Kapitel 15 - Die letzte Chance

Veröffentlicht am 12. Dezember 2025 um 14:13

Der Wind war kein Wind, er war ein Tier.
Er kroch über das Quidditchfeld wie ein lebendiger, heulender Körper, riss an Umhängen, zerrte an Besenstielen, schlug peitschend gegen die Tribünen. Der Regen fiel nicht, er wurde geschossen, schräg, hart, kalt wie kleine Steine. Das war kein Wetter für eine Teamauswahl. Das war eine Prüfung.
Khepri stand am Spielfeldrand, die Hände verkrampft um den Griff ihres Besens, und versuchte, ruhig zu atmen. Ein letzter Versuch. Ein kleines, dummes Flämmchen Hoffnung. Mehr war es nicht, aber es war da.
Marcus stand in der Mitte des Feldes, wie ein unbeweglicher Punkt im Chaos. Selbst im Sturm wirkte er kontrolliert, die nassen Haare an die Stirn gedrückt, Augen schmal gegen den Regen. Nur manchmal - ganz selten - glitten seine Blicke zu ihr hinüber. Schnell. Unfreiwillig. Sie tat so, als merkte sie es nicht.
„Alle, die sich bewerben, bleiben in der Nähe“, rief er gegen den Wind. Seine Stimme schnitt durch die Böen wie eine feste Kante. „Wir beginnen gleich.“
Khepri wischte sich Regen aus den Wimpern und beobachtete die ersten Bewerber. Einige versuchten einfache Manöver und scheiterten kläglich, sobald eine Windbö sie erwischte. Einer wurde fast in den Boden gedrückt, bevor Marcus ihm wortlos bedeutete, zu landen. Selbst die Fortgeschrittenen hatten Mühe. Khepri spürte: Heute zeigt niemand sein wahres Können. Nicht bei diesem Wetter. Und trotzdem war sie da. Trotzdem wollte sie es versuchen. Marcus hatte immer gesagt „Quidditch ist kein Wetterspiel. Es ist ein Willensspiel.“
Sie hatte Willen. Viel. Vielleicht zu viel.
Ein Bewerber taumelte beim Abstieg fast in sie hinein. Khepri wich aus, ihr Herz schlug höher. Sie sollte Angst haben. Aber sie hatte nur dieses nervöse, wilde Vibrieren in der Brust. „Khairy!“ Marcus’ Stimme. Kurz, scharf. Sie fuhr herum. „Du bist als Nächste dran.“
Ihr Mund wurde trocken. Der Wind riss an ihrem Umhang. Der Regen peitschte ihr wie kalte Finger ins Gesicht. „Alles klar“, brachte sie hervor. Ihre Stimme klang fester, als sie sich fühlte. Sie stieg auf den Besen.
Sobald ihre Füße den Boden verließen, setzte etwas in ihr ein. Ein altes Gefühl - uralt und vertraut. Sie verschmolz mit dem Griff, spürte das Holz, spürte die Schwingung der Magie, die jede Bewegung verstärkte. Ich kann das.
Sie stieß sich ab - und der Wind packte sie sofort, heftig, tückisch. Sie ließ ihn zu, beugte sich herunter, verlagerte ihr Gewicht, schnitt durch eine Bö wie durch ein wildes Tier. Die Luft brüllte um sie herum.
„Schnell“, hörte sie Marcus’ Stimme von unten. „Aber kontrolliert.“ Sie flog einen engen Bogen, nutzte den Wind statt gegen ihn anzukämpfen, ließ sich treiben, dann wieder tragen, dann wieder drücken. Zwei Bewerber hatten sich fast die Rippen gebrochen, weil sie versucht hatten, den Wind zu besiegen. Khepri ritt ihn.
Sie fühlte sich leicht. Lebendig. Richtig.
Als sie den ersten Quaffel zugeworfen bekam, fing sie ihn trotz Regen ohne Zögern, drehte sich im Flug und warf präzise, schnell, wunderschön. Der Quaffel rauschte durch den Ring. Ein Tor! Ein echtes, sauberes Tor im Sturm.
Khepri konnte nicht anders, ein kleines, aufbrechendes Lachen entwich ihr. Unten hörte sie die Jungen murmeln. Sogar Marcus sah kurz überrascht aus.
Dann kam die Bö. Eine unberechenbare, hinterhältige Windpeitsche, die aus dem Nichts auftauchte und sie seitlich traf, so schnell, dass sie nicht einmal Zeit hatte, zu fluchen. Ihr Besen kippte scharf nach rechts. Sie riss dagegen an, die Muskeln brannten, ihre Finger verkrampften sich. Sie fing sich fast.
Fast. Für eine halbe Sekunde war sie nicht ganz im Gleichgewicht - und genau diese halbe Sekunde brauchte der Klatscher.
Sie sah ihn im nächsten Augenblick - ein schwarzer Ball, schnell wie Hass. Khepri wollte ausweichen, aber ihre Orientierung war noch nicht zurück. Der Klatscher traf sie am Unterkiefer mit einem dumpfen, schneidenden Schmerz. Sterne explodierten vor ihren Augen. Die Welt kippte. Der Besen rutschte ihr unter den Händen weg.
Dann war da Luft. Nur Luft. Sie fiel.
Ein Schrei löste sich aus ihrer Kehle - nicht laut, eher ein ersticktes Geräusch - und sie wusste, dass sie in einer halben Sekunde den Boden treffen würde. Doch der Boden kam nicht. Stattdessen: Arme. Stark, fest, unfassbar warm trotz des Regens.
Marcus hatte sie abgefangen. Er war wie ein grüner Blitz übers Feld geschossen, hatte sie direkt über dem Boden eingefangen und glitt nun mit ihr in einer kontrollierten Kurve zum Rasen. Als ihre Füße den Boden berührten, hielt er sie immer noch.
Sein Atem war unregelmäßig. Sein Blick war scharf, fast zornig - aber nicht auf sie. Auf den Klatscher. Auf das Wetter. Auf die Welt. „Bist du verrückt?“ presste er heraus. „Ich-“ „Du hättest dir das Genick brechen können.“ Er checkte ihren Blick, ihren Kiefer, ihre Hände. Zu lange. Zu vorsichtig.
Khepri zog sich ruckartig aus seinem Griff. Der Schmerz in ihrem Kiefer brannte, aber schlimmer war das andere Gefühl: Scham. „Ich hätte es geschafft“, sagte sie heiser. „Ich hätte nur-“ „Nein.“ Marcus schüttelte den Kopf, regte sich einen Moment so sehr auf, dass seine Stimme fast brach. „Du hättest dich verletzt. Mehr als das.“ Sie ballte die Hände. „Sag’s einfach, Marcus.“ Er atmete hart. Dann sagte er es: „Nicht dieses Jahr.“
Stille lag in Khepris Herzen. Nur das Geräusch, wie es in sich zusammensank und das rauschende Blut in ihren Ohren.
„Du weißt, dass du Talent hast“, sagte Marcus leiser. „Mehr als die meisten hier. Aber ich brauche Spieler, die heute überleben würden. Nicht nur morgen.“
Khepri biss die Zähne zusammen, bereute es sofort wegen des Schmerzes und drehte sich weg. „Mach einfach weiter“, sagte sie. „Ich bin okay.“ Marcus sah sie noch einen Moment an, dann nahm er wieder Haltung an. „Nächster!“
Er war wieder Kapitän. Professionell. Unantastbar.
Khepri setzte sich an den Spielfeldrand, den Besen neben sich, den Kopf in den Händen. Ihr Kiefer pochte. Ihre Augen brannten, aber nicht wegen des Regens. Sie fühlte sich leer. Wütend. Verloren. Und verletzter, als sie zugeben wollte. Als Marcus kurz zu ihr blickte, tat er es so schnell weg, dass niemand es sah, niemand außer ihr jedenfalls. Sie sah es, und spürte, wie etwas in ihr vibrierte - etwas zwischen Hoffnung und Schmerz, wie eine Saite, die zu fest gespannt war.
Wind und Regen heulten erneut als stürmische Einheit über das Feld. Die Auswahl ging weiter. Ohne sie.

 

Der Regen hatte gerade so weit nachgelassen, dass man wieder unterscheiden konnte, wo der Himmel aufhörte und der Boden begann. Das Quidditchfeld lag grau und zornig vor ihnen, als hätte es selbst noch nicht verdaut, was es Khepri angetan hatte.
Khepri saß am Spielfeldrand, den Besen neben sich, eine Hand an den schmerzenden Kiefer gepresst. Ihr Herz schlug mit jedem Atemzug schmerzhaft gegen die Rippen, und ihr Kopf rauschte noch immer von dem Schlag und dem Beinahe-Fall.
Sie hörte die anderen Stimmen kaum. Den Wind kaum. Nur die Enttäuschung, die sich wie Kälte durch ihre Brust zog. Sie war so nah dran gewesen. Sie hörte Schritte durch den Matsch. Schwer und zögerlich. Marcus. Er blieb erst einen halben Meter hinter ihr stehen.
Wie jemand, der auf eine Erlaubnis wartete, die er nicht einzufordern wagte. „Khepri?“, sagte er leise. Sie antwortete nicht. Wenn sie sprach, würde ihre Stimme brechen, und das konnte sie nicht ertragen. Nicht vor ihm.
Nach einem Moment der Stille setzte er sich neben sie. Nicht zu nah, aber nah genug, dass sie seine Wärme spüren konnte. Es dauerte einige Sekunden, bis er sagte: „Darf ich… sehen?“ Er meinte ihren Kiefer. Sie wusste es. Und trotzdem erschrak sie innerlich bei der Sanftheit in seiner Stimme.
Khepri zögerte kurz, dann ließ sie die Hand sinken. Marcus drehte sich leicht zu ihr. Die Welt schien plötzlich stiller, als er vorsichtig mit zwei Fingern ihren Kiefer berührte. Seine Berührung war warm trotz des Regens, aber er blieb genauso sanft wie ein Heiler. „Tut das weh?“ „Ein bisschen“, flüsterte sie.
Seine Augen wurden schmal, besorgt. „Es hätte schlimmer sein können.“ „Ich weiß.“ „Du bist hart im Nehmen.“ „Ich weiß.“
Ihre Stimme war brüchig. Marcus senkte den Blick einen Moment - als wäre es ihm unangenehm, sie so zu sehen. Oder weil es ihn mehr traf, als er zeigen durfte. Dann bemerkte er ihre Hände, eiskalt vom Regen und zitternd.
Er runzelte die Stirn. „Gib mir mal deine Hand.“ „Wieso?“ „Khepri.“ Nur ihr Name. Kein Befehl, keine Drohung. Ein Angebot.
Langsam und ein bisschen widerwillig streckte sie ihm eine Hand hin. Ihre Finger waren klamm, steif, und fühlten sich fremd an. Marcus nahm ihre Hand in beide seiner Hände.
Die Geste war so unerwartet sanft, dass Khepri kurz die Luft anhielt. Er rieb mit dem Daumen über ihre Fingerknöchel - vorsichtig, langsamer als nötig, wie jemand, der so tut, als überprüfe er die Beweglichkeit, aber eigentlich nur Wärme zurückgeben will. Und dann tat er etwas, das Khepri komplett aus dem Gleichgewicht brachte.
Er hob ihre Hand leicht an seine Lippen. Nicht zum Kuss, nur um warm dagegen zu pusten.
Eine kleine, zarte Wolke Atem gegen ihre kalte Haut. Eine Berührung, die fast gar keine war, und gerade deshalb mehr bedeutete als alles andere.
Khepri starrte ihn an. Er tat so, als merke er es nicht. „Du kannst so nicht zurücklaufen“, murmelte er. „Du frierst ja.“ „Du musst das nicht-“ „Doch“, unterbrach er sie leise. „Muss ich.“ Er sah sie nicht an, während er sprach. Vielleicht weil er sonst nicht sprechen konnte. Nach einer Weile sagte er „Du hast mich halb umgebracht da oben.“
„Ich bin gefallen.“ „Ja.“ Sein Daumen strich unwillkürlich über ihren Knöchel. „Und ich war zu weit weg.“ Sie schluckte. „Du warst schnell genug.“
Seine Hände hielten ihre noch immer umschlossen - nicht weil er sie festhalten wollte, sondern weil er sie nicht loslassen konnte, ohne dass die Welt wieder kalt wurde. „Khepri…“ Er sagte ihren Namen so, als würde er ihn zum ersten Mal richtig aussprechen. „Du hättest dir das Genick brechen können.“ „Ich… wollte nur zeigen, was ich kann.“ „Ich weiß.“ „Ich war so nah dran, Marcus.“ „Ich weiß.“ „Und ich hab’s vermasselt.“
Er atmete durch, schwer. „Nein. Das Wetter hat dich vermasselt. Nicht du.“ Sie traf seinen Blick. Für einen Moment stand da nichts zwischen ihnen außer Wind und der Tatsache, dass er ihre Hand hielt, als würde er sie nicht verlieren wollen. Dann lockerte er den Griff, ganz langsam. Als wäre es schwer, ihre Finger wieder freizugeben. „Wir sollten zurück ins Schloss“, sagte er schließlich, rauer als vorher. „Ja.“ „Dein Kiefer muss gekühlt werden.“ „Ich weiß.“
Sie stand auf. Er auch. Für einen Augenblick standen sie sich gegenüber, atmeten denselben kalten Dunst. Marcus hob eine Hand, zögerte - und strich ihr dann eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht. Nur eine. Nur kurz.
Als hätte er sich selbst erschreckt, zog er die Hand sofort wieder zurück. „Das war mutig, was du getan hast.“ „Es war dumm.“ „Dumm ist manchmal mutig.“ Er senkte den Blick, trat einen Schritt zurück. „Wir reden später.“
Khepri nickte, obwohl sie nicht wusste, ob sie das überhaupt überleben würde. Dann drehte sie sich um und ging. Mit einem brennenden Kiefer. Und einer Hand, die sich noch immer warm anfühlte, obwohl der Regen längst alles hätte auslöschen müssen.

 

Der Slytherin-Gemeinschaftsraum war dunkelgrün getaucht, schimmernd vom Wasser des Schwarzen Sees, und dennoch fühlte er sich für Khepri an wie ein Raum voller kalter Luft. Die Mannschaft und die enttäuschten Bewerber strömten vor ihr hinein, durchnässt, erschöpft, wortlos. Khepri ging als Letzte, mit einem kalten Lappen an ihrem geschwollenen Kiefer, den Blick fest auf den Boden gerichtet. Keiner sprach sie an.
Sie verschwand kurz im Schlafsaal, um trockene Kleidung anzuziehen, und kam einige Minuten später zurück, die Haare zu einem nassen Zopf gefasst, die Schultern schwer von dem demotivierenden Morgen, den sie gerade hinter sich gebracht hatte.
Liliana hatte sich ein Sofa nah am Kamin geschnappt, die Beine unter sich geschlagen, eine grün-silberne Decke halb über die Knie gezogen. Als Khepri sich näherte, schob sie wortlos ein Stück Decke zur Seite. „Es ist viel zu kalt für Oktober,“ murmelte Liliana und streckte die Füße dem Feuer entgegen. „Was ist hier los? Versucht das Schloss, uns umzubringen?“
Khepri ließ sich neben sie sinken. Die Wärme traf sie wie eine sanfte Welle, löste aber nichts in ihr. Der Lappen auf ihrem Kiefer brannte inzwischen mehr, als er kühlte. „Alles gut“, sagte sie leise. „Das sagst du immer,“ bemerkte Liliana ebenso leise. „Meistens stimmt es dann nicht.“ Khepri nahm den Lappen ab und rieb vorsichtig über den pochenden Kiefer. „Ich war nah dran, Lil. Wirklich nah.“ „Ich weiß.“ „Und dann hat dieser verfluchte Klatscher…“ Sie brach ab. Es fühlte sich sinnlos an, das auszusprechen.
Liliana nickte mit einer Ruhe, die Khepri sonst nur selten bei ihr sah. „Sturmflüge sind unberechenbar. Du hättest sicher nichts anders machen können.“ „Ich hätte aufpassen können.“ „Du hättest dir auch das Genick brechen können.“ „Trotzdem… es war meine letzte Chance.“ „Ja.“ Liliana zog die Decke ein Stück mehr über Khepris Beine. „Und es tut weh. Lass es.“ Khepri sagte nichts. Sie starrte ins Feuer, als könnte sie dort eine Antwort finden. Das Schweigen zwischen ihnen war nicht unangenehm - nur schwer, wie ein Regentropfen, der nicht fällt. Liliana sprach als Erste weiter. „Ich mache mir Sorgen.“ „Mir geht’s gut.“ „Khepri.“ Die Art, wie Liliana ihren Namen sagte, war fest und warm zugleich. Khepri seufzte. „Ich bin enttäuscht. Und wütend. Und… peinlich berührt, glaube ich.“ „Du bist ehrgeizig“, korrigierte Liliana. „Und ehrgeizige Menschen fühlen Niederlagen dreimal so stark wie alle anderen.“ Khepri lächelte schwach. „Du bist viel zu klug.“ „Ich hatte gute Lehrer.“
Liliana stieß sie sanft mit der Schulter an. „Und eine chaotische Ewige-Fragen-Stellerin im Nachbarbett.“ Ein kleiner Funke Leichtigkeit kehrte zurück. Nur ein kleiner. Dann atmete Liliana ein. Langsam, schon fast zögerlich. „Kann ich dir etwas sagen?“
Khepri drehte den Kopf. „Immer.“ Liliana sah nicht sie an, sondern das Feuer, als wäre es leichter, dort die Worte zu finden. „Ich glaube… ich habe mich verknallt.“
Khepri blinzelte überrascht, aber ohne zu lächeln. „Oh?“ „In Evan Ward.“
Khepri nickte nur. „Hufflepuff, immer Dreck unter den Fingernägeln.“ „Genau der.“
Liliana schob die Hände ineinander. Khepri erkannte dieses Zeichen - es bedeutete, dass Liliana nicht sicher war, ob sie etwas sagen wollte. Oder ob sie es überhaupt durfte. „Es gibt… da noch etwas,“ flüsterte sie dann. Khepri wartete.
„Evan ist muggelstämmig.“ Ein kurzer Moment der Stille. Keine veränderte Miene bei Khepri. Nur ein leichtes Nicken. „Und?“ Liliana lachte leise - ein bitteres Lachen, nicht fröhlich. „Khepri… du kennst meine Eltern.“
Oh. Ja. Die Bletchleys. Kalt, streng, traditionsfixiert. Liliana hatte sich immer große Mühe gegeben, sich von den Ansichten ihrer Eltern nicht verblenden zu lassen, aber trotzdem…
„Sie würden es nicht gutheißen“, murmelte Liliana. „Nicht mal ansatzweise.“ „Würdest du es ihnen denn überhaupt sagen?“ Liliana schüttelte den Kopf, rote, lockige Haarsträhnen fielen ihr ins Gesicht. „Ich weiß es nicht. Vielleicht gibt es ja auch gar nichts zu sagen. Vielleicht… wird es nie etwas. Aber allein die Vorstellung, dass sie-“ Sie stockte. Die Worte schienen schwer, wie Steine. „-dass sie ihn verachten würden. Und mich… verachten würden, wenn ich mich für ihn entscheide.“ Leise. Ehrlich. Erwachsen.
Khepri legte eine Hand auf Lilianas Unterarm. Nicht tröstend. Einfach nur da. „Lil. Es geht nicht darum, was deine Eltern wollen.“ Liliana sah sie an, Augen ruhig und verletzlich zugleich - eine Mischung, die Khepri bisher selten in ihr gesehen hatte. „Worum dann?“
„Darum, ob du ihn gut findest. Ob er dich respektiert. Ob er dich sieht. Ob er dich glücklich macht.“ Die Worte hingen zwischen ihnen, und Liliana atmete langsam aus – als hätte sie etwas Unausgesprochenes endlich losgelassen. „Weißt du, was verrückt ist?“ fragte Liliana schließlich. „Was?“ „Ich glaube… er wäre der Erste, für den ich wirklich etwas riskieren würde.“ Khepris Brust wurde ganz weich vor Zuneigung. „Dann klingt es, als wäre es wichtig.“ Liliana nickte. Langsam. Vorsichtig. Fast erschrocken darüber, wie sehr sie Khepris Antwort gebraucht hatte.
Sie schwiegen wieder, beide ins Feuer blickend, das funkelte wie etwas, das man bewahren musste. Nach einer Weile sagte Khepri leise „Wir stehen beide gerade an einer Stelle, an der wir herausfinden müssen, was wir wollen.“ Liliana lächelte - klein, aber aufrichtig. „Vielleicht ist das dieses Jahr unser Thema.“ Khepri legte den Kopf gegen die Sofalehne. Liliana tat dasselbe. Zwei Freundinnen, zwei Herzen voller Fragen, und ein Kamin, der sie warmhielt, während draußen der Herbststurm tobte.

 

Der Gemeinschaftsraum leerte sich langsam, als die ersten Schüler zu später Stunde in ihre Schlafsäle verschwanden. Khepri saß noch immer am Kamin, den Lappen jetzt in der Hand statt am Kiefer, als sie Schritte hörte, die sie auch im Schlaf erkannt hätte. Shukran. Seine Schritte waren immer etwas schwerer als die aller anderen, etwas langsamer, als müsste er mit jeder Bewegung überlegen, ob sie sich lohnte. Er blieb neben ihr stehen. „Tut das weh?“ Khepri sah zu ihm hoch. „Nur wenn ich rede.“ „Dann rede doch nicht.“ „Unmöglich.“
Shukran verzog den Mund zu einem kleinen, amüsierten Hauch eines Lächelns. Er setzte sich neben sie, ohne zu fragen, wie Geschwister das eben tun. Ein wenig schief, die Hände ineinander verkrallt - ein Zeichen, dass er müde war. Oder dass er nachdachte. Wer ihn wohl hier rein gelassen hatte? Eigentlich fiel ihr da nur Liliana oder Marcus ein.
„Hab gehört, du hast den Sturm überlebt.“ „Habe ich. Frag den Klatscher.“ „Der Klatscher hat überlebt, du also auch.“ Sie stieß ihn mit der Schulter an. „Danke, Bruderherz.“ „Gern.“
Ein kurzer Moment Stille entstand, aber nicht der schwere Ton, der ihn im letzten Jahr beherrscht hatte - eher ein ruhiges, stilles Atemholen. Dann sagte Khepri wie aus dem Nichts „Sag mal… was hältst du von Evan Ward?“ Shukran blinzelte langsam. „Evan?“ „Ja.“
Seine Stirn zog sich in Falten. Er musterte sie kurz, als würde er versuchen, ein plötzlich aufgetauchtes Rätsel zu lösen. „Warum? Hast du Marcus so plötzlich abgeschrieben?“ „Was- Nein!“ Khepri kniff die Augen zusammen. „Es geht nicht um mich romantisch, okay?“
Shukran hob beide Hände in gespielter Verteidigung. „Na gut, ich frage ja nur. So wie du gerade geguckt hast…“ „Ich gucke immer so!“ „Ja. Genau deshalb frage ich ja.“ Sie rollte mit den Augen und seufzte. „Ich will einfach nur wissen, wie er so drauf ist. Schon komisch, theoretisch kenne ich ihn seit sechs jahren, aber wir hatten nie wirklich etwas miteinander zu tun.“
Shukran beobachtete sie für einen Moment, als würde er entscheiden, ob er die echte oder die geschwisterlich genehmigte Antwort geben sollte. Schließlich lehnte er sich etwas zurück. „Evan ist… wunderbar.“ Khepri hob eine Augenbraue. „Wow. Das war eindeutig.“
„Ich meine das ernst. Er ist einer der besten Menschen, die ich kenne.“ Shukran zupfte am Saum seines Ärmels, als würde er überlegen, wie viel er sagen durfte. „Er ist ehrlich“, begann er dann. „So richtig. Nicht dieses ‚Ich sage, was andere hören wollen‘-ehrlich, sondern die Art ehrlich, bei der du weißt, dass er es genau so meint.“ Khepri nickte langsam.
„Er ist praktisch ständig dreckig,“ fuhr Shukran fort, jetzt mit leiser Zuneigung in der Stimme. „Er hilft dauernd in den Gewächshäusern aus. Professor Sprout liebt ihn. Er hat immer Erde unter den Fingernägeln und riecht nach-“ Er überlegte. „Nach Blattwerk. Oder Regen.“
Khepri musste schmunzeln. Sie mochte die Art, wie Shukran über ihn sprach - ruhig, respektvoll, nicht übertrieben.
„Er ist aufmerksam“, sagte Shukran leise. „Einer dieser Menschen, die sehen, dass du traurig bist, bevor du es selbst weißt. Und er hat nie gefragt, ob ich reden will. Er sitzt einfach daneben, bis ich bereit bin.“ Khepris Brust wurde warm. „Du vertraust ihm?“ „Blind.“ Über diese Antwort hatte er nicht einmal nachgedacht. Sie kam ohne Zögern, ohne Vorsicht.
Es gab nicht viele Menschen, über die Shukran sowas sagte. Zwei, vielleicht drei.
Khepri atmete aus. „Gut.“ „Warum fragst du überhaupt?“ Khepri kniff die Lippen zusammen. „Einfach so.“
Shukran sah sie lange an. Sie wusste genau, dass er jetzt schon ahnte, warum, und dass er morgen darauf kommen würde. Oder heute Abend. Oder in fünf Minuten. Aber er drängte sie nicht zu einer Antwort, das tat er nie.
„Sag Liliana einen Gruß von mir“, murmelte er nur. Sie starrte ihn an. „Was?“ „Du bist eine schlechte Schauspielerin.“ „Nein, bin ich nicht!“ „Doch.“ „Nein!“ „Khepri… du hattest eben diesen fragenden Blick, den du immer hast, wenn es um jemanden geht, der jemand anderem gefällt.“  Er grinste leicht. „Ich finde es gut, dass sie jemanden mag.“
Khepri schnaubte. „Es ging gar nicht um-“ „Mhm.“ Er stand auf. „Ich sag ja nur.“
Sie warf ihm den Lappen an den Kopf. Shukran fing ihn mühelos und legte ihn ihr wieder in die Hand. „Du bist unmöglich.“ „Wissen wir beide.“
Die beiden lächelten fast gleichzeitig, weich und vertraut. Ein Moment verstrich, bevor Shukrans Blick ernster wurde. Nicht schwer. Nur ehrlich. „Ich wünschte…“, begann er, „wir hätten die Spiegel repariert bekommen.“ Khepris Brust zog sich zusammen. „Ich weiß.“
„Es wäre alles so einfach gewesen.“ Er setzte sich wieder, aber diesmal auf den Tischrand gegenüber, als würde er nicht weglaufen wollen. „Ich hätte sie einfach sehen können. Mit ihr reden. Nur kurz. Dann wäre…“ Er brach ab. Atmete durch. Khepri schob ihre Hand zu ihm hinüber und legte sie auf seine.
„Es tut mir so leid. Wir haben beide getan, was möglich war, da bin ich mir sicher. Wirklich.“ „Manchmal fühlt es sich nicht so an.“ „Dann fühl ich das für dich mit.“ Shukran lachte leise, traurig und warm zugleich. „Das tust du sowieso die ganze Zeit.“
Khepri lächelte. „Das nennt man Familie.“ „Das nennt man Khepri.“ Sie drückten sich die Hände - kurz, aber fest.

 

Der Regen hatte endlich aufgehört, aber die Kälte hing noch immer im Gemäuer. Khepri wanderte - ohne rechten Plan - durch die Flure. Ihre Finger berührten flüchtig den abgekühlten Kiefer, der noch immer schmerzte, dann das Amulett unter ihrem Pulli. Das Metall war ruhig. Zu ruhig.
Sie wollte nicht in den Gemeinschaftsraum zurück. Nicht schon wieder erklären müssen, dass es ihr gut ging, während die Wahrheit sich wie ein glatter Stein hinter ihren Rippen drehte. Stattdessen blieb sie vor einer Tür stehen, die sie eigentlich erst morgen gebraucht hätte: Das Alte Runen Klassenzimmer, Professor Babblings Reich.
Die Tür war nicht verschlossen - sie war es selten, auch wenn der Raum nicht benutzt wurde. Khepri schob sie leise auf.
Der Raum war schwach erleuchtet, nur zwei Kerzen brannten in Wandhaltern und warfen lange Schatten über die Regale. Es roch nach Staub, altem Pergament und etwas… Metallischem. Einem Geruch, der nie von Zinn oder Bronze stammen konnte. Eher von etwas, das jahrhundertelang unter Sand gelegen hatte. Khepri trat ein.
Die Regale wirkten heute höher als sonst, fremd verzogen, und in der tiefen Stille glaubte sie für einen Moment, ein Flüstern zu hören - zu leise, um es zu verstehen, zu deutlich, um es zu ignorieren. Sie ging bis zu einem der alten, schweren Pulte, auf denen einige Bücher lagen, die Babbling gerade sortierte. Ihre Hand schwebte über den Büchern, bis sie ein schmales, breites Kompendium berührte: „Vergessene Schriftsysteme des frühen Altertums - Band II“. Sie klappte es auf.
Die Seiten rochen nach Sand und Wärme, obwohl sie seit Jahrzehnten im kalten Hogwarts standen. Khepri blätterte gedankenverloren, bis eine einzelne Seite sich wie von selbst löste und halb herausglitt. Sie hielt inne.
Das Pergament, das sie aufhob, war älter als der Rest. Dünner. Beinahe durchsichtig. Darauf abgebildet war eine Rune, aber keine, die sie in britischer Runenkunde je gesehen hatte. Kein kantiges Zeichen, kein nordisches Fragment, sondern etwas fundes, fließendes. Wie ein Atemzug in Symbolform. Khepris Herz stockte ganz kurz. Sie kannte diese Linie.
Langsam zog sie das Amulett unter ihrem Pulli hervor. Sie nicht einmal danach suchen - ihr Blick glitt direkt zu dem schmalen, kaum sichtbaren Zeichen am Rand des Obsidianbruchs. Das gleiche Symbol, nur feiner eingraviert.
Khepris Atem ging schneller. Ein Luftzug huschte durch den Raum, obwohl kein Fenster offenstand. Die Kerzen flackerten, als würden sie jemanden begrüßen. Unter der Rune im Buch stand eine Übersetzung, so zaghaft und unvollständig, als hätte sich die Übersetzerin selbst nicht getraut, mehr zu schreiben:
Saḥ – die Stimme, die bindet.
Hekau-Fragment.
Warnung: nicht vollständig entziffert.

Khepris Rücken prickelte. Ein kalter Schauer, der aber nicht von Angst kam, sondern von Erkennen. Sie strich mit dem Finger über die Seite. Das Pergament vibrierte minimal, als würde es ihren Puls messen. Etwas antwortete. Ein kaum hörbarer Lau - kein Wort, eher ein Sog, ein Ziehen - entstand tief in ihrem Ohr, als würde jemand hinter ihr stehen und etwas sagen, ganz nah, nur für sie. Sie fuhr herum. Niemand. Nichts. Nur Schatten und zwei wachende Kerzen.
Doch das Amulett wurde plötzlich warm. Khepri flüsterte: „Was… meinst du?“ Doch der Raum antwortete nicht.

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