Der Januar ging und überließ dem Februar das Feld, der gleichermaßen eisige und sanfte Tage mit sich brachte. Khepri blieb ihrem Vorsatz (“Vergiss das Mama-Dilemma!”) eine ganze Weile treu und versuchte angestrengt, ihre Gedanken von ihrem potenziellen Vater abzubringen. An den meisten Tagen geling ihr das gut - die Nächte waren das Problem, wenn sie nichts anderes hatte, auf das sich ihr Gehirn konzentrieren konnte.
Alles in allem schlug sie sich okay. Sie besuchte den Unterricht, bereitete sich mit ihren Freunden auf die Prüfungen vor, feuerte Marcus beim Training und bei den Spielen an und übte weiter an Hekau.
Hekau war keine Sache, die sie verstehen konnte wie eine Formel. Es war eher eine Art, Magie anzufassen, ohne sie zu zwingen.
Khepri saß an diesem Nachmittag in einer Nische der Bibliothek, ein Stapel Bücher links von sich, ihre eigenen Notizen rechts, dazwischen das rissige Kompendium aus Alexandria. Khepris Feder kratzte über ihr Pergament, während draußen am Fenster ein fahler Winterhimmel hing.
Hekau, schrieb sie, und hielt kurz inne, als sie darüber nachdachte, was für ein Text diesem Wort folgen würde. Sie hatte inzwischen genug Bruchstücke gesammelt, um zu wissen, was es nicht war. Kein Zaubertrick. Keine Zauberstabtechnik. Kein Sag das Wort und die Welt gehorcht. Wenn überhaupt, dann war es das Gegenteil: ein System, das nur dann funktionierte, wenn man nicht versuchte, es zu besitzen. Sie zog eine Linie darunter und schrieb weiter: Hekau scheint eine sehr alte Form von Magie zu sein, die heutzutage beinahe vollkommen vergessen ist. Die Runen von Hekau beruhen ganz und gar auf Emotion.
Sie starrte einen Moment auf das Wort. Emotion, nicht als Laune oder flüchtiges Gefühl, sondern als klare Wahrheit und als Bedingung für die auszuübende Magie.
Sie dachte an die KA-Rune, an das warme Summen zwischen ihrem und Lilianas Armband. An das Gefühl, das nicht nahm oder beherrschte, sondern hielt. Stabilität nicht durch Kontrolle, sondern durch Beziehung.
Sie schrieb ergänzend: Emotion ist nicht das Beiwerk, sondern der Motor. Rune ist nicht Symbol, sondern Übereinkunft: zwischen Mensch, Magie und Bedeutung.
Und dann, kleiner und strenger: Problem: Emotion ist nicht konstant. Gefahr: falsche Emotion - falsche Aktivierung - unvorhersehbare Wirkung.
Sie hörte Percys Stimme im Kopf, wie er es trocken formulieren würde: Nicht reproduzierbar, also riskant.
Khepri tippte mit der Feder gegen den Rand des Pergaments, einmal, zweimal, als wollte sie sich selbst zur Ordnung rufen. In den letzten Wochen hatte sie verschiedene Dinge ausprobiert – vorsichtig, immer nur mit kleinen Runen, nie mit etwas, das sie nicht im Notfall abbrechen konnte. Manches funktionierte. Manches nicht. Und manches funktionierte nur dann, wenn sie ehrlich genug war, sich nicht selbst anzulügen.
Das war das Unangenehmste daran. Heutige Magie war – bei all ihrer Wildheit – immerhin verlässlich. Du sagst die Worte, du machst die Bewegung, und wenn du es richtig gelernt hast, passiert es. Hekau fragte nicht: Hast du das gelernt? Hekau fragte: Meinst du das?
Sie zwang sich, den Gedanken beiseite zu schieben und schrieb weiter, fast trotzig: Bisherige Grundrunenfragmente (sicher/unsicher): KA (Bindung/Stabilisierung) – bestätigt durch Armbänder & Spiegel.
Sie setzte den Federkiel an, um die nächste Rune aufzuschreiben – SA? REN? Irgendetwas, das ein Gerüst ergeben würde, ein Fundament, fünf Grundsteine, wie sie es sich vorgenommen hatte. Doch ihr Blick blieb an einem Randvermerk im Alexandria-Buch hängen. Eine Notiz, fast wie eine Entschuldigung hingeworfen: „Namen sind nicht Etiketten. Sie sind ein Weg.“
Khepri spürte, wie sich ihr Nacken verspannte. Ein Weg also.
Ungewollt dachte sie an einen anderen Namen. An einen, den sie seit Wochen nicht richtig anzufassen wagte. Sie hatte ihn nicht ausgesprochen, nicht einmal in Gedanken zu deutlich, als könnte das die Welt aufmerksam machen. Aber der Februar war heimtückisch: Er tat so, als wäre er sanft, und dann brachte er nachts die Kälte zurück.
Sie legte die Feder langsam hin und merkte, dass ihre Hände wieder zu still waren. Zu bereit, zu rechnen - denn wenn Hekau über Emotion funktionierte… und wenn Schuld eine Emotion war… und wenn die Feder Schuld aufgezeichnet hatte… dann war das, was sie suchte, vielleicht nicht nur ein Name in einem Stammbaum.
Vielleicht war es eine ganze Spur, die aus einem einzigen Gefühl bestand.
Sie schluckte, zwang sich, wieder zu atmen, und schrieb, als würde sie sich damit selbst festnageln: Ich bleibe bei den Runen. Ich bleibe bei dem, was ich kontrollieren kann.Der Satz war sauber. Wenn sie doch nur nicht in diesem Moment schon gewusst hätte, dass er eine Lüge war.
Der 14. Februar war ein Montag.
Khepri wurde nicht vom Sonnenlicht geweckt, sondern von etwas, das ihr mit erstaunlicher Zielgenauigkeit gegen die Stirn fiel. „Aua-“
„Bevor du dich beschwerst: Alles Gute“, sagte Liliana trocken. Khepri blinzelte verschlafen. Auf ihrer Bettdecke lag ein kleines, in dunkelgrünes Papier gewickeltes Päckchen. Sie setzte sich halb auf, die Haare zerzaust, das Gehirn noch nicht ganz anwesend. „…Oh.“
Liliana verschränkte die Arme. „Du hast es vergessen.“ Khepri rieb sich über das Gesicht. „Nein.“ Pause. „Vielleicht.“
Liliana grinste. „Achtzehn. Und du vergisst es einfach.“ „Siebzehn war spannender“, murmelte Khepri. „Das war wenigstens offiziell.“ „Du bist unmöglich.“
Khepri lächelte schwach. Sie meinte es nicht desinteressiert. Es war nur… ein Montag. Ein Schultag. Prüfungsstoff wartete nicht auf Geburtstage. Und sie selbst hatte im Moment zu viel im Kopf, um große Kreise zu ziehen.
Sie öffnete das Geschenk: ein schmaler Lederband-Anhänger mit einer feinen, kaum sichtbaren Goldprägung – zwei geschwungene Linien, die sich in der Mitte fast berührten. „Du bist unerträglich“, sagte Khepri leise. „Ich weiß“, erwiderte Liliana zufrieden.
Beim Frühstück wurde es lauter. Sara hatte eine Kerze in ein Stück Toast gedrückt, Aaron und Maralen applaudierten übertrieben, Percy nickte ihr mit dieser ernsten, respektvollen Geste zu, die er immer dann zeigte, wenn er etwas als bedeutsam einordnete, selbst wenn es kein großes Ereignis war. „Post“, sagte jemand vom Ende des Tisches.
Die Eulen kamen wie immer unkoordiniert und viel zu enthusiastisch herein. Briefe, Päckchen, ein beinahe umgestoßener Kürbissaftkrug.
Khepris Herz machte einen ungewollten Satz. Familie.
Sie erkannte die Handschriften sofort – die ihres Papas war breit, klar, ein bisschen zu fest aufgedrückt. Der Brief war warm, voll von Stolz, von alltäglichen Dingen, von dem Versprechen, im Sommer etwas Besonderes zu planen. Kein Wort zu viel. Kein falscher Ton.
Teremun hatte ein paar Zeilen hinzugefügt. Tetá von zuhause ebenfalls. Sie erhielt ein hübsches, selbstgemaltes Bild von Shelise und Aiden.
Und dann – der Brief ihrer Mutter. Das Pergament war glatt. Die Schrift elegant wie immer. Keine Verwacklungen. Kein Zögern. Meine liebste Khepri, achtzehn Jahre mit dir sind ein Geschenk, für das ich jeden Tag dankbar bin…
Khepri las langsam. Es war ein schöner Brief. Warm. Persönlich. Erinnerungen an ihre Geburt. An ihr erstes Lächeln. An ein kleines Mädchen mit zu großen Augen und zu vielen Fragen.
Kein einziges Wort verriet Unsicherheit. Kein versteckter Unterton. Kein „Ich weiß, dass du weißt“. Wenn Shijia verstanden hatte, dass die postalische Drohung von Khepri gekommen war, dann ließ sie es sich nicht anmerken. Khepri faltete den Brief sorgfältig zusammen. Ihr Gesicht blieb ruhig.
„Alles gut?“, fragte Marcus neben ihr leise. Sie nickte. „Ja.“, und sie meinte es sogar.
Der Unterricht verlief unspektakulär. Alte Runen. Verteidigung gegen die dunklen Künste. Ein unangekündigter Test in Zaubertränke, der die Hälfte des Jahrgangs kollektiv zum Stöhnen brachte. Es war ein ganz normaler Tag.
Nachmittags saßen sie eine Weile zusammen – Shukran holte seinen Spiegel heraus, grinste, wünschte ihr alles Gute, erzählte von Maya, die angeblich versucht hatte, einen Kuchen zu backen und dabei fast ihre Küche verwüstet hatte. Liliana und Evan stritten halbherzig darüber, ob Mandragoren Gefühle hatten. Percy redete zu lange über Prüfungstermine. Marcus hörte zu und sah sie zwischendurch einfach nur an, als wollte er prüfen, ob sie wirklich da war. Es war laut, warm und echt.
Am Abend entführte Marcus Khepri zu einem Spaziergang. Sie hielten sich an den Händen und redeten über die Prüfungsvorbereitungen, philosophierten sowohl über Flugstile und Quidditchtaktiken wie über Rundne und Khepris Fortschritte in der Wiederentdeckung der alten Hekau-Magie.
Sie gingen nicht auf direktem Weg nach Hogsmeade. Marcus hielt plötzlich an, mitten auf dem Weg. „Was?“, fragte Khepri. Er grinste schief. „Du bist achtzehn.“ „Und?“ „Das heißt, ich darf dich offiziell herausfordern.“ „Wozu?“ „Wettlauf bis zur Brücke.“
Bevor sie reagieren konnte, war er losgerannt. „Du bist so ein Idiot!“, rief sie ihm nach – und rannte trotzdem.
Der Schnee war nicht mehr weich, sondern hartgetreten, rutschig an manchen Stellen. Marcus war größer, schneller, aber Khepri war wendiger. Sie schnitt ihm den Weg ab, rutschte beinahe, fing sich wieder, lachte – wirklich lachte – als er sie am Ärmel packte und sie beide fast gleichzeitig ins Straucheln gerieten.
Sie kamen keuchend an der kleinen Brücke an. „Unentschieden“, sagte Marcus. „In deinen Träumen.“, entgegnete Khepri atemlos. Marcus zwinkerte. „Ich war großzügig.“
Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Du warst langsam.“ Er trat näher. Kein Drama. Kein Pathos. Einfach ein Blick, der funkelte, weil sie gerade beide atemlos waren. „Ich wollte sehen, ob du noch rennst.“ „Wohin?“ „Irgendwohin.“
Sie blinzelte. „Du bist heute merkwürdig.“ „Du hast Geburtstag. Ich darf merkwürdig sein.“
Sie lehnten sich über das Geländer, sahen auf das dunkle Wasser unter der Brücke. Es war einer dieser klaren Februartage, an denen alles scharf konturiert wirkte. Marcus zog Khepri näher zu sich hin und drückte ihr einen liebevollen Kuss auf die Lippen. “Wenn du mal wieder einfach nur laufen willst, sag mir Bescheid. Dann laufe ich mit.” Khepri nickte lächelnd.
Mit verschränkten Händen nahmen sie ihren Weg nach Hogsmeade wieder auf. Und dann taten sie etwas völlig Unromantisches: Sie gingen in den Honigtopf und stritten sich darüber, welche Schokolade optisch die schönste war.’
Später, zurück auf dem Weg zum Schloss, hatte Marcus Zuckerguss am Ärmel und Khepri Zuckerstaub auf der Nase. „Du siehst aus wie ein Unfall“, sagte er. „Du auch.”, gab sie zurück.
Zurück im Schloss, zurück im Schlafsaal, zurück in ihren Gedanken, lag Khepri lange wach.
Sie dachte an den Morgen. An Lilianas Geschenk. An die Briefe. An Shijias ruhige Worte. An Marcus’ Hand in ihrer.
So sah ein wunderbares normales Leben aus. So sah ein Tag aus, an dem nichts zerbrach.
Und während der See draußen leise gegen die Mauern schlug, dachte sie, beinahe schläfrig: Ich mag diese Tage. Diese langweiligen, vollen, gewöhnlichen Tage.
Nur einen Tag später, der Abendhimmel färbte sich samtrot, war Liliana auf dem Weg, sich mit jemandem zu treffen, der ihr über die letzten Monate mehr und mehr ans Herz gewachsen war. Der Innenhof war fast leer, als sie sich neben Evan auf die niedrige Steinmauer setzte. Evan hielt zwei Becher in der Hand. „Hogsmeade hat heute übertriebene Preise“, sagte er, reichte ihr einen davon. „Ich erwarte Dankbarkeit.“ „Du bekommst sie nicht.“, sagte Liliana spitzbübisch, als sie ihm den dampfenden Becher aus der Hand nahm. „Das dachte ich mir.“ Sie lächelte, und merkte, wie leicht das ging, wenn er da war.
Evan war nie Drama. Er war kein großes Versprechen, kein taktisches Manöver. Er war einfach… da. Fragte nicht nach Strategien, nicht nach reinblütigen Stammbaumdiagrammen, nicht nach Zukunftsverträgen.
„Was?“, fragte er schließlich, als sie ihn zu lange ansah. „Nichts.“ Er verzog den Mund. „Du denkst.“ „Tu ich nicht.“ „Doch.“ Sie seufzte. „Vielleicht.“
Er wartete. Evan war gut im Warten. Das hatte sie schnell gelernt. Er füllte Stille nicht mit Unsicherheit. „Die Schule ist bald vorbei“, sagte sie schließlich. „Noch ein paar Monate.“ „Genau.“
Er musterte sie. „Es klingt, als wäre das eine Drohung.“ Liliana starrte in ihren Becher. Der Dampf war längst verflogen. „Meine Eltern erwarten…“ Sie brach ab. Sie hasste dieses Wort. „Was?“ „Dass ich zurückkomme.“ Sie presste die Lippen aufeinander.
„Du kommst doch zurück.“, sagte Evan selbstverständlich.
„Nicht nur zurück.“ Sie sah ihn an. „Zurück.“ Er verstand.
Reinblütige Häuser. Reinblütige Kontakte. Reinblütige Zukunft.
„Miles hat noch zwei Jahre“, murmelte sie. „Er kann hier noch bleiben. Er muss sich noch nicht entscheiden. Ich bin so neidisch.“ „Du musst dich auch nicht entscheiden.“ „Doch.“
Ihre Stimme war leiser geworden. „Evan.“ Sie zwang sich, ihn nicht anzusehen. Das war schwer. Sie sah ihn so gern an. „Meine Eltern werden dich niemals akzeptieren.“
Er zuckte kaum merklich mit den Schultern. „Das überrascht mich nicht.“ „Das sollte es aber.“ „Warum?“
Sie starrte ihn an. „Weil du gut bist. Und klug. Und-“ „-muggelgeboren“, unterbrach er sie ruhig. Das Wort hing zwischen ihnen. Liliana presste die Lippen zusammen. „Es ist lächerlich.“ „Es ist ihre Realität.“ „Es ist engstirnig.“ „Auch das.“
Er sah sie nicht wütend an. Es verletzte ihn überhaupt nicht, dass eine eventuelle gemeinsame Zukunft an einem seidenen Faden hing.
„Was willst du?“, fragte er schließlich. Diese Frage fand Liliana schlimmer als alles andere. Was wollte sie? Garantiert nicht die prunkvollen Hallen ihres Elternhauses und nicht die arrangierten, oberflächlichen Kontakte. Nicht eine Zukunft, die bereits für sie geplant war, bevor sie überhaupt geboren wurde. Aber sie wollte auch nicht die Sicherheit verlieren, die sie hatte.
„Ich will dich nicht verlieren“, sagte sie leise und bestimmt. Er nickte langsam. „Dann tu es nicht.“ „So einfach ist das nicht.“ „Nein.“ Er lächelte schief. „Wahrscheinlich nicht.“
Ein paar Tropfen fielen von der Dachkante neben ihnen auf den Stein.
„Und ich weiß nicht mal, was ich machen will“, fügte sie hinzu. „Beruflich. Ich habe keinen Plan. Keine Richtung. Meine Eltern haben einen für mich. Ich nicht.“ „Das ist kein Verbrechen.“ Liliana schnaubte leise. „In meinem Haus schon.“
Evan lehnte sich zurück, stützte die Hände neben sich auf die Mauer. „Vielleicht“, sagte er nach einer Weile, „ist es ganz gut, dass du noch nicht weißt, wohin du willst.“ „Warum?“
„Weil es dann wenigstens wahrhaftig deine Entscheidung wird, wenn du sie dann triffst.“ Liliana sah ihn an. Und in diesem Moment hasste sie ihre Eltern ein kleines bisschen dafür, dass sie diese Entscheidung schwerer machten, als sie sein musste. Und vor allem dafür, dass sie diesem wunderbaren Jungen niemals eine Chance geben würden, nur weil er nicht aus einer Zaubererfamilie stammte. Wenn es nach ihren Eltern ginge würde sie wohl Marcus heiraten.
Sie rückte näher zu Evan. Nicht demonstrativ. Einfach, weil sie es wollte. „Ich werde nicht gehen, nur weil sie das erwarten“, sagte sie leise. „Gut.“ „Aber ich weiß noch nicht, wie ich bleibe.“ Er nickte. „Das reicht für heute.“ Tatsächlich, dachte Liliana, es reicht auf jeden Fall für diesen Moment.
Shukran saß am Hufflepuff-Tisch, die Ärmel hochgekrempelt, ein Stapel Notizen ordentlich vor sich ausgebreitet. Seine Schrift war sauber, präzise, kein Wort zu viel, keine Linie schief. Um ihn herum herrschte das übliche Vor-Prüfungs-Murmeln – Flüstern, Rascheln, gelegentliches Stöhnen.
Er aber war ruhig. Er war nicht überheblich oder sorglos, er war sich seiner Sache einfach sicher.
„Du siehst aus, als würdest du dich auf irgendwas freuen“, bemerkte Evan, der ihm gegenüber saß und in seinen eigenen Unterlagen blätterte. „Tu ich auch.“ „Auf Alte Runen?“
Shukran lächelte selig in sich hinein. „Auf alles.“ Evan grinste. „Du bist unheimlich.“
Shukran zuckte mit den Schultern. „Ich hab lange genug das Gefühl gehabt, dass mir etwas fehlt.“ Evan sagte nichts dazu. Er wusste.
Es war erst ein paar Monate her, dass Shukran sich wieder vollständig anfühlte. Dass er nicht mehr mit diesem unsichtbaren Gewicht durch die Flure ging. Die Spiegelverbindung war stabil. Maya war da. Er war da. „Du wirst das locker schaffen“, sagte Evan schließlich. Shukran nickte. „Ich weiß.“ Es war kein Angeberei. Nur ein nüchterner Fakt. Er hatte gelernt. Nicht nur Schulstoff, auch Disziplin und Geduld. Und er hatte sich selbst ein bisschen besser kennengelernt.
Er klappte seine Notizen zu. „Sag mal“, begann er dann, beiläufig. Evan sah auf. „Hm?“ „Was hältst du von… frühen Entscheidungen?“ Evan zog eine Augenbraue hoch. „Kommt drauf an. Früh im Sinne von fünf Uhr morgens oder früh im Sinne von schnell lebensverändernd?“ „Letzteres.“ „Ah?“ Shukran lehnte sich zurück. Er wirkte nicht nervös. Eher… entschlossen.
„Ich werde ihr einen Antrag machen.“ Evan blinzelte. „Maya?“, fragte er unnötigerweise. „Natürlich.“ „Und du meinst… einen Antrag-Antrag.“ „Ja.“ Da war keine Zögerlichkeit. Kein „vielleicht“.
Evan starrte ihn einen Moment an. Dann fragte er „Diesen Sommer?“ „Ja.“ Shukran sah auf den Tisch, als würde dort etwas Unsichtbares liegen. „Es gibt keine Version meines Lebens, in der ich sie nicht frage. Also warum warten?“ Evan schwieg. Nicht, weil er Einwände hatte. Sondern weil es selten war, jemanden zu hören, der so sicher klang, ohne laut zu sein.
„Und was ist mit-“ Er brach ab. „Mit meinen Eltern?“ „Ja.“
Shukran lächelte leicht. „Sie werden sich daran gewöhnen.“ „Und wenn nicht?“ „Dann gewöhnen sie sich trotzdem.“ Es war kein Trotz in seiner Stimme. Nur Gewissheit.
„Ich weiß, wie sich falsch anfühlt“, sagte er ruhig. „Das hier fühlt sich nicht falsch an.“ Ein paar Meter entfernt lachte jemand zu laut. Jemand ließ ein Buch fallen. Shukran sah aus dem Fenster. Der Schnee am Rand des Hofes war beinahe vollständig verschwunden. Wurde auch Zeit, dass der Frühling endlich übernahm.
„Ich will nicht warten, bis alles perfekt ist“, fügte er hinzu. „Perfekt kommt nie.“ Evan nickte langsam. „Und du bist sicher?“ Shukran sah ihn an – klar und ruhig. „Es wird niemals eine andere geben.“ Kein Drama, nur seine pure Wahrheit.
Er griff nach seinem Notizbuch, schlug eine leere Seite auf und begann, etwas zu skizzieren. Es war ein Ring, schlicht, mit einer feinen Gravur am Rand. „Ich will nichts Großes“, murmelte er. „Nur etwas, das für immer bleibt.“
Evan lehnte sich zurück, schüttelte den Kopf und lächelte. „Du bist hoffnungslos.“ „Nein“, sagte Shukran ruhig. „Nur entschieden.“
Shijia Khairy war gut im Atmen. Langsam ein. Langsam aus.
Sie hatte es über Jahre perfektioniert. In Gesprächen, die unangenehm wurden. In Momenten, in denen sie wusste, dass sie zu lange geschwiegen hatte. In Situationen, in denen andere Menschen lauter wurden. Atmen bedeutete Kontrolle.
Der Zettel lag seit Weihnachten in ihrer Schublade. Shijia hatte ihn nicht verbrannt. Nicht zerrissen. Nicht versteckt. Er lag einfach da – zwischen harmlosen Dingen. Einkaufslisten. Rezeptnotizen. Einem Briefpapierblock.
Ich weiß, was du getan hast.
Fünf Monate. Fünf Monate, in denen sie jeden Tag normal gewesen war. Sie hatte Calebs Fragen beantwortet und Teremun bei seinen Bewerbungen unterstützt. Khepri und Shukran zum Geburtstag geschrieben. Und jede Nacht hatte sie wachgelegen, halb panisch, halb aufmerksam.
Im Mai war es schlimmer geworden. Der Frühling hatte etwas Unbarmherziges. Alles kam ans Licht. Staub in Fensternischen. Risse im Putz. Dinge, die man im Winter noch übersehen konnte.
Ihr Zeitungsartikel war nicht mehr da, wo er sein sollte. Shijia hatte im September zum ersten Mal wirklich gesucht. Im Dezember noch einmal. Ab März systematisch.
Die Holzschatulle war vollständig gewesen – bis auf das eine Blatt. Sie hatte sich eingeredet, sie habe es vielleicht in eine andere Mappe gelegt. Zwischen alte Unterlagen. In einen Umschlag. In das Gästezimmer. Doch im Mai ließ sich das nicht mehr aufrechterhalten.
Sie stand im Schlafzimmer und starrte auf die offene Kommode. „Wo?“, murmelte sie.
Sie zwang sich, den Moment zu rekonstruieren, in dem sie den Artikel das letzte Mal bewusst in der Hand gehabt hatte.. August 1993. Das Ferienhaus. Das Meer. Der Geruch von Salz in den Vorhängen. Sie war ins Zimmer der Mädchen gegangen – nur kurz. Die Schatulle in der Hand. Der Artikel ausgefaltet.
Sie erinnerte sich an das Zittern, an die Zeilen, an das Bild. An die Schritte im Flur.
Ihr Herz setzte für einen Schlag aus. Khepris Bett.
Sie sah es plötzlich klar vor sich: die ordentliche Decke, glattgestrichen. der schnelle, fast instinktive Griff. das Papier, das unter die Matratze geschoben wurde. Weil es der nächste Ort gewesen war, und weil Panik keine Logik kennt. Shijia griff nach der Bettkante, um sich zu stützen. Sie hatte ihn dort gelassen.
Nicht absichtlich. Nicht geplant. Aber sie hatte vergessen, ihn zurückzuholen. Sie konnte nur hoffen, dass Khepri ihn nicht gefunden hatte - aber da fiel ihr siedend heiß ein, wie unerklärlich merkwürdig sich Khepri seitdem verhalten hatte. Khepri war nach Hogwarts zurückgekehrt. Mit einem scharfen Blick. Mit Fragen. Mit einem anonymen Zettel.
Ich weiß, was du getan hast.
Shijia setzte sich langsam auf das Bett. Der Artikel selbst enthielt nichts Illegales. Keine Details, die nicht öffentlich gewesen wären. Aber er enthielt eine Zeile, die damals wie eine Randbemerkung gewirkt hatte. Persönliche Bekanntschaft zwischen der Hinweisgeberin und mindestens einem der verurteilten Zauberer wird vermutet. Vermutet. Damals hatte sie geglaubt, Vermutungen seien harmlos. Jetzt wusste sie es besser.
Wenn Khepri den Artikel gelesen hatte-
wenn sie ihre Notiz gesehen hatte-
wenn sie angefangen hatte zu rechnen-
Shijia presste die Hand gegen ihren Mund. Khepri war achtzehn. Klug. Hartnäckig. Und sie hatte schon immer die Dinge gesehen, die andere übersahen.
„Was soll ich tun?“, flüsterte Shijia in das leere Zimmer. Die Frage war neu. Neunzehn Jahre lang hatte sie gewusst, was zu tun war: Schweigen. Weiterleben. Liebe zeigen. Nichts verraten.
Und wenn sie ehrlich war - konnte man von ihrem einen Fehler überhaupt auf den anderen schließen? Wahrscheinlich wusste Khepri, dass sie es gewesen war, die damals die Todesser verraten hatte. Na und? Das war kein Verbrechen. Die Affäre allerdings - nein. Es war unmöglich, dass sie darüber Bescheid wusste. Woher auch?
Wenn Khepri Fragen stellte, konnte sie lügen. Noch einmal. Noch hundertmal, wenn nötig. Sie würde alles tun, um ihre Ehe und ihre Familie zu schützen. Ihr einziger Fehltritt war neunzehn Jahre her und würde ihr nicht ihr Leben versauen.
Draußen öffnete Caleb eine Tür. Sein Schritt war vertraut. Sicher. Er war es, den sie von ganzem Herzen liebte.
Shijia atmete tief ein. Sie musste ruhig bleiben. Normal bleiben. Mutter bleiben. Calebs Ehefrau bleiben.
Khepri hielt sich so lange an ihren Vorsatz, wie es ihr irgend möglich war.
Wenn sie nachts wach lag, zwang sie sich, an Runen zu denken. An Strichführung. An Emotion als Motor. Nicht an Namen - Namen waren Glatteis.
An diesem Abend im frühen Juni hatte sie sich mit einem ungewöhnlich schweren Wälzer in den Slytherin-Gemeinschaftsraum zurückgezogen – eine Sammlung älterer Prozessberichte und Ministeriumsanalysen zur Nachkriegszeit. Eigentlich suchte sie Hinweise auf verbotene Magiesysteme. Verdrängung durch Recherche, sozusagen.
Das Feuer brannte ruhig. Marcus war noch beim Training und Liliana irgendwo mit Evan verschwunden. Der Raum war angenehm leer.
Khepri schlug das Buch auf. „Nachwirkungen der ersten Verhaftungswelle 1975–1976“ Sie verzog kurz den Mund. Natürlich. Ironisch.
Sie wollte umblättern. Tat es nicht.
Ihr Blick blieb an einem eingerückten Abschnitt hängen. Eine Randnotiz, halb analytisch, halb journalistisch formuliert: „Besonders bemerkenswert war die Aussage der ehemaligen Slytherin-Absolventin Shijia Khairy, die mehrere der später verurteilten Zauberer aus ihrer Schulzeit persönlich kannte. Ihre detaillierten Angaben zu Aufenthaltsorten und Gewohnheiten der Lestrange-Brüder trugen maßgeblich zur Festnahme bei.“
Khepri las den Satz zweimal. Dann ein drittes Mal.
Persönlich kannte. Aus ihrer Schulzeit. Lestrange-Brüder.
Etwas in ihr verschob sich. Sie hatte gewusst, dass ihre Mutter involviert gewesen war. Sie hatte gewusst, dass sie Hinweise gegeben hatte. Sie hatte gewusst, dass sie gezögert hatte.
Aber sie hatte – bewusst oder nicht – die Verbindung nie konkret benannt. „Persönlich“, murmelte Khepri. Das Wort brannte.
Ihre Finger glitten weiter über den Text. „Insbesondere Rabastan Lestrange galt während der Schulzeit als charismatisch, jedoch wenig ideologisch gefestigt – ein Umstand, der bei mehreren Mitschülern zu Fehleinschätzungen geführt hatte.“
Khepris Atem stockte. Wenig ideologisch gefestigt. Fehleinschätzungen. Sie starrte auf den Namen. Rabastan Lestrange. Nicht irgendein anonymer Mitläufer. Rabastan.
Und plötzlich war da ein zweites Gefühl neben der Wut: Verstehen. Nicht Rechtfertigung – niemals. Aber… Möglichkeit.
Sie erinnerte sich an die Schlussfolgerung: Wenn Shijia gezögert hatte – dann nicht aus politischer Sympathie. Nicht aus Angst. Nicht aus Loyalität gegenüber einer Bewegung. Sondern wegen einer Person. Wegen jemandem, den sie gekannt hatte. Nicht als Todesser. Sondern als Jungen.
Khepris Herz begann schneller zu schlagen. Nein, dachte sie sofort. Nein. Das ist Spekulation.
Aber ihr Verstand hatte bereits begonnen, die Linie zu ziehen und sie murmelte die Fakten vor sich hin. “Frühling 1975. Abwesenheit ihres Vaters. Mehrere Tage Zögern. Er wusste es nicht. Persönliche Bekanntschaft. Wenig gefestigt. Fehleinschätzung. Persönliche Bekanntschaft! Er wusste es nicht!”
Sie presste die Lippen aufeinander. Sie wollte zurück zu den Runen. Zu Emotion als Motor, zu etwas Abstraktem. Doch Hekau war nie abstrakt gewesen.
Es reagierte auf das, was man nicht aussprach. Khepri legte die Hand flach auf die Buchseite, als wollte sie das Zittern stoppen.
„Wenn es jemand war“, flüsterte sie, „dann jemand, bei dem es weh tat.“ Kein fanatischer Fremder. Kein gesichtsloser Name auf einer Liste. Jemand, den man nicht sofort verrät.
Und plötzlich war die Rechnung nicht mehr kalt, sie wurde persönlich. Nicht nur Betrug. Nicht nur Verrat an Caleb. Sondern zwei Verrate.
Ein und derselbe Mann. Der Gedanke traf sie wie ein Schlag. Untreue war kein isolierter Fehltritt gewesen. Sie war verbunden. Mit genau dem Moment, in dem ihre Mutter später die Auroren informierte. Khepri schloss die Augen.
Sie hatte die beiden Dinge bisher getrennt betrachtet. Betrug hier. Todesser dort.
Aber wenn es derselbe war… Dann war die Schuld keine doppelte. Sondern eine einzige, durchgehende Linie.
Ihre Finger verkrampften sich im Pergament. Sie öffnete die Augen wieder und sah den Namen an. Rabastan Lestrange.
Es war nicht mehr einer von mehreren. Es war nicht einmal mehr wahrscheinlich.
Es war –
der einzig mögliche Name.
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