt den Atem an.
Die Schritte wurden lauter, sie hörte sie direkt hinter der Wand.
„Miss Bletchley,“ sagte Snape scharf. „Es wäre angemessen, wenn Sie zukünftig jemand anderen mit solchen… Beobachtungen belästigen. Ich habe Wichtigeres zu tun.“ „Natürlich, Sir,“ sagte Liliana mit einer Stimme, die gleichzeitig ehrfürchtig und nervös und absolut gelogen war. Dann Schritte. Sie entfernten sich. Khepri schlüpfte aus dem Gang, als sie sich sicher war, dass Snape nicht mehr in Reichweite war.
Liliana wartete am Treppenabsatz, Hände in die Hüften gestemmt. „Sag mir bitte, dass du das Ding hast.“ Khepri zog die Feder hervor.
Liliana stieß einen erstickten Schrei aus und tanzte einen Mini-Freudentanz, bevor sie sich wieder zusammenriss und sagte „Okay. Perfekt. Plan fehlerfrei umgesetzt.“ „Fehlerfrei?“ Khepri blinzelte. „Wolltest du nicht sagen, du wärst hübsch und furchtlos?“ „Natürlich war ich das! Hast du gesehen, wie ich Snape abgelenkt habe?“ „Ich war im Büro! Ich hab gar nichts gesehen!“ „Dann musst du mir einfach glauben!“ sagte Liliana stolz und strahlte. Khepri lachte.
Sie hatten die Feder. Und damit vielleicht den ersten Schritt zur Wahrheit.
Der Schlafsaal lag im Halbdunkel. Nur zwei Kerzen brannten noch, der Rest des Raumes war im blauen Schimmer des Sees versunken. Wasserkräuselungen huschten wie lebendige Schatten über die Decke.
Khepri saß auf ihrem Bett, die Feder vor sich wie ein lebendiges Tier, das jederzeit zubeißen konnte, und Liliana dicht neben ihr, beide waren gespannt auf das, was die Feder enthüllen würde. „Also…“ Liliana stützte die Hände in die Hüften. “Was glaubst du zeigt sie uns, das Snape so offensichtlich verstecken wollte?“ „Ich bin genauso gespannt wie du.“ Khepri holte tief Luft. „Das ist etwas großes. Ich spür’s.“ Liliana ließ sich neben sie fallen, zog die Beine an und musterte die Feder mit schmalen Augen.
„Sie sieht nicht gefährlich aus.“ „Ich sah auch nicht gefährlich aus, als ich geboren wurde“, murmelte Khepri. „Du siehst nicht mal jetzt gefährlich aus.“ „Sehr hilfreich.“
Sie schwiegen. Dann griff Khepri nach einem losen Stück Pergament. Die Feder lag still in ihrer Hand. „Okay. Ich… versuche einfach zu schreiben, was ich fühle.“ Ihre Stimme zitterte nur ein wenig. „Ich passe auf dich auf“, sagte Liliana und legte eine Hand an Khepris Rücken. Khepri setzte die Feder aufs Papier.
Für einen Moment geschah nichts. Dann vibrierte die Spitze kaum spürbar. Khepri erschrak und klammerte sich noch fester ans Pergament. Die Spitze begann zu gleiten - aber genau wie beim letzten Mal nicht in ihrem Rhythmus und nicht in ihrer Schrift. Als würde eine fremde Hand ihre führen begann die Feder zu schreiben.
Worte erschienen auf dem Pergament: „es tut mir leid“
Khepris Atem stockte. Liliana legte automatisch ihre Hand über ihren Mund. Die Feder zitterte und schrieb weiter : „ich wollte das nicht“ Dann wechselten die Worte in eine unruhige, ruckartige Bewegung. Die Schrift wurde schief, gedrängt, als würde jemand hektisch sprechen: „zu spät zu spät zu spät“
„Oh Gott“, flüsterte Liliana. „Khepri, das ist-“ “Shhh“, machte Khepri, leiser als ein Atemzug. Die Feder führte ihre Hand erneut: „er wusste es nicht“ „niemand darf es wissen“ „ich war so dumm“
Das Licht im Schlafsaal flackerte. Khepri fühlte, wie ihre Hand kalt wurde, als würde etwas durch sie hindurch sprechen, das längst nicht mehr hier war. Dann änderte sich die Schrift. Wurde sanfter, langsamer, zärtlich, beinahe flehend: „mein kind…“
Khepri fühlte, wie ihr Herz einen Schlag ausließ. „verzeih mir“
Die Feder fiel ihr aus der Hand. Sie schlug aufs Bett, rollte ein Stück und blieb liegen wie ein erschöpfter Käfer. Stille. Nur die leisen, glucksenden Geräusche des Sees hinter den Mauern. Liliana war kreidebleich.
„Khepri…“, sagte sie leise, „das klingt… das klingt, als hätte jemand etwas getan, das er bereut. Jemand, der dich sehr liebt.“ Khepri starrte auf das Pergament, als wäre es ein Fluch. „Das war nicht Snape“, flüsterte sie. Liliana nickte. „Definitiv nicht.“ Khepri schloss die Augen. „Das war eine Frau.“
Liliana legte eine Hand auf ihre Schulter. „Deine Mutter?“ „Wahrscheinlich." Ein Riss ging durch ihre Stimme. „Es fühlt sich so an.“ „Was willst du jetzt tun?“
Khepri wischte sich mit dem Ärmel über die Augen, die plötzlich brannten. „Ich will die Wahrheit. Und wenn diese Feder uns einen Weg zeigt… dann folge ich ihm.“ Liliana nickte. „Ich helfe dir natürlich, wie immer.“ Ein Schwur, der keine weiteren Worte brauchte.
Khepri starrte noch immer auf das Pergament, als hätte es sie gebissen. Ihre Finger zitterten. Nicht vor Angst. Nicht wirklich. Es war… etwas anderes. Etwas, das hinter den Rippen schabte, wie eine Tür, die endlich aufgestoßen wurde.
Liliana saß dicht neben ihr, eine Hand zwischen Khepris Schulterblättern - eine leise, konstante Wärme, die sie daran hinderte, völlig abzudriften. „Du brauchst keine Angst zu haben,“ murmelte Liliana. „Ich bin hier. Ich bleibe hier.“
Khepri lachte tonlos. „Ich hab keine Angst. Ich… ich weiß nicht, was ich hab.“ „Schock“, meinte Liliana. „Und vielleicht… Hoffnung? Oder Schmerz. Oder beides.“ Khepri strich über die letzte Zeile. mein Kind… verzeih mir.
Ihre Stimme war heiser, als sie flüsterte:
„Das war… voller Liebe. Und voller Schuld. Das fühlt man einfach.“ Liliana nickte. „Ich weiß. Ich hab’s auch gespürt.“ „Ich verstehe es nicht,“ flüsterte Khepri. „Wofür soll ich verzeihen? Was hat sie getan? Was… was ist zu spät?“ Liliana drückte ihre Hand.
„Khepri. Egal, was passiert - deine Mutter hat dich nie schlecht behandelt. Nie. Sie liebt dich. Und dieses… das klingt wie jemand, der sich selbst geißelt, nicht wie jemand, der einem Kind etwas antun wollte.“ Khepri biss sich auf die Lippe. „Ich weiß nur nicht, ob das überhaupt meine Mutter war.“ „Wessen Erinnerungen sollten es sonst sein?“ Liliana sah sie ernst an. „Nicht Snape, das ist ja schonmal klar. Und ganz sicher nicht jemand Beliebiges. Diese Feder hat dich als Erstes als Anker genommen - nicht Percy, nicht mich, nicht Marcus.“ Khepri blinzelte. „Denkst du… sie wollte, dass ich es erfahre?“ „Ich denke,“ sagte Liliana sanft, „manchmal schreit das Herz nach Wahrheit - und Magie hört zu.“
Khepri sah lange auf das Pergament. Dann faltete sie es behutsam, als wäre es etwas Zerbrechliches, fast Heiliges. „Ich will wissen, was passiert ist, Liliana.“ „Du wirst es erfahren.“ Liliana lächelte sanft. „Und ich werde die Erste sein, die jemandem die Tür ins Gesicht tritt, falls dir jemand das verhindern will.“ Das brachte Khepri zum Lachen. „Danke.“ „Immer.“
Am nächsten Abend saß Khepri allein im Schlafsaal. Die Scripta Memoriae lag vor ihr, die Kerze brannte still. „Bitte“, flüsterte sie. „Nur ein bisschen mehr.“
Sie setzte die Feder auf frisches Pergament. Stille. Kein Vibrieren, kein Zittern und kein fremder Atem, der ihre Finger bewegte. Die Feder schrieb nichts.
Khepri presste die Lippen zusammen, setzte erneut an. Nichts.
Sie versuchte es mit einem anderen Pergament. Dann mit einem Wort, einem Satz, einem Gefühl. Sie ließ sich Zeit. Sie konzentrierte sich. Sie flehte. Nichts.
Die Feder war leer. Es war, als hätte jemand einen Raum geöffnet - nur für einen Atemzug - und sofort wieder verschlossen.
Als wäre die Nachricht nur ein Echo gewesen, das sein Leben gehabt hatte, aber kein zweites. Khepri senkte die Feder und atmete zitternd aus. „Also war es das? Du hast doch noch mehr gesehen, aber du zeigst es mir nicht?“ flüsterte sie. Das Amulett auf ihrem Nachttisch vibrierte schwach. Nicht tröstend. Eher wachsam.
Khepri legte die Feder behutsam in ihr Etui zurück. „Okay“, murmelte sie. „Wenn du nicht mehr redest… dann muss ich den Rest selbst finden.“
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