Kapitel 21 - an der Schwelle

Veröffentlicht am 28. Februar 2026 um 13:50

Die Luft wurde wärmer je weiter das Schuljahr seinem Ende entgegenschritt, das Licht klarer, und irgendwo zwischen den alten Mauern von Hogwarts hing bereits dieser flirrende Geruch von Abschied. Schüler saßen in Gruppen auf dem Rasen, Pergamente über die Knie gebreitet, halb lernend, halb träumend.
Khepri war eine von ihnen, saß am Rand des Sees, ein Stapel Notizen ordentlich neben sich aufgeschichtet. Alte Runen. Verteidigung. Zaubertränke. Ihre Handschrift war sauber, konzentriert, fast pedantisch. Sie funktionierte.
Wenn man sie ansah, wirkte alles normal. Ihr Blick war klar, ihre Bewegungen ruhig. Sie stellte Fragen im Unterricht. Sie beantwortete welche. Sie diskutierte mit Percy über mögliche Prüfungsformulierungen, als ginge es um nichts weiter als Syntax und Struktur.
Niemand hätte vermutet, dass sie seit zwei Tagen denselben Namen in ihrem Kopf trug wie einen Splitter unter der Haut. Sie dachte ihn nicht laut. Sie schrieb ihn nicht auf. Sie ließ ihn einfach dort, wo er war – hinter ihren Augen, zwischen Atemzügen, in dem schmalen Raum zwischen Herzschlag und Vernunft.
„Du lernst zu viel.“ Percy ließ sich neben sie ins Gras fallen, die Robe etwas zu ordentlich für diese Haltung. Er schob sich die Brille höher und musterte ihren Stapel Pergamente. „Du hast das alles schon einmal durchgearbeitet.“ „Wiederholung schadet nicht“, sagte Khepri ruhig.
„Doch“, entgegnete er trocken. „Sie führt zu Überanstrengung. Und Überanstrengung führt zu Fehlern.“ Sie sah ihn an. „Ich mache keine Fehler.“ Percy hielt ihrem Blick einen Moment stand. Dann zog sich eine kleine Falte zwischen seine Brauen. „Das klang nicht wie eine akademische Aussage.“ „War es auch nicht.“
Ein Windstoß kräuselte die Oberfläche des Sees. In der Ferne hörte man Lachen – Erstklässler, die Steine warfen und sich über jeden Platscher freuten, als wäre er eine Entdeckung. „Alles in Ordnung?“, fragte Percy schließlich. Khepri nickte sofort. „Natürlich.“
Er sagte nichts weiter. Percy war klug genug, Druck nicht zu erhöhen, wenn er Widerstand spürte. Stattdessen griff er nach ihren Runen-Notizen. „Du hast hier bei KA einen Zusatz eingefügt.“ „Ja.“ „‘Stabilisierung durch bewusste Akzeptanz statt Kontrolle.’“ Er hob den Blick. „Das ist neu.“ Khepri zuckte mit den Schultern. „Nur eine Präzisierung.“
Akzeptanz statt Kontrolle. Sie zwang ihre Gedanken, bei der Rune zu bleiben. Nicht bei dem Mann, der angeblich charismatisch gewesen war. Nicht bei der Vorstellung eines Jungen, der vielleicht gelacht hatte wie sie. Nicht bei der Möglichkeit, dass sie einem Namen ähnelte, den sie nie tragen würde.
„Du bist müde“, sagte Percy. „Ich lerne.“ „Nein“, erwiderte er leise. „Du hältst irgendetwas viel zu fest.“ Für einen Moment trafen sich ihre Blicke wieder. Und diesmal wich sie nicht aus. Sie lächelte sogar – klein, kontrolliert.
„Ich halte meine Nerven fest“, sagte sie. „Die Prüfungen sind in einer Woche.“ Percy ließ es gelten, oder tat zumindest so.
Sie lernten noch eine Weile schweigend. Pergament raschelte, eine Eule zog über ihnen ihre Bahn, das Schloss warf lange Schatten über das Wasser. Irgendwann schloss Khepri ihr Heft. „Ich gehe noch eine Runde laufen“, sagte sie. „Du hasst Laufen.“ „Nicht heute.“ Sie stand auf, klopfte sich Gras von der Robe und ging den Pfad entlang, ohne sich umzusehen. Nicht Richtung Schloss. Nicht Richtung Hogsmeade. Einfach weiter, bis der Lärm hinter ihr verblasste.
Erst als sie außer Sichtweite war, blieb sie stehen. Sie atmete ein. Langsam. Aus. Rabastan Lestrange. Sie wartete auf Wut. Auf Ekel. Auf Abscheu. Stattdessen kam etwas anderes: Neugier. Und das erschreckte sie mehr als alles andere.

 

Das Training war längst vorbei, aber Marcus war noch auf dem Feld, einen Quaffel lässig in der Hand, während er mit Adrian über irgendeinen Spielzug diskutierte, als ginge es um das Finale der Weltmeisterschaft und nicht um ein internes Abschlussspiel. Khepri saß auf der untersten Stufe der Tribüne, die Beine ausgestreckt, ein Buch neben sich, das sie seit zehn Minuten nicht mehr gelesen hatte. Marcus sah sie, grinste sofort und ließ den Quaffel zu Boden fallen.
„Ich komme wieder!“, rief er über die Schulter – als würde jemand ernsthaft daran zweifeln. Er joggte zu ihr herüber und blieb direkt vor ihr stehen. „Du siehst aus, als würdest du Alte Runen verfluchen.“ „Ich verfluche sie niemals“, sagte sie ruhig. „Ich freue mich.“ Er setzte sich neben sie, lehnte sich mit den Händen hinter sich ins Gras. „Du freust dich?“ „Natürlich. Die praktische Runenprüfung ist das Einzige, wo ich offiziell kreativ sein darf.“ „Merlin bewahre uns.“
Sie stieß ihn mit dem Knie leicht an. „Ich darf eine eigene Stabilisationsrune entwickeln.“ „Wird sie explodieren?“ „Nur vielleicht.“ Er grinste. „Ich mag dieses ‚vielleicht‘ an dir.“ Ein warmer Wind strich über das Feld. Irgendwo klapperte ein Torpfosten. „Worauf freust du dich?“, fragte sie. Marcus dachte keine Sekunde nach. „Verteidigung.“ „Überraschung.“ „Hey.“ Er sah sie gespielt empört an. „Ich darf doch Spaß haben.“ „Du nennst simulierte Angriffe ‚Spaß‘.“ „Natürlich. Endlich mal etwas, bei dem man sich bewegen darf.“ „Du darfst dich auch bei Zaubertränken bewegen.“ „Ja, aber Snape findet das weniger beeindruckend.“ Sie lachte leise, während Marcus sich ein Stück nach hinten ins Gras fallen ließ. „Weißt du, worauf ich mich eigentlich am meisten freue?“ „Hm?“ „Sommer.“ „Das ist keine Prüfung.“ „Nein.“ Er drehte den Kopf zu ihr. „Aber danach.“ Sie hob eine Braue. „Und was genau planst du?“ „Erstmal zwei Wochen nichts.“ Er zählte an den Fingern ab. „Kein Stundenplan. Kein Training um sechs Uhr morgens. Kein Pucey, der so tut, als wäre er mein Gewissen.“ „Du brauchst ein Gewissen.“ „Ich habe dich.“ Sie sah ihn an. „Das ist gewagt.“ „Ich mag Risiko.“ Sie rollte mit den Augen, aber ihr Mundwinkel zuckte.
„Und dann?“, fragte sie. „Dann komme ich dich besuchen.“ „Im Sandkasten meiner Familie?“ „Genau dort.“ „Du weißt, dass meine Uroma dich durchleuchten wird.“ „Ich habe nichts zu verbergen.“ „Das sagen alle.“ Er grinste. „Gut, dann habe ich zumindest Stil.“ Ein paar Sekunden lang schwiegen sie, aber es war ein angenehmes Schweigen.
„Ich will das Meer sehen“, sagte er plötzlich. „Das Meer?“ „Ja. Einfach stehen bleiben und nichts tun. Vielleicht schwimmen. Vielleicht auch nicht.“ „Du kannst schwimmen?“ „Khairy.“ Er setzte sich auf. „Ich kann fliegen. Natürlich kann ich schwimmen.“ „Das ist keine logische Ableitung.“ „Für mich schon.“
Sie lachte wieder. Und dieses Lachen war nicht gezwungen. Es war nicht kontrolliert. Es war einfach da. Marcus beugte sich ein Stück näher. „Und du?“, fragte er leiser. „Was willst du nach den Prüfungen? Nicht langfristig. Einfach… direkt danach.“
Sie dachte einen Moment nach. Und merkte, wie gut sich diese Frage anfühlte. „Schlafen“, sagte sie schließlich. „Und dann vielleicht etwas schreiben, das nichts mit Schule zu tun hat.“ „Über Runen?“ „Vielleicht.“ „Über mich?“ „Sicher nicht.“ „Feigling.“ „Egoist.“
Er grinste, beugte sich vor und küsste sie – nicht stürmisch, nicht dramatisch. Einfach selbstverständlich. Als wäre es das Natürlichste der Welt, hier im Gras zu sitzen und sich zwischen Prüfungsstress und Zukunftsplänen zu küssen. Als er sich wieder löste, musterte er sie kurz. „Du wirkst müde“, sagte er sanft. „Ich lerne.“ „Ich weiß.“
Er sagte es ohne Unterton, nur als Feststellung. Aber Khepris Müdigkeit war nichts, was er sich einfach wegwünschen konnte.

 

Liliana saß kerzengerade auf ihrem Lieblingssofa im Gemeinschaftsraum, ein Stapel sauber sortierter Lernkarten vor sich. Ihre Haare waren heute nicht locker fallend, sondern streng zurückgebunden. Ein sicheres Zeichen. „Die Wahrscheinlichkeit, dass sie die dritte Runenvariation der altägyptischen Schutzsequenzen abfragen, liegt bei mindestens vierzig Prozent“, murmelte sie. Khepri sah von ihrem eigenen Pergament auf. „Vierzig?“ „Wenn man die letzten fünf Jahrgänge statistisch auswertet.“ „Du hast die letzten fünf Jahrgänge statistisch ausgewertet?“ „Natürlich.“
Evan saß ihr gegenüber auf dem Boden, die Beine ausgestreckt, und blätterte entspannt durch ein Buch. „Ich habe beschlossen, mich überraschen zu lassen.“ Liliana sah ihn an, als hätte er gerade vorgeschlagen, ohne Zauberstab in ein Duell zu gehen. „Überraschung ist kein Lernkonzept.“ „Doch“, sagte er ruhig. „Es heißt Vertrauen.“ „Vertrauen ist für Menschen mit weniger Ehrgeiz.“ „Oder für Menschen mit weniger Angst.“ Das traf. Liliana presste die Lippen zusammen, ein beinahe unmerkliches Beben unterdrückend.
Khepri beobachtete sie einen Moment. Ihre Freundin war perfekt vorbereitet. Ihre Notizen waren farblich sortiert. Ihre Zusammenfassungen besser formuliert als die Lehrbücher. Und trotzdem zitterten ihre Hände ganz leicht. „Lily“, sagte Khepri sanft. „Ich bin ruhig!“ gab Liliana zurück, offensichtlich überhaupt nicht ruhig.
„Du rezitierst Wahrscheinlichkeiten.“ „Das ist rational.“ „Du atmest nicht.“ Liliana hielt inne. Blinzelte. Atmete einmal tief ein – viel zu bewusst. „Ich darf nicht patzen“, sagte sie leise. Nicht hysterisch. Nur ehrlich. „Nicht jetzt. Nicht im letzten Jahr.“ Evan legte sein Buch zur Seite. „Du gehörst seit fünf Jahren zu den Jahrgangsbesten.“ Sie teilte sich öfter als für ihre Freundschaft gut den ersten Platz mit Percy.
„Und?“ Ihre Stimme war schärfer als beabsichtigt. „Das heißt nicht, dass das so bleiben wird." „Es heißt aber, dass du nicht plötzlich alles vergessen hast.“
Liliana sah kurz zu Khepri. „Und du?“, fragte sie. „Du sitzt da, als würdest du auf einen Spaziergang warten.“ Khepri zuckte mit den Schultern. „Ich mag Prüfungen.“ „Natürlich tust du das.“ „Es ist eine klare Struktur. Eine Frage. Eine Antwort.“ Liliana musterte sie. „Du bist unheimlich.“ „Ich weiß.“ Evan grinste.
Ein paar Tische weiter ließ jemand ein Buch fallen. Ein Fluch, ein nervöses Lachen.
Liliana stand abrupt auf und begann im Raum auf und ab zu gehen. „Was, wenn sie etwas Ungewöhnliches einbauen? Eine Kontextfrage? Eine politische Einordnung?“ „Dann beantwortest du sie“, sagte Khepri ruhig. „Und wenn ich sie falsch einordne?“ „Dann ist es eine Interpretation.“ „Es gibt richtige und falsche Interpretationen.“ „Nicht immer.“
Liliana blieb stehen. „Das sagst du nur, weil du in allem ein Konzept siehst.“ Khepri lächelte leicht. „Vielleicht.“ Für einen Moment wurde es still zwischen ihnen. „Wovor hast du Angst?“, fragte Khepri schließlich. Liliana zögerte. Nicht vor der Prüfung. Vor dem, was danach kommt.
„Dass ich alles richtig mache“, sagte sie leise. „Und trotzdem nicht weiß, was ich danach will.“ Das war eine ehrlicher Aussage als alle davor.
Evan sah sie lange an. „Dann mach erst einmal alles richtig“, sagte er ruhig. „Und danach sehen wir weiter.“ „Wir?“, fragte sie automatisch. Er nickte. „Wenn du willst.“
Liliana sah ihn an – und für einen Moment war die Perfektion weg. Nur ein Mädchen, das nicht scheitern wollte. Weder in der Schule noch im Leben. Khepri lehnte sich zurück.
Sie verstand diese Angst. Aber sie fühlte sie nicht, nicht in diesem Moment. Ihre aktuelle Angst war größer - und unsichtbar.
„Du wirst glänzen“, sagte sie ruhig zu Liliana. „Wie immer.“ Liliana atmete aus. „Und du?“ „Ich werde bestehen.“ Evan grinste. „Bescheiden wie eh und je.“ „Ich arbeite daran“, sagte Khepri trocken.
Draußen schlug die Turmuhr. Noch zwei Tage. Liliana setzte sich wieder, strich ihre Karten glatt. „Okay“, sagte sie, ein bisschen gefasster. „Noch einmal die Schutzsequenzen.“ Khepri nahm ihr Pergament wieder auf.
Und während Liliana begann, die Runen aufzuzählen, dachte Khepri nicht an Wahrscheinlichkeiten. Sondern an einen Namen, der in keiner Prüfung abgefragt werden würde - und doch alles veränderte.

 

Der Große Saal war kaum wiederzuerkennen.
Die vier Haustische waren verschwunden. Stattdessen standen in langen, exakten Reihen Einzeltische, jeder mit exakt demselben Abstand zum nächsten, als hätte jemand mit einem Lineal über den Steinboden gemessen. Auf jedem Tisch lagen ein Pergamentbogen, ein frischer Tintenbehälter und eine unbenutzte Feder.
Die Fenster standen offen. Frühsommerluft wehte herein, warm und beinahe freundlich. Ein Kontrast zu der Stille, die im Raum lag. Khepri setzte sich auf ihren Platz, strich die Robe glatt und legte die Hände nebeneinander auf den Tisch. Sie liebte diesen Moment.
Nicht die Prüfung selbst, auch wenn sie Prüfungen mochte Es war der Anfang, den sie einfach liebte. Wenn noch alles möglich war.
Links von ihr saß ein Ravenclaw-Junge, der bereits aussah, als hätte er drei Tage nicht geschlafen. Zwei Reihen weiter vorne erkannte sie Lilianas roten Haarknoten – perfekt gebunden, kein einziges Härchen außer Kontrolle. Ganz hinten, nahe der Fenster, lehnte Marcus sich lässig zurück, als wäre das hier eine Vorführung und nicht die schriftliche Verteidigung-gegen-die-dunklen-Künste-Abschlussprüfung. Professor McGonagall trat vor die Reihen. „Sie haben drei Stunden“, sagte sie ruhig. „Lesen Sie jede Aufgabe sorgfältig. Und beginnen Sie erst, wenn ich es erlaube.“ Pergamente wurden umgedreht. „Sie dürfen beginnen.“
Ein leises, kollektives Rascheln erfüllte den Saal. Khepri las die erste Frage: Theoretische Analyse eines Schutzzaubers bei mehrfacher Belastung durch gegensätzliche Flüche. Sie lächelte kaum merklich. Natürlich.
Ihre Feder setzte sich in Bewegung. Saubere Linien, strukturierte Argumentation, keine Hast. Sie schrieb nicht schnell. Sie schrieb präzise. Zweite Frage: Kontextualisierung eines verbotenen Zaubers im historischen Rahmen.
Interessant. Sie dachte an die Scripta Memoria. An verbotene Magie, die nicht per se böse war – nur missverstanden. Ihre Gedanken flossen klar, logisch, beinahe elegant. Einige Tische weiter ließ jemand hörbar die Luft aus. Jemand anderes kratzte hektisch.
Khepri spürte nichts davon. Sie war ruhig - zu ruhig, vielleicht. Als sie zur letzten Aufgabe kam, blieb ihre Feder einen Moment in der Luft stehen. Ethische Bewertung der Anwendung dunkler Magie bei persönlichen Bindungen.
Das war… neu. Nicht schwierig - aber neu. Sie las die Formulierung zweimal. Persönliche Bindungen. Ein kaum wahrnehmbarer Druck entstand hinter ihrer Stirn. Kein Schmerz. Nur… ein schwerwiegendes Gewicht.’
Sie zwang sich, sachlich zu bleiben. Magie sei nicht ausschließlich durch ihre Kategorie zu bewerten, schrieb sie, sondern durch Intention, Kontext und Konsequenz. Eine Handlung könne sowohl moralisch motiviert als auch objektiv verwerflich sein. Bindung allein rechtfertige nichts – erkläre jedoch viel. Ihre Feder stockte. Erkläre jedoch viel. Sie atmete einmal bewusst ein. Nicht hier. Nicht jetzt. Sie schrieb weiter. Korrigierte einen Satz. Präzisierte eine Formulierung. Gab keine persönliche Meinung preis. Nur Analyse.
Drei Stunden vergingen schneller, als es schien. Als McGonagall das Ende verkündete, legte Khepri ihre Feder ab, ohne Erleichterung. Ohne Triumph. Nur mit einem klaren Gefühl: Sie hatte nichts übersehen.
Draußen auf den Stufen des Schlosses war es sofort lauter. „Frage drei war unfair!“  „Was sollte diese ethische Bewertung?“ „Ich hab das mit dem Mehrfachfluch komplett anders begründet!“
Liliana trat aus der großen Tür, bleich, aber aufrecht. „Die dritte Frage war manipulativ formuliert“, sagte sie ohne Begrüßung. „War sie nicht“, sagte Khepri ruhig. „Doch.“ „Nein.“ Evan kam hinter ihnen her. „Ich fand sie gut.“ Liliana starrte ihn an. „Natürlich fandest du sie gut.“ Marcus tauchte schließlich neben Khepri auf, schob sich die Ärmel hoch. „War okay“, sagte er. „Nur okay?“, fragte sie. „Ja.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich mochte die Szenariofrage.“ „Du magst alles, was sich nach Bewegung anfühlt.“ „Richtig.“ Er beugte sich leicht zu ihr. „Und?“
„Sauber“, sagte sie. Er grinste. „Natürlich.“
Die Sonne lag warm auf den Stufen, Schüler zerstreuten sich, redeten, lachten, analysierten jedes Wort der Aufgabenstellung, als könnten sie damit noch etwas ändern. Khepri lehnte sich gegen die Steinwand und schloss kurz die Augen. Eine Prüfung weniger. Noch mehrere vor ihr. Und keine davon würde sie auf das vorbereiten, was sie wirklich vorhatte.

 

Drei Tage später war der Große Saal erneut umgebaut.
Zaubertränke und Verwandlung lagen hinter ihnen – zwei Tage aus Dampf, konzentrierten Stirnfalten und vereinzelten Explosionen, die Professor Snape nur mit einem eisigen Blick quittiert hatte. Khepri hatte beides solide hinter sich gebracht. Keine Glanzleistung in Verwandlung, aber präzise genug. In Zaubertränke… zum Glück besser als erwartet.
Heute hatte sie die kombinierte schriftliche und praktische Prüfung in Alte Runen vor sich.
Die Tische waren diesmal nicht in Reihen aufgestellt, sondern in halbkreisförmigen Anordnungen. Vor jedem Platz lag kein Pergament, sondern eine Steinplatte – glatt geschliffen, handtellergroß – daneben ein feiner Griffel und ein versiegelter Umschlag.
Khepris Puls schlug schneller.
Professor Babbling stand am Rand des Saals, ungewöhnlich ernst. „Diese Prüfung besteht aus zwei Teilen“, erklärte sie. „Analyse und Anwendung. Sie öffnen zunächst den Umschlag und bearbeiten die theoretischen Fragen. Danach erhalten Sie eine einzelne Runenkombination, die Sie auf der Steinplatte umsetzen und in ihrer Wirkung erläutern.“
Ein leises Murmeln ging durch den Raum. Khepri setzte sich, glättete ihre Robe und legte die Fingerspitzen auf die kalte Oberfläche der Steinplatte. Sie fühlte sich wach an. Als würde sie mehr sein als nur Material. „Sie dürfen beginnen.“
Sie öffnete den Umschlag. Teil eins war vertraut: historische Einordnung, Vergleich zweier Schutzsequenzen, Ableitung einer Bedeutungsverschiebung in der altägyptischen Symbolik. Sauber. Lösbar. Präzise.
Sie schrieb ruhig, klar strukturiert. Ihre Argumente bauten aufeinander auf wie Steine einer stabilen Mauer. Ein paar Plätze weiter saß Shukran, den Kopf leicht geneigt, völlig konzentriert. Seine Feder bewegte sich gleichmäßig, ohne Hast. Kein Stress. Nur Fokus.
Liliana hingegen blätterte eine Seite zu schnell um, hielt inne, blätterte zurück. Ihr Rücken war kerzengerade. Khepri beendete den Theorieteil mit einem letzten, sauberen Absatz und legte die Feder ab.
Dann kam Teil zwei. Professor Babbling ging durch die Reihen und legte jedem Schüler eine kleine, beschriftete Karte neben die Steinplatte. Khepri drehte ihre um. ᚲ – ᚨ – ᚱ
Sie kannte die Zeichen. Natürlich kannte sie sie. Aber es war nicht nur eine reine Übersetzung. Die Kombination verlangte mehr. Bedeutung im Zusammenhang. Beziehung zwischen den Elementen. Bindung. Fluss. Übergang. Ihr Atem wurde ruhiger. Sie setzte den Griffel an und begann, die Runen in die Steinplatte zu ritzen – langsam, bewusst, nicht nur mechanisch. Jede Linie war eine Entscheidung.
Während sie arbeitete, dachte sie an Stabilität. Sie dachte an das KA-Armband, das sie verzaubert hatte. An Spiegel, die funktionierten, weil Vertrauen sie trug. An Bindungen, die nicht kontrollierten, sondern hielten. Als sie die letzte Linie zog, spürte sie es. Ein leises, warmes Vibrieren unter ihren Fingern. Die Runen reagierten. Nicht sichtbar. Nicht spektakulär. Aber sie waren nicht tot.
Khepri hob langsam den Blick. Sie wusste, dass sie nichts „aktivieren“ sollte – das war nicht Teil der Aufgabe. Aber sie verstand jetzt etwas, das nicht auf dem Pergament stand:
Runen waren kein Code. Sie waren Beziehung.
Sie schrieb ihre Erläuterung darunter: Diese Kombination beschreibt keinen Zustand, sondern einen Prozess. Bindung ist nicht statisch; sie erfordert Bewegung und bewusste Entscheidung. Die Rune ist daher weniger als Schutz zu verstehen, sondern als Verpflichtung.“
Sie hielt kurz inne. Verpflichtung. Das Wort fühlte sich schwerer an, als es sollte. Als die Zeit endete, legte sie den Griffel ab. Professor Babbling ging durch die Reihen, betrachtete die Steinplatten, nickte hier, verzog dort kaum merklich die Lippen. Als sie bei Khepri stehen blieb, hielt sie einen Moment länger inne. „Interessante Interpretation“, sagte sie leise.
Khepri hob den Blick. „Danke, Professor.“ „Sie sehen Runen nicht als starre Systeme.“ „Nein.“
Ein kaum sichtbares Lächeln glitt über Babblings Gesicht. „Gut.“

Draußen war der Himmel hell, fast sommerlich. Die Schüler strömten hinaus. „Wie war’s?“, fragte Shukran, als er neben Khepri trat. „Gut“, sagte sie. „Bindung und Übergang?“, fragte er beiläufig. Sie blinzelte. „Wie kommst du darauf?“ Er grinste. „Du hattest den Blick.“ „Welchen Blick?“ „Den Ich-habe-etwas-verstanden-Blick.“ Sie stieß ihm leicht gegen die Schulter. „Und du?“ „Sauber“, sagte er – fast genau wie sie es drei Tage zuvor formuliert hatte.
Sie musterte ihn. Er war entspannt. Klar. In sich ruhend. Und für einen flüchtigen Moment spürte sie diesen scharfen Kontrast: Er stand vor seiner Zukunft. Sie stand vor ihrer Vergangenheit.
„Noch zwei Prüfungen“, sagte er. „Noch zwei“, bestätigte sie. Und während sie gemeinsam die Treppen hinabgingen, war für einen kurzen, kostbaren Moment alles einfach nur das:
Zwei Geschwister kurz vor dem Abschluss.

 

Der Morgen der Ergebnisaushänge kam mit blendendem Sonnenschein, als hätte die Sonne beschlossen, sich über alle Nervosität lustig zu machen.
Schon beim Frühstück war es lauter als sonst. Niemand aß wirklich. Selbst Marcus starrte ungewöhnlich lange auf seinen Teller, bevor er ihn beiseiteschob. „Wann hängen sie aus?“, fragte jemand vom Gryffindor-Tisch. „Nach dem Mittag“, kam die Antwort.
Natürlich. Genug Zeit, damit alle halb wahnsinnig wurden. Khepri war erstaunlich ruhig. Nicht sorglos – nur geordnet. Sie wusste, was sie abgegeben hatte. Sie wusste, wo sie sauber gearbeitet hatte. Und wo sie improvisiert hatte.
Neben ihr trommelte Liliana mit zwei Fingern auf den Tisch. Trommel. Pause. Trommel.
„Du machst mich nervös“, murmelte Marcus. „Gut“, sagte sie knapp.
Shukran hinter Khepri am Hufflepuff-Tisch sah entspannt aus. Fast heiter. Er hatte die Ärmel hochgekrempelt, als stünde ihm ein normaler Unterrichtstag bevor. „Es ist nur Papier“, sagte er ruhig. „Es ist nicht nur Papier“, zischte Liliana ihn über Khepris Kopf hinweg an. „Doch. Papier mit Buchstaben drauf.“ „Mit Konsequenzen!“
Khepri sah zu ihrem Bruder. „Und du bist sicher?“ Er grinste leicht. „Ich weiß, was ich kann.“
Marcus sagte nichts. Er wirkte nicht ängstlich. Nur… stiller als sonst.
Nach dem Mittagessen bewegte sich die gesamte siebte Jahrgangsstufe wie eine einzige, gespannte Masse in Richtung der Eingangshalle. Die große Pinnwand war noch leer.
Und dann kam Professor McGonagall. Sie trug mehrere Pergamentrollen unter dem Arm. Gespräche verstummten fast schlagartig. Ein Rascheln. Ein Zauber, der die Listen ordentlich befestigte.
„Die Ergebnisse sind nun einsehbar“, sagte sie ruhig. Und dann brach das Chaos los.
Schüler drängten vor, suchten Namen, hielten den Atem an, jubelten, fluchten, lachten nervös. Khepri blieb einen Moment stehen, weil sie diesen Moment bewusst wahrnehmen wollte. Shukran ging vor, ruhig wie immer. Liliana verschwand fast im Gedränge. Evan folgte ihr.
Marcus blieb neben Khepri stehen. „Gemeinsam?“, fragte er leise. Sie nickte. Sie traten näher. Khepris Blick wanderte die Liste entlang. Ihr Name stand im oberen Drittel. Sie las die Spalten einmal. Zweimal.
Alte Runen – Ohnegleichen.
Verteidigung – Ohnegleichen.
Zaubertränke – Erwartungen übertroffen.
Verwandlung – Erwartungen übertroffen.
Geschichte der Zauberei – Ohnegleichen.
Sie atmete aus. Neben ihr stieß Liliana einen erstickten Laut aus. „Ich-“ Sie verstummte, las noch einmal. „Natürlich“, murmelte sie dann, aber ihre Schultern sanken sichtbar vor Erleichterung. Überall Bestnoten. Wie immer. Evan grinste breit. „Siehst du?“ Sie stieß ihn schwach an. „Ich wusste das.“ „Natürlich.“ Ein paar Schritte weiter hörte man ein lautes, ehrliches Lachen: Shukran. Er drehte sich um, suchte Khepri mit dem Blick und hob nur kurz die Hand. Bestanden. Mit Auszeichnung. Er hatte nicht gezweifelt – und es hatte sich gelohnt.
Und dann-
Khepri spürte, wie Marcus neben ihr still wurde. Sie wandte sich langsam zu ihm.
Sein Blick war auf der Liste festgefroren. Er las nicht hektisch. Er las gründlich. Einmal. Zweimal. Dreimal.
Dann atmete er aus. „Okay“, sagte er leise. Khepris Herz zog sich zusammen. „Marcus?“
Er sah sie an, kein Drama in seinen Augen, nur Realität.
„Ich hab Verteidigung geschafft“, sagte er ruhig. „Und Zaubertränke auch, gerade so.“ Sein Blick glitt zurück zur Liste. „Verwandlung… nicht.“ Und darunter: Wiederholung des siebten Schuljahres erforderlich.
Die Geräuschkulisse um sie herum wurde plötzlich dumpf, als würde jemand Watte in die Welt stopfen. Khepri trat einen Schritt näher. „Hey.“ Er lächelte. Wirklich. Ein schiefes, ehrliches Lächeln. „Sieht so aus, als würde ich Hogwarts noch ein bisschen länger genießen dürfen.“ „Marcus-“ „Ist okay“, sagte er ruhig. „Ich wusste, dass es knapp ist.“
Aber er hatte nicht geglaubt, dass es nicht reichen würde. Das sah sie.
Shukran kam zu ihnen, die Freude in seinem Gesicht wurde leiser, als er die Situation verstand. „Es ist nur ein Jahr“, sagte er ruhig. Marcus nickte. „Genau.“
Liliana trat ebenfalls näher. Für einen Moment war selbst sie sprachlos. Khepri legte ihre Hand in Marcus’. „Du bist nicht deine Noten.“ Er drückte ihre Finger. „Weiß ich.“ Er seufzte. „Und ich hab ja gesagt, ich mag Wiederholungen nicht“, fügte er trocken hinzu. „Aber anscheinend mögen sie mich.“ Das brachte sie zum Lächeln. Nicht, weil es lustig war, sondern weil er es schaffte, nicht zu zerbrechen. Um sie herum jubelten andere Schüler. Umarmungen. Erleichterte Tränen.
Für Khepri war dieser Moment zweigeteilt. Erfolg und Verschiebung. Sie hatte abgeschlossen. Er nicht.
Marcus beugte sich leicht zu ihr. „Du gehst jetzt“, sagte er leise. „Ja.“ „Und ich bleibe.“ Sie nickte. „Dann machen wir das Beste draus“, sagte sie. Er grinste. „War schon immer mein Plan.“

 

Es war später am Abend, als der Lärm der Ergebnisaushänge sich gelegt hatte. Der Gemeinschaftsraum war ungewöhnlich leer. Ein paar Fünftklässler tuschelten am Kamin, aber die Siebtklässler waren verstreut – feiern, weinen, Briefe schreiben.
Marcus saß auf der niedrigen Lehne eines Sessels, die Beine ausgestreckt, ein Glas Kürbissaft in der Hand, als wäre das hier ein ganz normaler Tag. Khepri trat zu ihm. „Darf ich mich setzen?“, fragte sie. Er hob eine Augenbraue. „Du brauchst neuerdings Erlaubnis?“
Sie setzte sich lächelnd neben ihn. Sie teilten einen Moment Stille. „Ich bin stolz auf dich“, sagte er schließlich. Sie drehte den Kopf zu ihm. „Ich weiß.“ Er grinste leicht. „Gut.“ „Ich bin auch stolz auf dich.“ „Weil ich durchgefallen bin?“ „Weil du nicht implodiert bist.“
Er schnaubte leise. „Das kommt noch.“ „Nein.“ Sie sah ihn fest an. „Kommt es nicht.“
Marcus ließ den Blick über den Raum wandern, dann zurück zu ihr. „Es fühlt sich nicht an wie ein Weltuntergang“, sagte er ruhig. „Eher wie… ein Stopp-Schild.“ „Unfreiwillig?“ „Ja.“
Er lehnte den Kopf gegen die Lehne. „Ein Jahr ist nicht nichts. Aber es ist auch nicht alles.“ Khepri nickte. „Und du?“ fragte er. „Was machst du jetzt mit deiner Freiheit?“ Sie zog die Beine unter sich. „Ich komme nach Hause.“ Das Wort fühlte sich plötzlich schwerer an, als es sollte.
Er nahm einen Schluck und stellte das Glas ab. „Also“, sagte er nach einer Weile, „Sommer.“ „Sommer.“ „Ich trainiere.“ „Natürlich tust du das.“ „Und du?“ Sie dachte an Runen. An Hekau. An einen Namen, den sie nicht laut sagte. „Ich arbeite da an etwas“, sagte sie. Er nickte, ohne nachzufragen. Das war neu zwischen ihnen. Früher hätten sie sich verhakt. Getestet. Gestichelt. Jetzt war da einfach nur Vertrauen.
Dann beugte er sich leicht vor, stützte die Ellbogen auf die Knie. „Es ist seltsam“, sagte er. „Ich habe mich nie besonders als Musterschüler gesehen. Aber ich habe auch nie gedacht, dass Hogwarts… ohne dich weiterläuft.“ Er sah sie an, musterte sie lange. „Du bist anders geworden“, sagte er. „Besser oder schlechter?“ „Einfach anders. Tiefer..“ Das war kein Scherz. Sie spürte, wie sich etwas in ihrer Brust bewegte. „Du auch“, sagte sie. „Ich?“
„Du nimmst Dinge ernster, ohne schwer zu werden.“ Er grinste schief. „Vielleicht werde ich erwachsen.“ „Vorsicht. Das steht dir nicht.“ Er lachte – dieses echte, warme Lachen, das sie inzwischen liebte.
Dann wurde er ruhiger. „Wir werden uns nicht auseinanderleben“, sagte er, nicht fragend. „Nein.“ „Auch wenn ich hier bleibe.“ „Auch dann nicht.“ Er nahm ihre Hand. Es gab kein großes Versprechen zwischen ihnen, keinen dramatischen Kuss - einfach nur ihre Hand in seiner. Nur ein fester Griff.
„Ich laufe übrigens immer noch schneller als du“, murmelte er. „In deinen Träumen!“, gab sie kichern zurück. „Unentschieden?“ „Du bist so großzügig.“ Er grinste.
Für diesen Moment waren sie einfach nur das: Zwei Achtzehnjährige mit Sommer vor sich.
Und mit Dingen, die unausgesprochen zwischen ihnen lagen – aber nicht zwischen ihnen standen.

 

Der letzte Abend vor der Abreise aus Hogwarts war gekommen.
Der Slytherin-Mädchenschlafsaal der Siebtklässler war dunkel, nur vom ewig schimmernden Grün des Sees durchzogen. Die Lichtreflexe tanzten über die Baldachine der Himmelbetten, als wollten sie sich verabschieden. Khepri lag wach. Sie kannte jedes Geräusch dieses Raumes. Das leise Atmen der anderen Mädchen. Das entfernte Knacken im Mauerwerk. Das gedämpfte Murmeln des Wassers draußen. Sie dachte kurz an die Stimmen, die sie im letzten jahr gehört hatte - die Stimme des Basilisken in Hogwarts’ Gemäuer und die ihres Urgroßvaters aus dem Amulett. Und dann versuchte sie, sich alle Stimmen vor Augen zu halten, die sie hier je gehört hatte, um das Einschlafen hinauszuzögern.
Morgen würde sie hier nicht mehr schlafen. Sie hörte ein Rascheln. „Rutsch.“
Khepri drehte den Kopf. Liliana stand neben ihrem Bett, barfuß, die Haare offen, die Decke unter dem Arm. „Du hast dein eigenes Bett“, murmelte Khepri. „Deins ist heute besser.“ Liliana kroch unter die Decke, schob sich dicht neben sie, wie sie es früher manchmal getan hatten – in den ersten Jahren, wenn irgendetwas zu groß gewesen war. Jetzt war es nicht Angst, die sie in Khepris Bett zog, es war Veränderung.
„Kannst du schlafen?“, flüsterte Liliana. „Nein.“ „Gut.“ Stille.
„Ich dachte immer, ich würde erleichtert sein“, sagte Liliana nach einer Weile. „Wenn es vorbei ist.“ „Bist du nicht?“ „Doch. Aber nicht nur.“ Khepri starrte an den Baldachin. „Es ist komisch.“ „Ja.“
Ein paar weitere Momente vergingen. „Ich werde ihn nicht verlassen“, sagte Liliana plötzlich. Khepri blinzelte in die Dunkelheit. „Evan.“ „Natürlich Evan.“ Ihre Stimme war ruhig. Nicht trotzig. Entschieden.
„Meine Eltern werden es nicht akzeptieren“, fuhr sie leise fort. „Sie werden es versuchen zu ignorieren. Oder zu korrigieren. Oder mich umzustimmen.“ „Und?“ „Und ich werde es nicht zulassen.“
Khepri drehte den Kopf zu ihr. Liliana lag auf dem Rücken, starrte an die Decke, die Hände gefaltet auf ihrem Bauch.
„Mir ist bewusst, dass ich mich noch nicht für ein Leben mit Evan entscheiden muss“, sagte sie ruhig. „Wir sind jung. Vielleicht ist er gar nicht meine große Liebe. Vielleicht doch. Vielleicht lachen wir in zehn Jahren darüber.“ Ein kleiner Atemzug. „Aber wenn ich mich jetzt schon unterbuttern lasse… wenn ich jetzt schon nachgebe, nur damit es leichter wird… dann habe ich damit den Grundstein für eine Zukunft gelegt, in der ich nie eigene Entscheidungen treffen werde.“ Khepri spürte, wie sich etwas in ihrer Brust zusammenzog. „Du bist so mutig“, sagte sie leise. „Nein“, sagte Liliana. „Ich habe nur genug von vorgefertigten Wegen.“ Ein kurzes Schweigen. „Und du?“, fragte Liliana dann sanft. „Was trägst du mit dir herum?“ Da war er. Der Moment. Khepris Kehle wurde trocken. Sie könnte es sagen. Sie stellte sich vor, wie Lilianas Gesicht aussehen würde. Wie sich der Raum verändern würde. Wie aus „die letzte Nacht“ plötzlich „alles anders“ würde.
Ihre Finger krallten sich leicht in die Decke. „Nichts“, sagte sie schließlich. Liliana drehte sich auf die Seite, sah sie im Halbdunkel an. „Das ist gelogen.“ Khepri lächelte schwach. „Du weißt das?“ Liliana fragte nicht weiter. Das war vielleicht das größte Geschenk.
„Wenn du irgendwann reden willst“, flüsterte sie, „bin ich da. Wie immer. Für immer.“ „Ich weiß.“
Wieder dieses Wissen - Wieder dieses Vertrauen.
„Ich habe Angst vor Zuhause“, sagte Liliana nach einer Weile. „Nicht vor meinen Eltern. Vor dem Gefühl, wieder kleiner zu werden.“ „Du bist nicht mehr klein“, sagte Khepri ruhig. „Nein.“, gab Liliana leise zurück, “Wahrscheinlich hast du Recht.” Sie schob sich ein kleines Stück näher.
„Und du wirst auch nicht wieder kleiner“, fügte Liliana hinzu. „Egal, was da ist.“ Khepri schloss die Augen. Sie dachte an ihre Mutter, an den Artikel, an den Namen. Sie dachte daran, dass sie vielleicht sehr bald sehr laut werden würde.
„Wir sind nicht mehr die Mädchen aus dem ersten Jahr“, murmelte Liliana schläfrig. „Nein.“ „Gut.“ Das Wort war halb Atem, halb Lächeln. Langsam wurde Lilianas Atmung ruhiger.
Khepri blieb wach. Sie sah in die Dunkelheit.

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