Der Schnee hatte Hogwarts endgültig eingenommen.
Er lag nicht mehr nur auf Zinnen und Fensterbänken, sondern hatte sich in jede Ritze des Schlosses geschlichen, als wolle er bleiben. Die Höfe waren stiller als sonst, die Schritte der wenigen Schüler, die über Weihnachten geblieben waren, klangen gedämpft, beinahe respektvoll. Khepri mochte diese Tage. Hogwarts fühlte sich dann weniger wie eine Schule an und mehr wie ein lebendiges Wesen, das einmal tief Luft holte.
Im Gemeinschaftsraum der Slytherins brannte ein Feuer, das ungewohnt freundlich wirkte. Das Licht des Sees tanzte träge über die Wände, vermischte sich mit Kerzenschein und dem warmen silber und grün der Weihnachtsdekorationen, die irgendjemand - vermutlich Adrian Pucey, der jetzt ein ehrgeiziger Fünftklässler mit Hang zur Ästhetik geworden war - erstaunlich geschmackvoll angebracht hatte.
Khepri saß auf einem flauschigen grünen Teppich, den Rücken an eines der Sofas gelehnt, eine Tasse mit heißem Gewürztee in den Händen. Der Duft nach Zimt und etwas leicht bitterem stieg ihr in die Nase. Liliana hatte sich quer über das Sofa gelegt, die Füße hochgezogen, ein Buch offen auf dem Bauch, das sie seit mindestens zehn Minuten nicht mehr gelesen hatte. „Ich verstehe immer noch nicht“, murmelte Liliana, ohne aufzusehen, „warum Leute freiwillig nach Hause fahren, wenn Hogwarts so aussieht.“ Khepri lächelte schief. „Familienpflicht. Tradition. Oder der Wunsch, sich an Heiligabend aktiv mit seinen Eltern zu streiten.“ Sie jedenfalls konnte es verstehen. Sie fuhr normalerweise immer nach Hause, aber erstens war das hier ihre letzte Chance auf Weihnachten in Hogwarts und zweitens war ihr bei dem Gedanken, ihrer Mutter zu begegnen, ein kalter Schauer den Rücken runter gekrochen. Also blieb sie dieses Jahr hier.
Liliana lachte leise. „Stimmt. Das gehört für manche offenbar dazu.“
Ein paar Meter entfernt saß Percy an einem Tisch und versuchte sehr angestrengt, so zu tun, als würde er keine Liste führen. Khepri erkannte den Blick. Er sortierte gedanklich bereits alles, was noch vor den Prüfungen erledigt werden musste, auch wenn diese Wochen entfernt lagen. Penelope saß ihm gegenüber, hatte ihm kurzerhand seine Feder aus der Hand genommen und zeichnete kleine, absolut unstrukturierte Schneeflocken an den Rand seines Pergaments. „Es ist Weihnachten, Percy“, sagte sie ruhig. „Die Welt geht nicht unter, wenn du heute nichts planst.“ „Das sagst du jetzt“, erwiderte er, aber ohne echte Überzeugung.
Khepri ließ den Blick durch den Raum schweifen. Es war… gut. Still. Fast leicht. Und das irritierte sie ein wenig. Die letzten Monate hatten ihr beigebracht, dass Ruhe meist nur die Pause vor dem nächsten Gedankensturm war. „Du bist heute leise“, stellte Liliana fest. „Ich genieße es“, sagte Khepri ehrlich. „Solange es noch geht.“ Liliana musterte sie einen Moment länger, dann nickte sie langsam. Sie verstand mehr, als sie sagte.
Später, als die meisten in Richtung ihrer eigenen Gemeinschaftsräume und Schlafsäle verschwunden waren und der Raum nur noch von vereinzeltem Kerzenlicht erhellt wurde, trat Marcus durch den Eingang. Er wirkte ungewohnt entspannt, ohne Umhang, die Haare noch leicht feucht vom Schnee. Als er Khepri sah, zögerte er kurz – dann kam er direkt auf sie zu. „Hey“, sagte er. „Hey“, antwortete sie und stand auf, ohne genau zu wissen, warum.
Sie gingen nicht weit. Sie blieben in der Fensternische stehen, wo das Glas vom kalten Winter beschlagen war. Draußen sanken die Schneeflocken langsam in den Innenhof, lautlos, als hätten sie es eilig, niemanden zu stören. Marcus stellte sich neben sie, nicht ganz frontal, eher so, als wollte er ihr die Möglichkeit lassen, jederzeit einen Schritt zurückzugehen. „Ich bin nicht gut in…“ Er brach ab und schüttelte leicht den Kopf. „Du weißt schon.“ Khepri sah ihn von der Seite an. Sein Blick war auf den Schnee gerichtet, aber seine Schultern waren angespannt, als würde er sich auf etwas vorbereiten, das er nicht kontrollieren konnte. „In Reden?“, fragte sie sanft. „In Sachen, bei denen man etwas verlieren kann.“
Das traf sie unerwartet. Khepri spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog - nicht schmerzhaft, eher wie ein leiser Knoten aus Verstehen. „Du verlierst nichts“, sagte sie leise. „Nicht heute.“ Marcus atmete langsam aus, als hätte sie ihm gerade erlaubt, stehenzubleiben. „Ich bin froh, dass du hier bist“, sagte er dann. „Nicht nur… in Hogwarts. Sondern überhaupt.“ Er wandte sich ihr nun ganz zu, und sie sah, dass er nervös war. Wirklich nervös. Kein Quidditch-Kapitän, kein souveräner Gryffindor-Schreck, sondern einfach ein Siebzehnjähriger, der gerade etwas Wichtiges sagen wollte und nicht wusste, wie. „Ich auch“, antwortete sie. Und meinte damit mehr, als sie hätte erklären können.
Einen Moment lang passierte nichts. Der Schnee fiel weiter. Das Schloss atmete. Dann hob Marcus zögernd die Hand, hielt inne, als wolle er sich vergewissern, dass er durfte. Khepri schloss diese kleine Lücke, indem sie selbst einen Schritt näher trat. Ihre Finger berührten seinen Ärmel. Warm. Echt. Er beugte sich vor, langsam, fast vorsichtig. Khepri spürte sein Zögern - und nahm es ihm ab.
Der Kuss war weich. Unsicher an den Rändern. Kein Drängen, kein Anspruch. Nur ein vorsichtiges zueinanderfinden, als würden sie beide prüfen, ob das hier wirklich durfte. Marcus’ Hand fand ihren Rücken, nicht fest, eher haltend, und Khepri stellte überrascht fest, wie sehr sie dieses einfache gehalten werden brauchte. Als sie sich lösten, blieb er noch einen Atemzug lang zu nah. Sie konnten einander nicht ansehen, ohne zu lächeln.
„Okay“, murmelte Marcus. „Das war… besser als geplant.“ Khepri lachte leise, ihr Herz klopfte ruhiger, als sie erwartet hätte. „Du hattest einen Plan?“ „Nein“, gab er zu. „Aber ich hatte Angst, es zu vermasseln.“ „Hast du nicht.“ Er musterte sie einen Moment, als würde er sich dieses Bild merken wollen. Dann sagte er, fast verlegen: „Frohe Weihnachten, Khepri.“
Sie legte kurz die Stirn an seine Schulter. Nur für einen Augenblick. „Frohe Weihnachten, Marcus.“
Als sie später allein war, spürte sie den Kuss noch immer - nicht auf den Lippen, sondern irgendwo tiefer. Wie eine kleine, feste Gewissheit. Kein Versprechen. Kein Schwur. Aber ein Schritt. Ein großer? Oder ein kleiner? Sie wusste es nicht. Aber einer nach vorn war es allemal.
Es war nun der erste Weihnachtsfeiertag in Hogwarts.
Die Große Halle war festlich geschmückt, goldene Girlanden schwebten zwischen den Säulen, Kerzenlicht spiegelte sich auf dem dunklen Steinboden, und draußen legte sich frischer Schnee wie eine dünne Decke über das Schlossgelände. Es war warm hier, fast zu warm, und doch fühlte sich die Kälte des Winters angenehm fern an. Khepri saß mit Sara, Aaron und Maralen am Slytherin-Tisch, den Ärmel ihres Pullovers über die Hände gezogen. Neben ihrem Teller lag ein kleiner, schlichter Taschenspiegel. Shukrans Spiegel.
Er hatte ihn ihr am Abend vor seiner Abreise wortlos in die Hand gedrückt.
Für die Ferien, hatte er gesagt. Falls du… Er hatte den Satz nicht beendet. Er musste es nicht. Er musste Maya jetzt nicht über den Spiegel erreichen. Wahrscheinlich spürte er genau in diesem Moment ihre sanfte Körperwärme.
Geschenke wurden ausgepackt, Papier raschelte, irgendwo lachte jemand zu laut. Maralen hatte es tatsächlich geschafft, Aaron etwas zu schenken, das weder explodierte noch Geräusche machte, und Sara war begeistert über ein Notizbuch, das offenbar selbstständig Seiten sortierte.
Am Gryffindor-Tisch herrschte wie erwartet Chaos. Percy saß zwischen Fred und George, sichtbar bemüht, die Kontrolle zu behalten, während Ron bereits den dritten Schokofrosch aß und Ginny mit funkelnden Augen ein Geschenk betrachtete, das eindeutig nicht genehmigt war. Percy fing Khepris Blick auf, hob kurz sein Glas und lächelte. Ein stilles Frohe Weihnachten.
Liliana saß ein kleines Stück entfernt, Miles neben sich, beide entspannt, die Schultern locker. Sie sah glücklich aus. Nicht aufgeregt. Nicht überwältigt. Einfach… ruhig. Marcus war ebenfalls da, mit Adrian an seiner Seite, aber sein Blick wanderte immer wieder zu Khepri hinüber. Als sie ihn bemerkte, lächelte sie - klein, vertraut - und etwas in seiner Haltung löste sich.
Khepri griff schließlich nach dem Spiegel. Sie stand nicht auf, machte kein großes Ding daraus. Sie drehte ihn nur in ihren Händen, atmete kurz ein und legte den Daumen auf den Rand. „Shu“, murmelte sie.
Das Glas flackerte - ein sanftes, warmes Licht - und dann wurde das Bild klar. Ein Wohnzimmer, fremd und doch vertraut. Ein Sofa mit einer zu großen Decke. Pflanzen am Fenster. Und Shukran, der auf dem Boden saß, den Rücken an Mayas Beine gelehnt. Er sah sofort auf. Sein Gesicht hellte sich auf, als hätte jemand ein Licht angeknipst. „Hey“, sagte er. „Frohe Weihnachten“, antwortete Khepri leise.
Maya beugte sich ins Bild, lächelte, gesund, lebendig, ganz da. „Frohe Weihnachten, Khepri.“ Khepris Brust wurde weich. „Ich wollte nur kurz… nach dir sehen.“
Shukran schnaubte leise. „Ich werde hier gerade mit Plätzchen zwangsernährt.“ Maya grinste. „Er übertreibt. Minimal.“ „Du fehlst“, sagte Khepri ehrlich.
Shukrans Blick wurde warm. „Du weißt, dass ich genau da bin, wo ich sein muss.“ Sie nickte. Natürlich wusste sie das. „Es funktioniert noch“, sagte er leise und tippte gegen den Spiegel. „So klar wie gestern, vorgestern und die letzten drei Wochen.“ „Gut“, flüsterte Khepri. „Das bleibt auch so.“
Sie sahen sich einen Moment lang nur an - Geschwister, verbunden über Raum und Schnee hinweg - und dann lächelte Shukran schief. „Mach dir keinen Stress heute. Hab Spaß. Und… danke. Für alles.“ „Immer“, sagte sie.
Das Bild verblasste langsam, wurde wieder zu einfachem Glas. Khepri ließ den Spiegel sinken, hielt ihn einen Moment fest, bevor sie ihn zurück in die Tasche steckte. Niemand hatte gedrängt. Niemand hatte gestört. „Alles okay?“, fragte Sara leise. Khepri nickte. „Ja. Wirklich.“
Die Halle fühlte sich danach nicht leerer an. Eher vollständiger. Marcus kam später zu ihr, stellte ihr wortlos einen Becher mit etwas Warmem hin. „Zimt“, sagte er. „Und irgendwas, das offiziell nicht im Rezept steht.“ Sie lachte leise. „Perfekt.“ Und während draußen der Schnee weiter fiel, saßen sie alle da, verteilt über Tische, Häuser und Entscheidungen hinweg und für diesen einen Tag fühlte sich alles… richtig an.
Der zweite Kuss kam nicht aus Nervosität, das war Khepri später klar.
Der erste hatte aus all dem bestanden, was sich zu lange aufgestaut hatte - Nähe, Unsicherheit, ein vorsichtiges Abtasten. Der zweite war… Entscheidung.
Sie saßen im Gemeinschaftsraum, spät, fast schon zu spät für vernünftige Gespräche. Das Feuer im Kamin war heruntergebrannt, nur noch Glut, und das grünliche Licht des Sees zog träge Muster über die Wände. Marcus hatte sich neben sie gesetzt, nicht gegenüber, nicht mit Abstand, einfach nah. Sie sprachen nicht viel, und wenn dann über belanglose Dinge. Über einen misslungenen Geschenkzauber. Über einen Erstklässler, der versucht hatte, Schneeflocken zu konservieren. Worte als Vorwand, nicht als Inhalt. Khepri merkte irgendwann, dass Marcus sie ansah. Nicht starrend oder fordernd, sondern so, als würde er überlegen, ob er etwas sagen sollte - und sich dann doch dagegen entscheiden. „Was?“, fragte sie schließlich.
„Nichts“, sagte er. Zu schnell. Sie hob eine Augenbraue. „Marcus.“
Er seufzte leise, fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Ich wollte nur… checken, ob das gestern für dich okay war.“ Kein Witz. Keine Ironie. „Der Kuss.“ Khepri spürte, wie etwas in ihr weich wurde. „Ja“, sagte sie ruhig. „War es.“ Er nickte, als würde er sich das abspeichern. „Gut.“
Ein paar Herzschläge lang war nur das Knistern der Glut zu hören. Dann sagte sie: „Du denkst gerade viel.“ „Du auch.“ „Stimmt.“ Sie drehte sich ein wenig zu ihm, zog ein Knie an, saß ihm jetzt halb zugewandt. „Wenn du Angst hast, dass ich es bereue…“ „Hab ich nicht“, unterbrach er sie sofort. Dann langsamer: „Ich hab eher Angst, dass ich irgendwas kaputt mache. Hab ich immer, besonders bei dir.“
Das war so ehrlich, dass sie kurz lachen musste. Nicht spöttisch, oh nein, nur erleichtert. „Willkommen im Club.“ Sie sahen sich an. Dieses Mal ohne Umwege.
Marcus hob die Hand - nicht zögernd, sondern klar - und legte sie an ihre Wange. Kein Ziehen, kein Drängen. Nur Wärme. Khepri schloss unbewusst die Augen, lehnte sich in die Berührung. Der zweite Kuss war anders. Er war länger. Ruhiger. Keine Eile, kein Testen. Ihre Lippen fanden sich, als wüssten sie bereits, wo sie hingehörten. Marcus’ Daumen strich sacht über ihre Wange, Khepris Hand fand seinen Unterarm, hielt ihn fest. Es war kein Feuerwerk. Es war ein Ja. Als sie sich lösten, blieb seine Stirn an ihrer. Sie atmeten denselben warmen, leicht nach Kamin riechenden Raum. „Okay“, murmelte Marcus, genau wie beim ersten Mal. „Okay“, bestätigte sie. Er zog sich minimal zurück, nur so weit, dass er sie ansehen konnte. „Ich glaube…“ Ein kurzes Zögern. Keine Feigheit, eher Sorgfalt. „Ich glaube, ich will das nicht halb machen.“ Khepris Herz schlug ruhig. Stark. „Ich auch nicht.“
„Also…“ Er verzog den Mund schief. „Sind wir jetzt… zusammen?“ Sie lächelte. Kein großes Lächeln. Eines, das blieb. „Ja“, sagte sie. „Ich glaube das sind wir.“ Er atmete hörbar aus, als hätte er unbewusst die ganze Zeit die Luft angehalten. „Gut.“ „Gut“, bestätigte sie.
Sie lehnten sich wieder aneinander, Schulter an Schulter. Kein großes Reden mehr nötig. Draußen glitt ein dunkler Schatten durch den See. Drinnen war etwas in Ordnung gerückt.
Khepri lag an diesem Abend noch lange wach und dachte nach. Sie fühlte sich nicht unruhig, es war eher dieses angenehme, fast schwebende Wachsein, das blieb, wenn etwas richtig gewesen war. Marcus’ Hand hatte sich warm angefühlt. Schwer genug, um echt zu sein und leicht genug, um nicht zu fordern. Der Gedanke daran ließ etwas in ihrer Brust ruhig werden, als hätte jemand einen Ton getroffen, der genau passte. Kein Wirbel. Kein Ziehen. Einfach… Stimmigkeit. Zusammen, dachte sie. Das war… sehr aufregend.
Sie drehte sich auf die Seite, zog die Decke ein Stück höher und ließ dieses Gefühl noch einmal durch sich laufen. Seine vorsichtige Frage. Das ehrliche Ja. Keine Versprechen für später, nur ein Jetzt. Es tat gut. Vielleicht ein bisschen zu gut.
Und genau da - ganz leise, fast respektvoll - schob sich etwas anderes dazwischen.
Sie hörte Percys Stimme von früher am Abend, sachlich wie immer, aber mit dieser Spannung darunter, die er bekam, wenn er etwas nicht losließ. Es waren mehrere Tage. Nicht ein Moment. Sie hat gezögert.
Khepri hatte genickt, hatte „Macht Sinn“ gesagt, obwohl sie die Beweggründe dahinter überhaupt nicht sinnvoll fand, hatte versucht, es einzuordnen wie eine Information unter vielen. Jetzt, im Dunkeln, ließ es sich nicht mehr wegschieben. Warum zögert jemand?
Nicht aus Gleichgültigkeit. Nicht, wenn am Ende doch gehandelt wird.
Sie starrte an die Unterseite des Vorhanges über ihr, wo der Schatten des Baldachins sich bewegte, wenn draußen jemand durch den Flur ging. Was hätte Mama davon abgehalten?
Nicht Angst um sich selbst - das passte nicht.
Nicht mangelndes Wissen - dafür hatte sie zu gezielt gehandelt.
Also… etwas Persönliches. Ein Name, der nicht nur ein Name war. Ein Gesicht, das einmal dazugehört hatte.
Khepri schluckte. Vielleicht, dachte sie langsam, vorsichtig, kannte sie einen von ihnen. Vielleicht war einer von ihnen nicht immer „Todesser“ für sie gewesen. Nicht „Monster“. Ein Kommilitone vielleicht, ein Mitschüler. Ein Gespräch im Innenhof. Jemand, der Tränke genauso verabscheute oder liebte wie sie. Jemand, bei dem man dachte: Der würde sowas nie tun. Der Gedanke tat weh, ohne laut zu sein. Es war so menschlich. Und genau deshalb so gefährlich, zu lange an Unschuld glauben zu wollen. Nicht, weil man falsch ist, sondern weil man dann hofft und sich verblendet.
Khepri drehte sich auf den Rücken, legte einen Unterarm über die Augen. Sie sah Shijias Gesicht vor sich, dieses ruhige, warme Lächeln, das immer ein kleines Stück mehr wusste, als es zeigte. Wenn das stimmt, dachte sie, dann war die Schuld nicht die Tat allein, sondern das Warten. Dass es die Longbottoms gebraucht hatte. Dass vorher noch ein Vielleicht irre ich mich existiert hatte. Ihr Magen zog sich zusammen.
Sie wollte aufspringen, wollte etwas tun, wollte den Gedanken sofort weiterverfolgen - aber sie tat es nicht. Noch nicht. Das hier war kein Beweis. Nur eine Richtung. Ein erster, vorsichtiger Schritt. Große Schritte, kleine Schritte, sagte sie wie ein Mantra vor sich her.
Khepri ließ den Arm sinken und atmete langsam aus. Das Gefühl von Marcus’ Lippen auf ihren war noch da. Es war so warm. Und daneben - jetzt unübersehbar - dieses andere Gefühl: Dass sie näher an etwas war - nicht an der ganzen Wahrheit, aber näher als je zuvor. „Okay“, flüsterte sie in die Dunkelheit, mehr zu sich selbst als zu irgendwem sonst. „Ich denk drüber nach.“ Der Gedanke blieb in ihrem Hinterkopf und würde nicht mehr verschwinden.
Khepri setzte sich ruckartig auf, als ein böser Gedanke ihren Rücken herauf kroch. Es war eine Rechnung, eine einfache Gleichung, die ihr schon einmal irgendwann kurz aufgefallen war - aber damals hatte sie diesen Gedanken verworfen, hatte sie doch keinen Grund, zu zweifeln. Jetzt, mit allem, was sie wusste, war Verdrängen keine Option mehr.
Der Schlafsaal lag still um sie herum. Beunruhigend still. Selbst das Wasser des Schwarzen Sees schien sich nicht zu bewegen, als hätte das Schloss begriffen, dass hier gerade etwas Unumkehrbares gedacht wurde. Khepri atmete einmal tief ein. Dann noch einmal.
Ordnung, sagte sie sich. Nicht fühlen, rechnen. Geburtsdatum: 14. Februar 1976.
Wie jedes andere Kind auch kannte sie ihren Geburtstag, seit sie denken konnte. Ihre Mutter hatte sie alle jedes Jahr gefeiert, als sei allein ihre Existenz ein Beweis dafür, dass alles richtig gewesen war.
Neun Monate zurück. Grob gerechnet, selbst großzügig gerechnet. Mai 1975. Der Gedanke traf sie wie ein Schlag in den Magen. Frühling.
Und mit einem Mal waren da keine Zahlen mehr, sondern Erinnerungen. Gespräche, die sie nie hinterfragt hatte. Nebensätze. Erklärungen: Papa ist im Frühling immer im Ausland. Internationaler Einsatz. Das dauert. Wir warten zusammen auf ihn.
Es waren immer Monate, keine Wochen. Immer von April bis Juli. Khepri spürte, wie ihre Finger sich in die Bettdecke krallten. „Nein“, sagte sie laut. Schärfer, als sie es beabsichtigt hatte. Aber der Gedanke blieb, unbeeindruckt und unerbittlich.
Wenn Caleb Khairy im Frühling 1975 nicht da gewesen war, wie er jedes Jahr im Frühling nicht da war - wenn Shu und sie im Februar 1976 geboren worden waren - wenn ihre Mutter etwas mit sich herumtrug, das sie nicht wiederholen wollte - dann hatte das nichts mit Krieg zu tun, nichts mit Politik und verdammt noch mal nichts mit Opfermut.
Khepri griff nach dem kleinen Etui auf ihrem Nachttisch. Die Aufzeichnung der Scripta Memoriae lag darin wie etwas, das geduldig gewartet hatte. Sie zog das Pergament hervor.
es tut mir leid
ich wollte das nicht
zu spät
er wusste es nicht
niemand darf es wissen
mein kind… verzeih mir
Khepris Blick blieb an einer einzigen Zeile hängen: Er wusste es nicht.
Nicht: Sie wussten es nicht, nicht: Niemand wusste es. Er. Papa.
Der Mann, der sie großgezogen hatte. Der ihr beigebracht hatte, wie man Fahrrad fährt, Runen sauber zieht und Schultern gerade hält. Der ihr gesagt hatte, dass Wahrheit manchmal weh tut, aber immer besser ist als eine Lüge. Eine Lüge! Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen. „Du hast ihn belogen“, flüsterte sie in die Dunkelheit. Ihr Ton war nicht anklagend, feststellend. Eine Spur Entsetzen schwang darin mit.
Ihre Mutter hatte nicht geschwiegen, weil sie gezögert hatte und nicht, weil sie unsicher gewesen war, sondern weil sie etwas zu verbergen hatte.
Untreue. Das Wort schmeckte bitter. Nicht heroisch. Nicht tragisch. Klein. Persönlich. Feige.
Sie hatte einen Fehler gemacht - und danach jeden einzelnen Tag entschieden, ihn zu verstecken. Vor ihrem Mann. Vor ihren Kindern. Vor der Welt. Niemand darf es wissen.
Khepri lachte leise und humorlos auf „Natürlich“, murmelte sie. „Natürlich darf es niemand wissen.“
Weil es nicht erklärbar war, kein Opfer war. Einfach nur Verrat war.
Sie ließ das Pergament sinken. Das hier war der Riss, aus dem alles andere entstanden war. Und plötzlich war da keine sanfte Traurigkeit mehr in Khepri, und keine nachsichtige Liebe für ihre Mutter, sondern ein harter, klarer Gedanke: Das ist es. Sie wusste, dass ihre Mutter sie jahrelang angelogen hatte. Khepri legte das Pergament zurück in das Etui. Diesmal vorsichtig - nicht aus Respekt, sondern aus einem Versuch, die Kontrolle zu behalten. Etwas in Khepri Khairy war unwiderruflich kalt geworden.
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