Khepri war sich ziemlich sicher, dass ihr Kopf sich anhörte wie ein Bienenstock.
Nicht dieses sanfte, beruhigende Summen, sondern das aggressive, hektische Brummen, kurz bevor ein ganzer Schwarm auffliegt und jemanden sticht. Gedanken schossen durcheinander, prallten gegeneinander, ließen keinen Raum für Ruhe. Sie saß auf der schmalen Steinbank der Eulerei, den Rücken an die kalte Wand gelehnt, Pergament auf den Knien, Feder in der Hand - aber bisher hatte sie nichts fertiggebracht, was auch nur annähernd nach einem fertigen Satz aussah.
Der Wind zog durch die offenen Bögen, brachte Schnee und Federn mit sich, ließ Eulen aufgeregt flattern. Es roch nach kalter Luft, nach Tier, nach altem Stein. Normalerweise mochte sie diesen Ort. Heute machte er sie nervös.
Sie betrachtete das Pergament. Die zwanzigste Version. Sie wusste das so genau, weil sie die neunzehn davor zerknüllt und sorgfältig gezählt hatte, bevor sie sie in die Ecke geworfen hatte, als könnte Ordnung in den Papierhaufen auch Ordnung in ihren Kopf bringen.
Liebe Mama, auf gar keinen Fall.
Shijia, nein. Zu kalt. Zu distanziert.
Ich muss mit dir über etwas sprechen, feige.
Ich weiß etwas, zu unklar. Zu gefährlich.
Khepri drückte die Feder fester zwischen die Finger, als würde sie das Pergament einschüchtern wollen. Worte waren sonst ihr Werkzeug. Runen. Systeme. Logik. Dinge ließen sich ordnen, benennen, entschlüsseln. Aber das hier? Das hier war kein Rätsel. Das hier war ein Schlag ins Gesicht - und sie wusste nicht einmal, wie fest sie zuschlagen durfte - oder wollte.
Wäre ich doch nach Hause gefahren, dachte sie zum wiederholten Mal, bitterer als zuvor. Weihnachten. Sie hätte es sehen können. Ihrer Mutter ins Gesicht schauen. Den Moment nicht zerdenken, sondern erleben. Vielleicht hätte Shijia gezögert. Vielleicht wäre etwas verrutscht, vielleicht hätte sie ein Blick verraten, oder ein Atemzug zu viel. Eine Wahrheit, die sich nicht mehr hätte halten lassen. Stattdessen saß sie in Hogwarts und musste stattdessen auf die Sommerferien warten. Das war noch Monate hin! Monate mit diesem Wissen, das sich wie ein scharfer Stein unter ihrer Haut festgesetzt hatte.
Sie begann erneut zu schreiben: Ich weiß, dass du Papa belogen hast. Die Feder stockte. Ihre Hand zitterte. Sie starrte auf den Satz, als hätte er sich selbst geschrieben. Papa. Der Mann, der ihr das Fahrradfahren beigebracht hatte. Der bei Albträumen nachts an ihrem Bett gesessen hatte. Der sie Mäuschen genannt hatte, immer, mit diesem leichten Stolz in der Stimme. Sie zog die Feder hastig zurück und strich den Satz durch, so fest, dass das Pergament beinahe riss. Nein. Nicht so.
Das hier war kein Brief. Das war eine Konfrontation. Und die ließ sich nicht in sauber gesetzte Zeilen pressen, nicht zwischen Höflichkeit und Rücksichtnahme verstecken.
Sie dachte an Shukran. Alles, was für sie galt, galt für ihn selbstverständlich genauso. Und sie dachte an ihren Vater. Dieser Gedanke traf sie härter als alles zuvor. Seine Frau hat ihn betrogen.
Und achtzehn Jahre lang hatte er zwei Kinder geliebt, die nicht sein Blut waren, ohne es zu wissen. Khepris Magen zog sich zusammen. Ihre Fingerspitzen kribbelten. Sie konnte das nicht per Eule klären. Sie durfte es einfach nicht. Nicht mit einem Brief, der irgendwo im Wohnzimmer landete, zwischen Frühstückstassen und Alltagsgeräuschen. Nicht ohne Blickkontakt. Nicht ohne die Möglichkeit, aufzustehen, wegzugehen, zu bleiben, zu schreien oder zu schweigen. Es war ihr verdammtes Recht, ihrer Mutter dabei ins Gesicht zu sehen.
Langsam legte sie die Feder beiseite. Das Pergament vor ihr war voll von halben Sätzen, gestrichenen Worten, Andeutungen von Wut und zurückgehaltener Verzweiflung. Nichts davon war brauchbar. Nichts davon war genug.
Sie schloss kurz die Augen. Das braucht ein persönliches Gespräch. Und dieser Gedanke machte sie wütend.
Warten. Noch einmal warten. Noch einmal still sein. Ihre Ungeduld fraß sich durch sie hindurch wie Säure. Khepri griff nach einem neuen, kleinen Zettel. Kein Briefpapier. Kein Siegel. Kein Name. Nur ein Stück Pergament, roh und ehrlich in seiner Kargheit.
Sie schrieb langsam, deutlich und ohne Zögern: Ich weiß, was du getan hast.
Sie fügte keinen Gruß, Abschied oder Absender hinzu.
Sie betrachtete den Satz lange. Er war brutal. Unfair. Absichtlich vage. Eine Drohung, absolut - aber auch ein Versprechen. Ich bin nicht mehr ahnungslos. Und ich werde nicht schweigen.
Khepri faltete den Zettel sorgfältig, als würde sie etwas Zerbrechliches schützen, und trat zu den Sitzstangen. Eine große, graue Eule sah sie an, den Kopf leicht schiefgelegt, klug und geduldig. „Zu Shijia Khairy“, murmelte Khepri. Ihre Stimme klang ruhig. Zu ruhig. Die Eule nahm den Zettel, stieß sich ab und verschwand in den grauen Himmel. Khepri blieb stehen, die Hände leer, das Herz rastlos. Der Sommer würde erneut kommen, und dann würde alles gesagt werden müssen. Ob sie bereit war oder nicht.
Khepri ging ein paar Tage später neben Marcus durch den unteren Korridor, ihre Schritte im gleichen Rhythmus, ohne dass sie es bewusst geplant hätten. Ihre Hand lag in seiner, fest, selbstverständlich - nicht tastend wie beim ersten Mal, sondern ruhig, als hätte sie schon immer dort hingehört. „Du bist heute still“, sagte Marcus schließlich. Es war kein Vorwurf, nur eine Feststellung. „Ich weiß“, antwortete sie ehrlich. „Ich denke viel.“ „Über komplizierte Dinge?“ Sie schnaubte leise. „Über alles.“ Marcus lächelte schief. „Fair.“
Sie verließen das Schlossgelände in Richtung der Gewächshäuser, nicht weil sie ein Ziel hatten, sondern weil der Weg frei war. Der Schnee knirschte leise unter ihren Schuhen. Ihr Atem stand als kleine Wolken in der Luft.
„Ist das okay für dich?“, fragte Marcus nach einer Weile. „Was meinst du?“ „Dass wir… das hier jetzt so nennen.“ Er machte eine vage Bewegung mit der freien Hand. „Zusammen. Ohne großes Drama.“ Khepri blieb stehen. Drehte sich zu ihm. Sah ihn an - wirklich an. Sie fand es süß, dass er immer noch sicher gehen wollte, dass sie zufrieden mit dieser Entscheidung war. „Ja“, sagte sie. „Das ist perfekt.“ Er musterte sie kurz, als würde er prüfen, ob sie es meinte. Dann nickte er. „Gut.“
Sie traten näher zusammen. Marcus beugte sich zu ihr, langsam genug, dass sie hätte ausweichen können, aber Khepri tat es nicht. Er drückte ihr einen liebevollen Kuss auf die Lippen, und einen zweiten auf die Stirn. Als sie sich lösten sah er ihr fest in die Augen. „Ich bleib da“, sagte er leise. „Auch wenn du denkst.“ Sie schloss kurz die Augen. „Ich weiß.“
Zur gleichen Zeit, nur ein paar Korridore weiter, saß Liliana mit Evan auf einer niedrigen Steinmauer nahe des Innenhofs. Sie hatten Tee aus Hogsmeade in Bechern, die viel zu heiß waren, und redeten über nichts Wichtiges: über Pflanzen, die in Hogwarts erstaunlich gut wuchsen, über Professor Sprouts neueste Schützlinge, über einen Hufflepuff-Zweitklässler, der überzeugt war, dass Mandragoren Gefühle hätten. Liliana lachte mehr als sonst. Nicht schrill. Nicht gespielt. Einfach… entspannt. „Du wirkst anders“, sagte Evan irgendwann. „Nicht schlechter.”, setzte er schnell hinterher und hoffte, dass sie das nicht falsch verstehen würde. „Nur… leichter.“ Liliana sah ihn an. „Vielleicht bin ich das gerade.“ Er nickte. „Dann freut mich das.“ Sie schwiegen eine Weile, Schulter an Schulter, die Kälte vergessen. Evan fragte nichts, drängte nicht. Und Liliana stellte fest, dass genau das ihr gefiel. „Ich komme nicht besonders gut klar mit… Erwartungen“, sagte sie schließlich. „Ich auch nicht“, erwiderte er. „Deshalb stelle ich keine.“ Sie sah ihn überrascht an. Dann lächelte sie. Ein echtes, kleines Lächeln.
Später, zurück im Slytherin-Gemeinschaftsraum, saß Khepri noch eine Weile am Kamin, Marcus’ Hand locker um ihre gelegt. Das Feuer knisterte leise, warf tanzende Schatten an die Wände. Alles fühlte sich… richtig an.
In ihrem Kopf lag der Satz wie ein Stein unter ruhigem Wasser: Ich weiß, was du getan hast.
Der falsche Frieden hielt noch. Aber Khepri war klar: Er würde nicht ewig halten.
Percy hatte sich wie immer in eine der hinteren Nischen in der Bibliothek zurückgezogen. Seine Bücher lagen ordentlich gestapelt, seine Notizen fein säuberlich beschriftet. Er sah auf, als Khepri näherkam, und in dem Moment, in dem sich ihre Blicke trafen, wusste er: Das war kein Ich brauche Hilfe bei Arithmantik-Besuch. „Hey“, sagte er leise und schob den Stuhl neben sich ein Stück zurück. „Alles okay?“ Khepri setzte sich. Sie sagte nichts. Sie starrte einen Moment auf die Tischkante, als müsste sie erst prüfen, ob sie stabil genug war, um überhaupt zu sprechen. „Nein“, sagte sie schließlich. „Aber ich kann gerade auch nichts anderes sagen.“ Percy nickte.
„Ich habe gerechnet“, begann sie dann. Ihre Stimme war ruhig, aber zu ruhig - wie jemand, der Angst hatte, lauter zu werden. „Nicht mit Runen oder Theorien. Mit Daten.“ Percy richtete sich ein klein wenig auf. „Okay.“
„Geburt. Zeugung. Abwesenheiten.“ Sie schluckte. „Und es… es geht auf. Auf eine Weise, die es nicht sollte.“ Sie sah ihn jetzt an. Seine Augen waren offen, aufmerksam, völlig wertungsfrei. „Ich glaube“, sagte sie leise, „dass meine Mutter meinen Vater betrogen hat.“
Der Satz fiel zwischen ihnen wie etwas Zerbrechliches. Percy zuckte nicht zusammen. Er sog nur langsam Luft ein. „Und Papa wusste nichts“, fügte Khepri hinzu. „Da bin ich mir sicher.“ Ein Moment verging. Dann noch einer. „Danke, dass du mir das sagst“, sagte Percy schließlich. Sie lachte kurz auf. Ein brüchiges, ungläubiges Geräusch. „Das ist… eine seltsame Reaktion.“ „Nein“, erwiderte er ruhig. „Das ist die richtige. Weil das hier nichts ist, was man kommentiert. Das ist etwas, das man aushält.“
Khepris Augen brannten plötzlich. Sie wandte den Blick ab, presste die Lippen zusammen - vergeblich. „Ich habe Marcus nicht gesagt“, flüsterte sie. „Und Liliana auch nicht. Noch nicht. Aber dir… dir musste ich es sagen.“ Percy sah sie an. „Warum mir?“
Sie zuckte hilflos mit den Schultern. „Weil du…“ Ihre Stimme brach. Sie atmete scharf ein. „Weil du Fakten siehst, ohne sie zu verdrehen. Und weil du mich nicht tröstest, indem du mir erklärst, dass alles bestimmt einen guten Grund hatte.“ „Manchmal“, sagte er leise, „hat etwas keinen guten Grund. Manchmal ist es einfach nur wahr.“
Ab da liefen die Tränen. Still, heiß, unaufhaltsam. Khepri wischte sie sich nicht weg. Sie ließ sie einfach kommen. „Ich kann gerade nichts tun“, brachte sie hervor. „Ich kann sie nicht zur Rede stellen. Ich kann nichts erklären. Ich kann nur… warten.“ Percy schob ihr wortlos ein Taschentuch hin. „Dann sorgen wir dafür, dass du in der Zwischenzeit nicht untergehst.“ Sie atmete zittrig aus und nickte.
„Die Prüfungen stehen bald an“, fügte er hinzu, fast beiläufig. „Und so unfair das klingt - sie warten nicht auf dich, nur weil das Leben kompliziert ist.“ Khepri lachte leise, nass im Gesicht. „Life goes on.“ „Leider sehr zuverlässig“, bestätigte Percy trocken. Er schob ihr ein Pergament hin. „Alte Runen. Wir sind bei den Anwendungsfragen. Willst du anfangen oder soll ich?“ Sie sah auf die Zeilen. Atmete noch einmal tief durch. Und dann nickte sie. „Okay“, sagte sie. „Dann lernen wir jetzt.“
Der Schlafsaal lag im Dämmerlicht der Unterwasserreflexe, grünlich und ruhig. Khepri saß auf ihrem Bett, die Knie angezogen, den Rücken an die kühle Steinwand gelehnt. Um sie herum atmeten die anderen Mädchen leise, gleichmäßig, geborgen. Sie war nichts davon.
Sie schloss die Augen und die Bilder kamen sofort. Wie in einer schlecht geschnittenen Erinnerungsspur, tauchten sie auf, weich, überbelichtet, fast zu schön.
Caleb Khairy, lachend, mit hochgekrempelten Ärmeln und Mehl im Haar. Ein Sommertag mit einem improvisierten Picknick im Garten. Shukran, damals noch genauso klein wie Khepri, auf seinen Schultern und Khepri selbst barfuß, mit Grasflecken an den Knien, eine Limonade in der Hand, die viel zu süß war. „Nicht rennen!“, hatte Shijia Khepris älterem Bruder Teremun nachgerufen, halb lachend, halb streng. Ein normales Leben. Ein gutes Leben. Khepris Brust zog sich zusammen. War es das wirklich?
Das nächste Bild: Winterabende. Caleb am Kamin, ein Buch in der Hand, das er nicht las. Er hörte ihnen zu. Immer. Wirklich zu. Wenn Khepri sprach, legte er das Buch weg. Wenn Shukran schwieg, fragte er nicht, sondern wartete. Sie alle fünf hatten sich von ihrem Papa immer verstanden gefühlt.
Sie hatte nie gezweifelt, dass er ihr Vater war. Nicht einen einzigen Moment lang. Jetzt versuchte sie es. Sie suchte verzweifelt nach Rissen in den Erinnerungen. Nach Momenten, die plötzlich Sinn ergaben. Nach Blicken, nach Unsicherheiten, nach diesem einen falschen Tonfall, der alles erklärt hätte. Aber da war nichts - keine Distanz oder Kälte, kein Zögern.
Nur seine Liebe. „Verdammt“, flüsterte sie in die Dunkelheit.
Wenn es so gewesen war - wenn Caleb Khairy wirklich nicht ihr Vater war - dann war trotzdem nichts davon gespielt gewesen. Dann war das hier keine Lüge gewesen, sondern etwas viel Grausameres: Wahrheit auf falschem Fundament.
Sie sah Shijia vor sich. Ihre Mutter, wie sie sie kannte: ruhig, gesammelt, beherrscht. Immer ein kleines Lächeln, selbst wenn sie müde war. Selbst wenn etwas schmerzte. Shijia, die nie laut wurde. Nie unbedacht sprach. Die alles in sich trug und nichts nach außen fallen ließ.
Hätte man es merken können? Khepri wühlte tiefer in den Erinnerungen. Gespräche am Küchentisch. Abende, an denen Shijia schweigsamer gewesen war als sonst. Tage, an denen sie zu lange aus dem Fenster gesehen hatte. Aber waren das Schuldzeichen gewesen? Oder einfach Menschlichkeit? „Du hast es perfekt versteckt“, flüsterte Khepri bitter. „So perfekt, dass niemand eine Chance hatte.“ Nicht einmal sie selbst.
Und plötzlich war da ein Gedanke, der ihr fast den Atem nahm: Wie lebt man weiter mit so etwas? Mit dem Wissen, dass die eigene Existenz aus einem Moment entstanden war, der niemals hätte passieren dürfen. Dass zwei Leben - ihres und Shukrans - auf einem Geheimnis ruhten, das alles zerstören konnte, sobald man es aussprach. Sie presste die Stirn gegen ihre Knie.
Und was ist mit Shukran? Der Gedanke tat fast körperlich weh. Er hatte sich gerade erst stabilisiert. Gerade erst wieder zu sich selbst gefunden. Sollte sie ihm das jetzt nehmen? Ihm diese Wahrheit hinwerfen, ohne Beweise, ohne Namen, ohne Halt? Oder war es Verrat, zu schweigen? Ihre Finger krallten sich in den Stoff ihres Nachthemdes.
Alles, was für mich gilt, gilt auch für ihn. Und für Caleb. Caleb, der sie beide großgezogen hatte. Der sie geliebt hatte, ohne je zu wissen, dass ihm etwas Entscheidendes verschwiegen worden war. „Wie soll ich dir das jemals sagen?“, flüsterte sie. Die Antwort kam nicht. Der Schlafsaal blieb ruhig. Die Erinnerungen zerflossen langsam, wurden undeutlicher, aber der Beigeschmack blieb. Wie etwas Süßes, das zu lange im Mund gelegen hatte. Am Ende blieb nur diese eine, schwere Erkenntnis: Sie konnte nicht zurück. Sie konnte nicht vergessen. Und sie konnte es nicht allein tragen.
Aber sie durfte es auch nicht unbedacht weitergeben. Khepri legte sich zurück, starrte an den Baldachin ihres Himmelbetts. Die grünen Lichtreflexe tanzten darüber hinweg, sanft, beinahe tröstlich. Vielleicht, dachte sie erschöpft, ist Schweigen gerade das kleinere Übel. Zumindest vorerst.
Khepri hielt es genau eine Stunde aus, dann schob sie die Decke zurück, setzte sich auf und wusste, dass Schlaf heute keine Option mehr war. Die Gedanken hatten sich nicht gelegt, sie hatten sich nur neu sortiert, wie Scherben, die man nicht mehr ignorieren konnte, egal wie vorsichtig man sich bewegte.
Sie zog sich leise etwas über, schlüpfte aus dem Schlafsaal und ließ die Tür hinter sich zufallen, ohne dass sie ein Geräusch machte. Der Gemeinschaftsraum lag im gedämpften Halbdunkel, das Feuer im Kamin brannte niedrig, aber stetig. Und da war er.
Marcus saß am Tisch nahe dem Kamin, über Pergamente gebeugt, die Ärmel seines Pullovers hochgeschoben, die Haare zerzaust, als wäre er schon zum dritten Mal durchgefahren. Neben ihm lagen Bücher, ordentlich gestapelt, daneben eine zerzauste Feder, die eindeutig schon bessere Tage gesehen hatte.
Khepri blieb einen Moment stehen. Sie war gar nicht überrascht. Nur… erleichtert.
Marcus sah auf, blinzelte einmal, dann noch einmal. „Hey“, sagte er leise. „Ich dachte, ich halluziniere.“ Sie lächelte schwach und ging zu ihm. „Tust du nicht.“ Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Es ist drei Uhr morgens.“ „Ich weiß.“
Er zog eine Augenbraue hoch. „Alles okay?“ Sie antwortete nicht sofort. Stattdessen sah sie auf die Bücher. „Lernmarathon?“ Marcus folgte ihrem Blick, atmete aus und lehnte sich im Stuhl zurück. „Ja. Mir wurde heute ziemlich klar gesagt, dass ich ohne deutliche Verbesserung den Abschluss vergessen kann.“ Ein schiefes Lächeln. „Oder es nächstes Jahr nochmal versuchen darf.“
Khepri setzte sich auf die Tischkante. „Deshalb nachts?“ „Tagsüber ist Quidditch, Unterricht, Training, irgendwer braucht immer irgendwas“, sagte er ruhig. „Nachts fragt keiner Fragen.“ „Du schläfst sowieso kaum.“ „Stimmt.“ Er zuckte mit den Schultern. „Und wenn ich schon wach liege, kann ich auch produktiv verzweifeln.“ Sie lachte leise - ein kurzes, brüchiges Geräusch - und erst da sah er sie genauer an. „Du bist nicht okay“, stellte er fest.
Khepri schüttelte den Kopf. Keine Ausrede mehr. Sie ging einen Schritt näher, zog die Decke vom Stuhl neben ihm hoch und ließ sich einfach gegen ihn sinken. Er zögerte keine Sekunde, legte einen Arm um sie, zog die Decke über beide. Sie legte den Kopf an seine Schulter, schloss die Augen. „Ich kann nicht schlafen“, sagte sie leise. „Wenn ich die Augen schließe, fängt mein Kopf an zu rechnen.“ Marcus sagte nichts. Er wartete.
„Ich hab… etwas begriffen“, fuhr sie fort. Ihre Stimme war ruhig, fast zu ruhig. „Etwas, das ich nicht mehr wegdenken kann.“ Er atmete langsam aus. „Dann erzähl’s mir.“ Und sie tat es, stückweise. Das Geburtsdatum. Die Rückrechnung. Der Frühling. Der internationale Einsatz. Die Worte der Feder. Er wusste es nicht.
Als sie stockte, drückte Marcus’ Arm sich nur ein wenig fester um sie. Er unterbrach sie nicht. „Ich glaube nicht, dass Papa mein Vater ist“, sagte sie schließlich. Da war er. Der Satz, der alles veränderte. Marcus schwieg einen Moment. Kein Zögern. Kein Relativieren. Dann sagte er ruhig: „Das tut mir leid.“
Nicht Das ist kompliziert oder Vielleicht täuschst du dich oder Es gibt sicher Erklärungen.
„Du bist die Leidtragende“, fügte er hinzu. „Und Shukran auch. Egal, wie man es dreht.“ Khepris Atem brach an dieser Stelle. Sie zog scharf Luft ein, schon wieder liefen ihr Tränen über die Wangen, bevor sie überhaupt begriff, dass sie weinte. Sie vergrub das Gesicht an seiner Schulter, klammerte sich an den Stoff seines Pullovers. „Es fühlt sich an, als wäre alles… falsch“, flüsterte sie. „Und gleichzeitig weiß ich, dass so vieles echt war.“ Marcus legte seine Stirn an ihren Kopf. „Ich kenne deine Eltern nicht“, sagte er ehrlich. „Ich kann dir nichts Schönes über deine Mutter sagen. Und ich werde sie auch nicht verteidigen.“ Das tat gut. Unerwartet gut.
„Aber ich weiß eins“, fuhr er fort. „Du hast nichts davon verdient. Und egal, was sie getan hat - das ist nicht deine Schuld.“ Khepri schluchzte leise. „Ich weiß nicht, wie ich damit leben soll.“ „Heute musst du das auch nicht“, sagte Marcus. „Heute musst du nur hier sein.“
Sie nickte kaum merklich, atmete langsamer. Die Gedanken waren noch da, aber sie schrien nicht mehr. „Du bist immer hier“, murmelte sie irgendwann. „Nicht… geplant. Einfach… da.“ Er schnaubte leise. „Vielleicht hab ich ein Talent dafür, zur richtigen Zeit wach zu sein.“
„Oder du fühlst einfach immer, wenn ich dich brauche.“ „Auch möglich.“ Sie blieben so sitzen. Das Feuer knackte leise. Die Uhr tickte weiter, unbeirrt. Marcus griff schließlich nach einer seiner Pergamentrollen, ohne sie wirklich anzusehen. „Wenn du willst, kannst du hier bleiben. Schlafen. Oder nicht schlafen. Beides erlaubt.“ Khepri machte die Augen wieder zu. „Ich glaub, ich bleibe tatsächlich.“ „Gut.“ Er zog die Decke noch ein Stück höher.
Der Morgen kam zu früh.
Khepri saß am Slytherin-Tisch, den Ellbogen auf der Holzplatte abgestützt, den Kopf einen Hauch zu nah an Marcus’ Schulter gelehnt. Ihre Augen brannten vom Schlafmangel, ihre Gedanken vom Wachsein. Irgendwann hatte der Gemeinschaftsraum wieder Stimmen angenommen, dann Schritte, dann war aus Nacht Morgen geworden, ohne dass sich irgendetwas wirklich verändert hätte.
Marcus gähnte, ohne es zu verbergen, schob sich ein Stück Brot in den Mund und blinzelte träge in die Große Halle. „Ich schwöre“, murmelte er, „irgendwer hat die Zeit beschleunigt.“ Khepri schnaubte leise. Mehr Energie hatte sie nicht.
Liliana ließ sich ihnen gegenüber auf die Bank fallen, musterte sie beide einen Moment lang und hob eine Augenbraue. „Ihr seht aus, als hättet ihr die Nacht damit verbracht, Existenzkrisen zu sammeln.“ „Morgen“, sagte Marcus. Khepri sagte nichts. Liliana wollte etwas erwidern, hielt dann aber inne. Ihr Blick glitt über Khepris Gesicht, blieb einen Tick zu lange hängen - und dann ließ sie es gut sein. Sie griff nach ihrem Tee. Manche Fragen stellten sich nicht beim Frühstück. Khepri nahm ihre eigene Tasse in beide Hände, obwohl sie kaum trank. Ihre Augen wanderten, fast widerwillig, durch die Halle - bis sie am Hufflepuff-Tisch hängen blieben. Shukran saß dort, den Rücken halb zu ihr, die Schultern locker, das Gesicht offen. Evan Ward hatte sich neben ihn gesetzt, irgendetwas erzählt, das offensichtlich komisch war, denn Shukran lachte - dieses echte, warme Lachen, das ihn wieder ganz er selbst machte. Er gestikulierte, beugte sich vor, nickte, lachte noch einmal. Unbeschwert. Leicht. Lebendig.
Khepris Brust zog sich schmerzhaft zusammen. So sah er aus, wenn nichts auf ihm lastete. So sah er aus, wenn Maya nur einen Spiegel entfernt war. Wenn die Welt - wenigstens für einen Moment - absolut stimmte. Wie könnte ich ihm das jetzt nehmen?
Sie wusste, dass sie etwas wusste. Etwas, das alles verändern würde. Für sie. Für Shukran. Für ihren Papa. Für ihre Mutter. Aber Wissen allein reichte nicht für so etwas. Nicht für diesen Schnitt.
Sie hatte eine Rechnung, eine Theorie, eine Wahrheit, die sich in ihr festgesetzt hatte wie ein Dorn. Aber sie hatte keinen Beweis. Kein Wort aus dem Mund der einzigen Person, die es bestätigen konnte. Und vor allem: Sie hatte keine Antwort auf die Frage, was danach kommen würde.
Khepri senkte den Blick auf den Tisch, besah die Holzmaserung und die Krümel vom Marcus’ Brot. Ich kann ihm das nicht antun, dachte sie. Nicht so. Nicht jetzt.
Nicht, solange sie selbst noch schwankte zwischen Gewissheit und Zweifel. Nicht, solange sie nicht wusste, ob das, was sie fühlte, Wahrheit war oder nur ein Schatten, der sich zu gut in alles einfügte. Marcus legte ihr unauffällig eine Hand auf den Rücken. Sie lehnte sich ein Stück näher an ihn. Das Leben ging weiter, und sie konnte nichts dagegen tun.
Der Unterricht würde wieder beginnen und Prüfungen würden näher rücken. Menschen würden lachen, lernen, sich verlieben. Und Khepri würde weiter funktionieren, weiter denken, weiter mit ihren Freunden lernen.
Du kannst gerade wirklich nichts tun, sagte sie sich. Sie versuchte, das zu verinnerlichen, und legte dieses Thema auf Glatteis, wartend, dass der Sommer dieses Eis schmelzen würde.
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